Gedenktafeln zur NS-Zeit in Wetzlar

 

Tomasz Kiryllow – Verschleppt als 17-Jähriger zur Zwangsarbeit

 

»Wenn ich überlebe - muss ich das alles aufschreiben!«

Der junge zur Zwangsarbeit

aus seiner Heimat nach Wetzlar verschleppte Tomasz Kiryllow (1942 17 Jahre alt) wird im Frühsommer 1943 denunziert, Sabotage begangen zu haben. Er wird verhaftet und in das SS-Arbeitserziehungslager Heddernheim (Frankfurt) verbracht. Dort schwor er sich alles aufzuschreiben, wenn er sein Martyrium überleben sollte. Er überlebt und fasst seine Erinnerungen in einem Buch zusammen, das 1980 in Polen erschien.

 

Am 1. September 2017

lasen Irmgard Mende und Chris Sima aus seinem Buch, das unter dem Titel »Und ihr werdet doch verlieren!“ in deutscher Sprache 1985 im Dietz-Verlag (DDR) erschien. Die von Mende und Sima ausgesuchten Texte reflektieren Tomasz Kiryllows Schicksal und ermöglichen uns hiermit eine Zusammenstellung von Hintergrundinformationen zu der Gedenktafel, die zu seinen Ehren in der Brühlsbachstraße am ehemaligen Werksgelände der Fa. Pfeiffer Apparatebau enthüllt wurde.

 

Einleitung zu den nachfolgenden Texten

Die nachfolgenden Textpassagen wurden von Irmgard Mende und Chris Sima für eine Lesung aus Kiryllows Buch »Und ihr werdet doch verlieren – Erinnerungen eines polnischen Antifaschisten« anlässlich des Antikriegstages am 1. September 2017 zusammengestellt. —› Einzelheiten du dieser Lesung finden Sie hier.

Mit dem Skript der beiden Rezitatorinnen für die Lesung entstand ein zusammengefasster Lebenslauf über Thomasz Kiryllow in dessem Fokus seine Zwangsarbeit in Wetzlar und die Folgen der Anschuldigung, er habe Sabotage begangen, im Fokus stehen. 

Mit freundlicher Genehmigung von Irmgard Mende und Chris Sima können wir die von den beiden zusammengestellten Texte als Hintergrundinformation über die Tafel zu Ehren von Tomasz-Kyryllow vor dem Wetzlarer Hessenkolleg nutzen.

 

Legende zur nachfolgenden Texterläuterung

Zur besseren Lesbarkeit haben wir zwischen den Zusammenfassungen und Übergängen der beiden Rezitatorinnen und den Zitaten aus Kiryllows Buch die Textpassagen farblich hervorgehoben:

  • Zwischenkapitel
    (im Buch nicht vorhanden)
  • Schwarzer Text:
    Ausgewählte Textpassagen aus dem Buch
  • Blauer Text kursiv
    Einleitungen und Übergänge zwischen einzelnen Textpassagen von Chris Sima und Irmgard Mende
  • Rot markierte Stellen:
    Seitenangaben auf die Textquellen im Buch —› xx
 
 

Jugend im sowjetischen Belorussland

Der Juni des Jahres 1941 war schön und sonnig. So war es meist um Glubokoje im westlichen Belorussland. […] Eine leichte Brise kräuselte die Oberfläche des Sees bei Sagorje. Träge dahinziehende Wölkchen spiegelten sich in ihm wider. Zwei Haubentaucher verschwanden in der Tiefe, um an anderer Stelle völlig unerwartet wiederaufzutauchen. Ich stand bis zur Brust im klaren, warmen Wasser und schaute ihnen eine Weile zu. Dann stieß ich mich kräftig mit den Beinen vom sandigen Boden ab und schwamm. […]

Wie ein Haubentaucher kam ich aus dem Wasser empor und sog kräftig die Lunge voll Luft. Nirgends ist sie so wie in Glubokoje. Sie hat ihr eigenes Aroma, eine Mischung von Kalmus, Harz, Faulbaum, Traubenkirsche und Minze […].

Ich sog förmlich die Lebensfreude ein, die die Umgebung ausstrahlte […].
—› Siehe Seiten 5 und 6
 

Jetzt hatte ich mehr Zeit als vor einem Jahr. Die Kühe brauchte ich nicht mehr zu hüten. Sie waren neben dem Haus auf einer Wiese angebunden, die uns vom Dorfsowjet zugeteilt worden war. Übrigens hatte ich mir sorgenfreie Ferien verdient.

Auf dem Zeugnis der Mittelschule von Salesje lauter Einsen. Auf russisch nannte man einen solchen Schüler »otlitschnik« —› Ausgezeichneter. […] Jetzt konnte ich mich bilden, der Unterricht war kostenlos. Nur guter Wille und Ausdauer waren nötig. Und daran hatte es bei mir nie gefehlt. Die russische Sprache habe ich schnell gelernt.
—› siehe Seite 6

 

Sein bisheriges Leben und Familie

Tomasz wurde 1925 geboren. 1927 wandert seine Familie nach Frankreich aus und  Tomasz besucht dort die Schule. 1935 kehrt die Familie nach Belorussland zurück. Er darf die Mittelschule besuchen, die von den Sowjets eingerichtet wird.
Tomasz hat 2 Geschwister: Piotrus  (10 Jahre jünger und Mania, 3 Jahre jünger als er).

—› Siehe Seite 11


Ich hatte ein bisschen im Sand gefaulenzt. Nun machte ich mich barfuß auf den Weg nach Hause. […] Auf einem kleineren Hügel mit sanften Abhängen stand unser aus grobem Tannenholz errichtetes Häuschen. Es war mit Moos abgedichtet und mit Stroh gedeckt. […]  Die Verlängerung des Häuschens waren der Flur und der danebenliegende Stall.
—› Siehe Seite 7
 

In einer jeden belorussischen Stube spielten die Öfen eine besondere Rolle. Wir hatten gleich drei davon. Alle waren aus Ziegelsteinen gesetzt. Der wichtigste war der Backofen. […] Jeden Morgen kochte Mutter in ihm das Essen und einmal in der Woche backte sie Brot.
—› siehe Seite 9

Die Familie profitiert auch von der Bodenreform, die die Sowjets durchführen:
Vor dem Krieg erstreckte sich unser Boden wie ein schmaler Gürtel vom bewaldeten Burgberg bis zum Flüsschen Dobrilowka. Zwei Raine drückten uns erbarmungslos. […] Wir konnten nicht einmal die Hühner auf den Hof lassen, weil sie die Raine überschritten. Tante Emilia schrie dann: »Kusch! Hol euch der Teufel!«.
Jetzt hatte uns der Dorfsowjet in Salesje drei Hektar vom Boden Onkel Jozefs zugeteilt, weil dieser bereits eine große Wirtschaft irgendwo bei Mossar besaß. Jetzt weideten am Burgberg unsere beiden Kühe.
—› siehe Seite 8

 
 

Es gibt eine Kaltschale aus Mangold und klein gehacktem, hartgekochtem Ei und Plinsen aus Weizenmehl »Warum isst du nicht?«, fragte Mutter besorgt. »Die Plinsen sind doch gut, fett.«

»Das ist doch kein Fett vom Speck, sondern Darmfett, und das mag ich nicht.«

»Versündige dich nicht, Söhnchen. Im vergangenen Jahr hatten wir um diese Zeit – vor der Ernte – gar kein Fett mehr. […] Iss und verzieh‘ nicht den Mund, siehst ohnehin schwächlich aus. Deine Altergefährten sind bereits ausgewachsene junge Burschen, und du bist noch so eine Rotznase!«

Eine Selbstbeschreibung von Tomasz:
Unlustig machte ich mich wieder an die Plinsen. Ich sah wirklich nicht interessant aus. Ich war von kleinem Wuchs, schlank, ja mager. Dazu noch blonde Haare wie ein Mädchen und blaue Augen, die zu schmalen Schlitzen wurden, wenn ich lächelte. Auch hatte ich von der Sonne ausgeblichene, fast unsichtbare Augenbrauen und Tränensäcke. Vom Vater hatte ich die Nase und das gespaltene Kinn geerbt. Ich ging auch rasch und in kleinen Schritten wie Papa. Ich hatte eine hohe Stimme, sprach sehr schnell, so dass ich mitunter ins Stottern geriet, die Zunge kam nicht nach, die Gedanken auszudrücken, die sich in meinem Kopf zusammenballten.
—› siehe Seiten 11 und 12

 
 

Nach der Heuernte ruht sich die Familie gerade im Schatten eines Heuschobers aus und trinkt kalten Brotkwaß, als Onkel Joszef finster dazu kommt: »Krieg,« sagte er »wieder Krieg. Deutschland hat die Sowjetunion überfallen und drängt vorwärts. Seine Flugzeuge bombardieren Lwow, Kiew und sogar Vilnius. […] Da werden sie auch bei uns hereinschauen.«

»Das ist unmöglich«, sagte Papa, »Hitler hat doch mit Stalin einen Nichtangriffspakt abgeschlossen.«

»Hitler hat die stärkste Armee der Welt. Bis zum Winter werden die Deutschen Moskau erobert haben, du wirst sehen.«

»Das wirst du nicht erleben,« schrie mein Vater. »Napoleon war auch stark, aber an Russland hat er sich die Zähne ausgebissen. Dasselbe wird mit Hitler geschehen.«
—› siehe Seiten 15 und 16

Die nächsten Tage brachten immer schlechtere Nachrichten. Die faschistische Wehrmacht rückt vor, die Rote Armee zieht sich zurück.

Eines Nachmittags tauchten Panzer mit schwarzen Kreuzen auf der Landstraße auf. Ihnen folgten Kolonnen von Lastkraftwagen und Motorräder. Die darin sitzenden Soldaten in feldgrauen Uniformen hielten schussbereite Waffen vor sich. Sie waren hochmütig und voller Verachtung. Sie zeigten auf die armseligen Hütten und   schmutzigen, barfüßigen Kinder. »Hitler gut, Stalin kaputt«, sagten sie.
—› siehe Seite 16

Die Familie hört vom Gefangenenlager, der schlechten Behandlung der Gefangenen, von Massengräber. 27.000 Sowjetmenschen sollen seit dem Überfall auf die SU getötet worden sein. —› siehe Seiten 19 und 20

Die Menschen haben Angst. Man versucht sich durchzuschlagen. Zum Beispiel mit Hilfe einer Wodkabrennerei —› siehe Seite 19, oder mit Mehl mahlen, oder in der Leinenweberei —› siehe Seite 26

 
 

Was wird jetzt? Wie wird unser Leben aussehen? »Du bist Mitglied des Komsomol. Sie werden dich noch mitnehmen«, sorgte sich Mutter.
—› siehe Seite16

Im März 1942 wurde ich 17 Jahre alt. […] Im April 1942 ging in der Gegend das Gerücht um, dass die Faschisten Jugendliche zum Ausheben von Schützengräben an der Frontlinie einziehen werden. Ich träumte ständig von den Partisanen.
—› siehe Seite 26

Einige Zeit später benachrichtigte der Dorfschulze von Saprudje, Hrybun, den Vater, dass ich für die »Ausreise« nach Deutschland vorgesehen sei. Aus Soriki sollten außer mir Anton Kierski und Mieczek Simankowicz fahren. Ausgerechnet jene Drei, die die sowjetische Mittelschule besucht hatten. —› siehe Seite 27

Der Vater beschwert sich beim Dorfschulzen, er habe nur einen Sohn und der sei noch ein Kind.

Papa kam gebrochen zurück. Hrybun wollte nicht einmal etwas davon hören, dass Tomek von der Transportliste gestrichen werden sollte.

»Dein Sohn war Komsomolze. Er ist für sie politisch unzuverlässig. Du solltest uns danken, dass wir ihn nach Deutschland schicken. Dort ist er in Sicherheit«, sagte er. »Wenn ihn die Nazis hier ausfindig machen, werden sie ihn im Lager von Bereswetschje vernichten. Willst du, dass man ihn im Wald begräbt?«
—› siehe Seiten 27 und 28

Tomasz möchte sich verstecken und zu den Partisanen gehen, doch würden die Faschisten dann den Vater an seiner Stelle verschleppen, und wenn sie erfahren würden, dass Tomasz bei den Partisanen ist, würden sie die ganze Familie erschießen, weiß der Vater.
—› siehe Seite 28

›Wohin wird man uns bringen?‹, überlegte ich. Ich würde gern an die französische Grenze kommen, dann würde ich nach Frankreich fliehen. Dort bin ich groß geworden. Das ist mein zweites Vaterland.
—› siehe Seite 29

»Es wird so sein, wie Gott es will. Seinem Schicksal entgeht man nicht,« seufzte Mama. »Haltet zusammen, Jungs, möge Gott euch beschützen.«
—› siehe Seite 28

 
 

»Der Sammelpunkt war in einem großen weißen Gebäude des Gymnasiums von Glubokoje. […] In den Klassenräumen lagen Strohsäcke. Es war überall stickig. Hier und dort bildeten sich Gruppen, die polnische, belorussische oder russische Lieder sangen.

 

Es wird gesungen

Eines der Mädchen weinte verzweifelt. Bedrückende Stimmung überfiel uns. […] Wir holten die von unseren Müttern vorbereiteten Vorräte hervor. Ich hatte außer Speck, getrocknetem Käse, gekochtem Fleisch und Eiern einen ziemlich großen Beutel mit geröstetem Roggenbrot.

Mutter hatte es im Ofen getrocknet und gesagt: »Wer Brot bei sich hat, der muss nicht um Nahrung bitten«. —› siehe Seiten 31 und 32

 
 

Transport nach Westen

Der Transport ging ununterbrochen westwärts. Am schlimmsten waren die Nächte. Die Waggons waren mit Menschen vollgestopft, an Liegen war gar nicht zu denken. Wir schliefen Schulter an Schulter gelehnt. Schließlich hielt der Zug an irgendeiner Station. Auf einer weißen Tafel stand mit großen Buchstaben »Kelsterbach«

»Aussteigen«, schrie jemand drohend. In einem solchen Ton erteilte Gespräche musste ich später einige Jahre lang hören.
 —› siehe Seite 35

Durch ein breites eisernes Tor betraten wir das Lager. Es war mit Stacheldraht umzäunt. Als unsere Kolonne auf dem Lagerplatz war, fiel das große eiserne Tor krachend zu. Ich spürte es wie eine Peitsche. Ich begriff, dass ich in einer Falle war […] Ich sah mich um. Auf dem riesigen Platz erstreckten sich mit schwarzer Pappe gedeckte Holzbaracken. […] Es wehte erbarmungslos. Unser Leben unter einer feindlichen Bevölkerung, in Baracken, die mit einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben waren, versprach nicht gerade fröhlich zu verlaufen.
—› siehe Seite 35

Tomasz erfährt von seinem Pritschennachbarn, was es mit dem Lager auf sich hat.

»Ihr seid in einem Durchgangslager,« erklärte er. »Alle Ausländer werden hierher gebracht. Alle paar Tage kommen ›Käufer‹ aus den Fabriken und Bauern hierher. Sie kaufen sich Arbeitskräfte.«

»Was für Arbeiten sind es denn?« fragte Anton.

»Das kommt drauf an. Es gibt die verschiedensten Fabriken: die Rüstungsindustrie, Stahlhütten und Kohlegruben. Am leichtesten ist es, Arbeit auf dem Feld zu bekommen, doch die ist schwer […].«

»Ich will in eine Fabrik, in eine Großstadt«, sagt ich nach einiger Überlegung. Die »große Welt« hatte mich immer gelockt.

»Ich auch«, meldete sich Mieczek Simankowicz. »Bleiben wir zusammen, damit wir in dieselbe Fabrik kommen«.
—› siehe Seite 37

 
 

Arbeit in Wetzlar

Kazuch, ein Landsmann aus Belorussland, besorgt Tomasz und Mieczek Arbeit in Wetzlar.

»Nun, Jungs, es gibt Arbeit für euch. Ein Käufer aus einer attraktiven Fabrik ist gekommen. Sie stellen dort Teile für Flugzeugmotoren her. 60 Mann werden gebraucht. Man wird euch das Drehen beibringen. Es lohnt sich, dieses Fach zu erlernen! Eine leichte, saubere und gut bezahlte Arbeit! Dreher werden immer gebraucht.«

»Wozu soll ich das Drehen lernen?«, fragte ich unlustig. »Ich denke gar nicht daran, lange bei den Deutschen zu arbeiten.«

»Meinst du, dass du es besser haben wirst, wenn sie dich in die Grube treiben?« fragte Kazuch empört. »Als Dreher wirst du in einer geheizten Halle arbeiten und die Kurbel drehen. Eine bessere Arbeit findest du in Deutschland nicht.«
—› siehe Seite 39

 

Ankunft in Wetzlar an der Lahn

Wir gingen durch die Stadt. Die hohen, mehrstöckigen Häuser gefielen mir. Keiner von uns hatte bisher aus der Nähe eine so schöne Stadt gesehen. Ich war neugierig, ob wir auch in einem solchen Haus wohnen würden? Über die breiten Asphaltstraßen eilten Autos, Motorräder und Fahrräder. Auf den Gehwegen drängten sich gut gekleidete Passanten. Die Geschäfte hatten große Schaufenster.

Wir passierten das Zentrum und fuhren auf einer Straße, die zwischen dem träge dahin fließenden Fluss und einer sich steil erhebenden Platauwand verlief, aus der Stadt hinaus. Hier und dort erhoben sich rot aus der Erde hervortretende Felsblöcke ab. Hohe, schöne Robinien rauschten majestätisch. Ungefähr einen halben Kilometer hinter der Stadt gelangten wir durch ein Tor auf einen großen Platz, der mit einem hohen Drahtzaun umgeben war. Darüber war Stacheldraht gespannt. Das Tor wurde von einem hinkenden alten Invaliden geschlossen. […]

Wir werden in einer Baracke wohnen. Hinter Draht, also wieder gefangen.
—› siehe Seiten 39 und 40

Das Lager hieß Taubenstein. Tomasz erhält – wie alle anderen- ein Stoffstück mit der Aufschrift »Ost«, welches er auf die linke Brustseite seines Hemdes nähen muss, und er bekommt eine Nummer.

Er stellt fest: So hörten wir auf, Menschen zu sein, und wurden zu Nummern.
—› Siehe Seite 42

 
 

Am nächsten Morgen wurden Tomasz und die anderen Zwangsarbeiter unter der Aufsicht von Wachleuten, die mit Pistolen bewaffnet waren, zur Fabrik geführt.

»Durch die Stadt müsst ihr wie Soldaten in einer disziplinierten Kolonne gehen. Und dass es niemand wagt, aus der Reihe zu treten.«
—› siehe Seite 43

Bei der Fabrik handelte es sich um die Firma Pfeiffer Apparatebau GmbH, die ihre Werkstätten in der Brühlsbachstraße —› heute Hessenkolleg hatte.

Zwei riesige, viergeschossige Gebäude dröhnten. Alle Stockwerke waren, obwohl es Tag war, beleuchtet. Einige Männer kamen aus dem Büro auf uns zu. Es waren die Meister und der Leiter.

Sie schauten uns an, beurteilten uns nach dem Aussehen. Ich erinnerte mich dabei an den Pferdemarkt zu Gulbokoje.

Ich kam in die Dreherei. In der Halle standen Reihen der verschiedensten Drehbänke. […] Der Meister brachte mich zu einer Drehbank, die fast am Ende der Halle stand. An ihr arbeitete ein kümmerlicher Mann, er war mittelgroß, mit eingefallenem Brustkorb. Ich sah mir die Maschine an. Es war eine lange, fast neue Drehbank. Ihre Stahlteile glänzten wie ein Spiegel. Der Kopf mit der in seinen Backen befestigten Metallstange wirbelte wie ein Flugzeugpropeller. Das scharfe, harte Messer schnitt aus ihr, indem es sich zischend in das Metall hineinfraß, bläuliche, sich wie eine Schlange drehende, federnde, heiße Späne. […]
—› siehe Seite 43

» Du wirst hier arbeiten«, wandte sich der Meister an mich.

»Ich kann nicht drehen,« antwortete ich.

»Du verstehst deutsch?« Fragte der Meister verwundert. »das ist sehr gut. Du wirst die Drehbank sauber machen, rundherum ausfegen. Wirst bei der Arbeit zusehen. Du musst lernen, an der Drehbank zu arbeiten.«

 
 

Zur Mittagsessenszeit sind die Arbeiter sehr hungrig. Aus der Werkküche zieht Tomasz ein angenehmer Duft von Erbsensuppe entgegen.

»Nicht hineingehen! Die Werkküche ist nur für Deutsche.«, sagte der Dolmetscher.

Für die Zwangsarbeiter gibt es eine andere Suppe: Der Gestank unserer Suppe rief Brechreiz hervor. Es war eine wässrige Brühe, in der ein paar Kohlrübenstückchen schwammen. »Bei uns füttert man die Schweine besser!« sagte ich fluchend. »Ìch schütte den Dreck weg.« 

»Willst du verhungern?« Maksim Olechnowicz aß gierig. »Wir müssen das essen, was man uns gibt.«

Ich zwang mich zum Essen und schlang die ganze Portion hinein.
—› siehe Seite 45

Alles zu essen, was man bekommen kann, ohne nach der Qualität zu fragen oder wie es schmeckt, wird für Tomasz zum Prinzip seines Handelns, zum Überlebens- Prinzip.

Nach der Mittagspause gingen wir wieder an die Arbeit. Punkt 18 Uhr verließen wir die Fabrikhalle. Müde, ausgehungert, mit dem erniedrigenden Abzeichen OST auf der Brust, zogen wir in einer Kolonne durch die Straßen der Stadt. Wieder führten uns bewaffnete Wachleute. Auf dem Bürgersteig vorübergehende Menschen sahen uns verächtlich, mit offener Feindseligkeit an. Ein vielleicht 7-jähriger Junge spukte in unsere Richtung. Wir begriffen nicht, woher dieser Hass kam. Niedergeschlagen kamen wir im Lager an. Wir wuschen uns flüchtig und stellten uns nach dem Abendbrot an. Wir bekamen je einen halben Liter dünner Suppe mit ein paar Kartoffeln auf dem Boden der Schüssel. Ich wurde immer hungriger, nahm einen Zwieback aus der Tasche, warf ihn in die Suppe und aß mit einem Wolfshunger. Er schmeckte mir besser als die beste Torte.
—› siehe Seite 45

In Tomasz Biographie geht es über weite Teile ums Essen und um die Lebensmittelbeschaffung.

 

HUNGER ist ein Leitmotiv des Buches, Überlebensstrategien ein anderes.

Obwohl es im Jahre 1942 in Wetzlar keinen Mangel an Nahrung zu geben scheint, lässt man die Zwangsarbeiter hungern. Solange Tomasz in Wetzlar war, durfte ihm seine Familie wenigstens noch Lebensmittelpäckchen schicken mit Zwieback, Speck, Butter und Honig. Das half ein wenig.

Wenn einen der Hunger plagt, wird man ideenreich und mutig, Tomasz beschreibt mehrere »Versorgungsvorstöße«, um an Nahrung zu kommen.

Nach Arbeitsschluss treibt sich Tomasz bei der Küche herum, in der Hoffnung, etwas Gemüse aufzutreiben: Eines Tages fand ich neben der Tür zum Lebensmittellager einen ziemlich großen Kohlkopf. Also etwas Essbares. Ich durchschnitt ihn mit dem Taschenmesser, er war weiß und saftig. Ich schnitt das Innere heraus und begann gierig zu essen. Ehe ich mich versah, hatte ich eine Hälfte des Kohlkopfes verschlungen. Ich hätte nie gedacht, dass roher Kohlkopf ausgezeichnet schmecken könnte! Die andere Hälfte versteckte ich im Schrank.
—› siehe Seite 52

Wegen einer Erkrankung kommt Tomasz in das Krankenrevier, das außerhalb der Umzäunung des Lagers liegt:Die physische Erschöpfung ging bald vorüber, aber die Därme spielten umso eindringlicher ihren Marsch. Als ich in der Baracke war, hatte ich so manches Mal gedacht, dass es gut wäre, über den Stacheldraht zu steigen und sich über die schön gepflegten Gärten herzumachen. Das wäre kein Diebstahl gewesen, sondern einfach ein Ausgleich für die Hungermahlzeiten im Lager.
—› siehe Seite 53

Er macht einen nächtlichen Versorgungsvorstoß. Er klettert über Zäune, doch in Schrebergärten sind die Apfelbäume abgeerntet. Auch Möhren findet er keine, jedoch in einem der Gärten vortreffliche Birnen. Er versteckt sie in einer Hecke.
—› siehe Seite 54.

Im Winter werden die Bedingungen im Lager immer schlechter: Jeden Mittag die gleiche Suppe: Wasser mit Kohlrüben. Die Mädchen in der Küche hatten bereits weder Kartoffeln noch Mehl, um sie wenigstens etwas anzudicken. Es war kalt, und man stellte uns eiserne Öfen in die Baracken. Jetzt hätte man etwas kochen können, doch wir hatten auch nicht die allerschäbigste Kartoffel.
—› siehe Seite 60

 
 

Und für die Aussicht, sich satt essen zu können, nimmt man jede Arbeit an, auch freiwillige Sonntagsarbeit bei den hiesigen Deutschen: Unser »Arbeitgeber« für einen Tag wohnte einige Kilometer hinter Wetzlar. Die Hügel waren hier so hügelig wie in Soriki. Im Tal hoben sich rot die Gebäude eines großen Gutes ab, und weiter auf dem Feld war eine Miete zu sehen.  Sicher befindet sich darin ein Schatz für Hungrige, dachte ich – Kartoffeln.

Wir gelangten zur Ansiedlung. Entlang der Asphaltstraße erstreckten sich Reihenhäuser, Einfamilienhäuser mit roten Ziegeln gedeckt. Vor jedem Haus befand sich ein ziemlich großer Garten, und zwischen den Beeten wuchsen Johannis- und Stachelbeersträucher. Vor einem der Häuschen hielt der Deutsche an. Am Weg, der durch den Garten führte, stand ein Gartenzwerg aus Gips, er hatte einen langen Bart, eine Knollennase und ein rotes Mützchen auf dem Kopf. Der Hausherr führte uns in den Schuppen, der sich neben dem Haus befand. Hier lagen große Holzklötze. »Ihr werdet sie zersägen und klein hacken. Gut?«

In seiner Stimme lag nichts Befehlendes wie bei den Wachleuten oder Meistern.
Nachdem sie den letzten Klotz zerhackt hatten, wurden die Männer zum Mittagessen gerufen.

Die Hausfrau lächelte uns zu und gab jedem einen vollen Teller Gemüsesuppe. Sie enthielt viele Kartoffeln und duftete nach Porree und Petersilie. Dann bekamen wir einen gehäuften Teller Kartoffeln mit dicker, fetter Sauce. Brot gab es nur eine Scheibe. Wir stopften die Herrlichkeiten in uns hinein, dass uns die Ohren wackelten. Die Frau sah uns zu und machte große Augen: »So lässt man euch hungern? […] Ich habe noch Kartoffeln und Sauce. Esst!  Fleisch und Brot sind auf Karten. Wir haben selbst nicht viel […]«
—› siehe Seite 61

Wiederum wurden wir uns der Gemeinheit der Direktion der Firma Pfeiffer bewusst, die uns ausbeutete und wie Sklaven behandelte, hinter Stacheldraht hielt, zu arbeiten befahl, aber so schlechtes Essen gab, dass sogar die Deutschen sich wunderten.
—› siehe Seite 61

Die Mieten voller Kartoffeln, die Tomasz auf der Fahrt gesehen hat, gehen ihm nicht mehr aus dem Sinn und es gelingt ihm dann auch, einen Sack voll Kartoffeln aus einer der Mieten zu entwenden – unter größter Gefahr, entdeckt zu werden. Doch sagt er sich: Lieber Schläge riskieren als Hunger leiden.
—› Siehe Seite 62

Leider halten diese Vorräte nie lange vor.

 
 

Immer neue Transporte mit Zwangsarbeitern kommen nach Wetzlar, »Arbeitssklaven« nennt Tomasz sie treffend. Jungs und Mädchen aus der Ukraine.

Die Firma Pfeiffer baut ein neues Lager: »Das Abendessen aßen wir alle zusammen in unserem Lager im Taubenstein. Es war irgendwie lustiger. Selbst bei den Hungerportionen verloren die Mädchen nicht ihren Humor und Schwung. Sie stellten sich an einem der Tische auf und sangen. In der Baracke wurde es still. In ihrem Lied erklang der Wille zu leben, zu kämpfen und zu überstehen«

Musik

In einem Lager, direkt hinter ihrem Zaun, sind russische Mädchen untergebracht, die bei der Firma Leitz arbeiten müssen: Auf sie war ich neugierig. Man sprach von ihrer Anmut und Würde.
—› siehe Seite 67

Die Mädchen locken ihn mit ihrer Koketterie und einer guten Suppe in ihr Lager. Und so stiehlt sich Tomasz trotz aller Verbote immer wieder zu den russischen Mädchen. Auch hier wird viel gesungen: Eine von ihnen stimmte mit Mädchensopran »Kalinka« an. Andere schlossen sich an.

Als sie mit dem einen Liede fertig waren, stimmten sie ein anderes an. Dann sang ich. Ich kannte russische, französische und belorussische Lieder. Dann übernahmen wieder die Mädchen die Initiative.

Alle in der Baracke sangen schließlich das verbotene Lied:

  • »Alle faschistischen Banditen
    Werden geschlagen […]
    Ihrem Untergang werden sie
    Nicht entgehen

—› Siehe Seiten 68 und 69

Murotschka gefällt ihm besonders gut:
Verzaubert blickte ich sie an […] Und da geschah es. Ich umarmte Murotschka , spürte ihren Atem auf meinem Mund. Zum ersten Mal in meinem Leben küsste ich ein Mädchen, und es war ein Kuss, der keinem späteren ähnlich war. Ich fühlte mich glücklich. Ich drückte Mura an mich, lauschte ihrem Flüstern wie einem Lied.
—› siehe Seite 69

 
 

Kontrolleur Schmidt

Nachdem die Zwangsarbeiter gelernt hatten, selbstständig zu arbeiten, übergaben ihnen die Dreher die Drehbänke und führten andere Arbeiten aus. Einige gingen zur Armee, so auch die mürrische Bulldogge, die uns nicht ausstehen konnte.

Es war keine schwere Arbeit. Man musste lernen, die Drehbank anzulassen und die Tätigkeiten zu verrichten, die für das Drehen der Einzelteile unerlässlich waren, musste mit dem Messschieber, dem Mikrometer und anderen Geräten umgehen können. Die Arbeit verlief nach einem Bandsystem. […] Die Deutschen montierten aus den Einzelteilen Flugzeugmotoren.

Der Meister ging von Maschine zu Maschine. […] Insbesondere achtete er darauf, dass es keinen Ausschuss gab. Die Teile wurden vom technischen Kontrolleur Hans Schmidt geprüft. Er war ein sympathischer, brünetter Mann, wehruntauglich. Er stand hinter dem Rücken des Arbeiters und blickte auf dessen Arbeit. Mitunter nahm er Teile aus dem Schrank, maß die Länge, Breite und Dicke der Wand. Er prüfte die Abmaße der Vertiefungen und Ausstanzungen.
—› siehe Seiten 57 und 58

Der Kontrolleur Schmidt unterhält sich gelegentlich mit Tomasz und erkundigt sich, wo sie wohnen und was sie zu essen bekämen.

Aus seinem Verhalten schlussfolgerten wir, dass er kein Nazi war, er war nicht überheblich, sagte nicht wie die anderen: Russland kaputt. […]

Einmal sagt er: »Ich habe Brot in die Schublade gelegt. Iss‘ es gleich, aber nicht in der Halle, und sprich mit niemandem darüber. Es ist streng verboten.« […]

Hans Schmidt legte mir oft Brot in die Schublade. Montags bekam ich süßen Obstkuchen.

 

Nachtschicht

In Tomasz Halle werden Nachtschichten eingeführt: Am Abend machten wir uns auf den Weg in die Fabrik. Apathisch gingen wir an die Arbeit. Als die Dunkelheit hereinbrach, wurden die Fenster dicht verhängt. Verdunkelung! Die Zeit zog sich unbarmherzig in die Länge.

Bis Mitternacht arbeitete ich noch irgendwie, doch dann wurde ich schläfrig. […] Gegen Vier Uhr früh fielen die Augen zu.

Ich ging zur Toilette. Kaum saß ich, da fiel ich schon in einen tiefen Schlaf. Ein lautes Klopfen an der Tür weckte mich. Der Meister war wütend. Ich ging an die Drehbank zurück. Eine zeitlang tat ich, als ob ich eifrig arbeitete. Der Kopf mit dem groben Kupferstab in den Backen drehte sich wie ein Flugzeugpropeller. Ich sah alles doppelt und dreifach. Mir war, als ob sich die Halle in mir drehte.

Ich kehrte ins Lager zurück und träumte davon, mich so rasch wie möglich ins Bett zu legen. Es wurde nichts daraus, denn wir mussten in ein neues Lager umziehen.
—› siehe Seite 67

 
 

»Langsamer und schlechter«

In der Nacht arbeitete ich wie ein Automat. Ich hätte meine Drehbank gerne defekt gemacht, wusste aber nicht, wie ich es anstellen sollte, damit der Meister nicht bemerkt, dass das mein Werk war. Es wuchs der Wille, Schaden anzurichten, nicht dem Meister allein zu schaden, sondern allen hier, die uns ausbeuteten, um die Macht des Faschismus zu stärken. So wurde ich ohne direkte Hilfe der erfahrenen Russen, Polen, Belorussen zu einem Mitglied der kämpfenden Gemeinschaft, noch nicht Widerstandsbewegung, doch zu einem, der dieser Bewegung sehr nahe stand.
—› siehe Seite 70

Die Nächte in der Fabrik waren nicht ruhig. Durchdringendes Sirenengeheul ertönte. Rufe wie  »Fliegeralarm!« […] Die für gewöhnlich herrischen »Übermenschen« drängten voller Panik in die Luftschutzkeller.

Das Beben der Erde und das Surren der Flugzeuge nahmen zu. Der Tod flog über uns. Doch er traf uns nicht. […] Es war die erste Hilfe der Alliierten.

Die Firma erhöht den Arbeitsdruck auf die Zwangsarbeiter:
In einer Versammlung sagt der Direktor, dass wir die Normen nicht erfüllen, dass wir uns mehr anstrengen müssen.«
—› siehe Seite 71

Die Arbeiter reagieren wütend:
»Kein Essen, keine Kraft!« […] »Entweder sie verpflegen uns wie es sich gehört, oder wir streiken.«

Da Tomasz als Einziger ordentlich Deutsch sprechen kann – neben ihrem Dolmetscher – und der unterstützt sie nicht – wird er von den anderen aufgefordert, dem Direktor ihre Forderung vorzutragen: So gut ich konnte, schilderte ich dem Direktor unser Vegetieren im Lager und bat um besseres Essen. »Mehr essen wollt ihr?«, er ballte die Faust. Sein feistes, aufgedunsenes Gesicht wurde rot vor Empörung.

»Warum sagst du nicht, dass ihr mehr arbeiten wollt? Besser essen unsere deutschen Arbeiter auch nicht. Es ist Krieg! Unsere Soldaten an der Front haben es schlechter als ihr. Euch droht hier nichts!

Und du wagst das zu sagen! Du solltest Meistergehilfe sein, den Leuten erklären, dass sie gut arbeiten müssen, und kommst als Aufwiegler hierher! Dein Meister beklagt sich seit geraumer Zeit über dich. Du sabotierst die Arbeit. Weißt du, was eine Meldung an die Gestapo bedeutet?«
—› siehe Seiten 71 und 72

Die Arbeiter und Arbeiterinnen beschlossen die Aktion: Langsamer und schlechter!

Ich arbeitete langsam, machte eine Menge Ausschuss. Ich ging zu den anderen Maschinen und erinnerte die Jungen an unseren Beschluss, langsamer und schlechter zu arbeiten. […]

 

Sinkende Arbeitsproduktivität der »Ostarbeiter«

»Weshalb ackerst du so und verlierst die letzten Kräfte?«

»Alle schuften, haben Angst vor dem Chef.«

»Hast du Angehörige, Brüder?«

»Ich habe einen Vater und drei erwachsene Brüder.«

»Wo sind sie jetzt?«

Fast weinend sagte sie: »Ìn der roten Armee«.

»Siehst du, Oksana, so ist das. Du drehst für ihre Feinde Motorenteile. Woher weißt du, dass aus einem Flugzeug mit den von dir gedrehten Teilen die deutschen Faschisten nicht deinen Vater oder Bruder töten?«

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Doch was kann ich schwaches Mädchen schon ändern?«

»Arbeite so langsam wie möglich, und mach möglichst viel Ausschuss. Wenn dich der Meister deshalb zur Rede stellt, sag ihm, dass du Hunger hast und keine Kraft zu arbeiten. Sag es auch den Kameradinnen. Doch pass auf, geh damit nicht zu Hryciek Stanasiuk.«
—› siehe Seite 73

Bald sank die Arbeitsproduktivität der »Ostarbeiter«. Es wurde auch mehr Ausschuss festgestellt. Der Meister kochte vor Wut. »Zwanzig Prozent Ausschuss. Sag bloß nicht, dass das keine bewusste Schluderarbeit ist. Das ist Sabotage!«

Die Ostarbeiter in Tomasz Halle sind beunruhigt über das weitere Schicksal von Tomasz. Der Meister aus der Werkzeugabteilung warnt ihn: »Sieh dich vor. Ihr habt in der Baracke Spitzel. Sie haben hinterbracht, dass du zur Sabotage anstiftest. […] Red‘ nicht. Hier sind deine Kameraden.

Auch ich bin ein halber Pole. Im Herzen polnisch. Nach den Papieren Reichsdeutscher aus Bunzlau  Wir wollen nicht wissen, ob du in einer polnischen, russischen oder anderen Gruppe tätig bist. Doch darfst du jetzt nicht unangenehm auffallen. Du musst gute Einzelstücke herstellen. Und hör auf, über Rundfunkmeldungen zu berichten.«

Erst an der Drehbank wurde mir der Ernst der Lage bewusst. Wegen Sabotage wird man aufgehängt. […] Gleichzeitig erkannte ich, dass es hier in Wetzlar eine organisierte illegale Widerstandsbewegung gab, eine internationale Bewegung, die von Leuten geleitet wurde, die erfahrener waren als ich.
—› siehe Seite 75

 
 

Tomasz wird in die Zange genommen

was bisher geduldet wurde, dessen wird er nun angeklagt, nämlich Verbote übertreten zu haben: ohne Passierschein in die Stadt gegangen zu sein, das Lager der Mädchen besucht zu haben […] Schwarzhandel wird ihm vorgeworfen.
 —› siehe Seiten 77 und 78

Tomasz wird zur Fabrikdirektion gebracht, er wird beschimpft, geschlagen und im Dunkelarrest eingesperrt:
»Aufstehen! Du wirst nicht mehr in der Fabrik arbeiten. Die Sachen lässt du den Kumpeln, du brauchst sie nicht mehr.«

Ich glaubte, dass man mich wegen Sabotage erschießen würde. Angst lähmte mich. Ich wollte leben. Ich war ja erst 18 Jahre alt.
—› siehe Seite 78 und 79

Von dort wird er zur Polizei gebracht: »Auflehnung, […] Sabotage […] Antihitlerpropaganda?« zischte der Polizist. „Ich blickte auf den Gummiknüppel, der auf dem Tisch lag.

 

Poesie wird ihm zur HIlfe

Tomasz wird in eine Gefängniszelle gesperrt:

Mich ergriff eine böse Ahnung, die das Denkvermögen schwächte. Angst würgte mich, die Angst des gehetzten Menschen. Und da kam mir, – oh Wunder – die Poesie zu Hilfe. Ja, so war es, wenngleich es mir heute eigenartig vorkommt. Ich erinnerte mich nämlich an ein Gedicht, von Puschkin, das ich in der sowjetischen Mittelschule gelernt hatte:

  • Ich sitze im Kerker, die Mauern sind nass.
    Ein Adler ist Freund mir im grauen Gelass.
    Der trauert wie ich, und er hackt in sein Mahl,
    er breitet die Flügel in klagender Qual.

Dann fielen mir andere Gedichte ein. […] Ich fand wieder Ruhe. Die Strophen der Dichter vertrieben die Angst des Menschen, der auf den Schlag wartete, aus der Zelle.
—› siehe Seite 79 und 80

Tomasz wird zum Bahnhof gebracht und in einen Gefängniswagen gesetzt. Wieder stellte sich Angst ein. Sie bringen mich dorthin, wo ich keine Sachen mehr brauche. Also wohin? […] Aber ich lebe ja. […]

Und da hörte ich das düstere Wort: Straflager.
—› Siehe Seite 81

 
 

»Überleben, um zu berichten«

Wir fuhren lange. Ich verlor das Zeitgefühl. Der Hunger machte mir zu schaffen – über einen Tag lang hatte ich nichts gegessen. Schließlich kamen wir an einer großen Station an. Auf den Bahnsteigen standen viele Züge, Soldaten- und Panzertransporte. Ich sah zerstörte Gleise. Unweit ragten die Ruinen bombardierter mehrstöckiger Wohnhäuser hervor.

Vor dem Bahnhof stiegen wir in ein muffiges Gefängnisauto. Wir fuhren kreuz und quer durch die Stadt, bis ein Soldat in der Uniform der faschistischen Wehrmacht »Aussteigen!« brüllte. An der Mütze hatte er einen Totenkopf. Beim Aussteigen hagelte es unerwartet Schläge mit der Reitpeitsche auf Kopf und Rücken. Ich schützte mich mit der Hand und rannte vorwärts.

Halb benommen schaute ich mich um. Wir befanden uns auf einem großen Platz, der mit feinem, schwarzem Kies bedeckt war. Auf dem Platz standen Holzbaracken. Der Platz und die Baracken befanden sich in einer Geländeeinbuchtung, am Rande zog sich ein hoher Holzzaun entlang. Wir waren vollkommen von der Welt isoliert. Mir war, als ob ich mich plötzlich in der tiefsten Hölle befände. Der SS-Mann stand breitbeinig bei einer der Baracken. Er schwang ständig die Reitpeitsche, blickte uns mit zusammengekniffenen Augen an, wie eine Katze auf Mausfang. Er schrie wie ein Automat: »Im Laufschritt, marsch! Nieder! Auf! Im Laufschritt, marsch!«

Mir raste das Herz, vor meinen Augen tanzten bunte Kreise die Beine waren schwer wie Blei. Ich erhob mich vom Boden, fiel wieder hin und hoffte, dass das nun das letzte Mal sei, dass der SS-Mann endlich dieses unmenschliche Spiel unterbricht. Ich war am Ende meiner Kräfte. Geschehe, was mag, ich stehe nicht mehr auf, beschloss ich. Doch ich biss die Zähne zusammen, dass es schmerzte, fiel wieder nieder, stand auf, nieder, auf, beherrscht von dem Gefühl der Ratlosigkeit, des Hasses und der Erniedrigung.

In der Nacht träumte ich, - und daran erinnere ich mich bis heute genau - dass ich in die Arme eines Kraken fiel. Das Ungeheuer umschlang meinen Körper mit seinen grässlichen Fangarmen. […]

Durch Getrampel beschlagener Stiefel und Gebrüll wurde ich wach. Ich befand mich in einer Baracke, die mit dreistöckigen Holzpritschen vollgestellt war. Von der Tür drangen drohende Rufe zu uns: »Weiter! Los! Aufstehen! Ihr verfluchten Schweine!«

Auf die Köpfe, Rücken und Arme der erschrockenen Häftlinge hagelten Schläge mit der Reitpeitsche. Vor Angst sprangen wir von den Pritschen. Im Nu war ich angezogen und lief mit einer Gruppe von Häftlingen in Richtung Tür. SS-Leute mit schlagbereiten Stöcken trieben die Menschen aus der Baracke.

»Schlagen sie oft so?« fragte ich meinen Nachbarn, einen Polen. Er hatte schon einige Wochen hier zugebracht.

»Immer, mein Bruder. Das ist hier das Arbeitserziehungslager Frankfurt (Main) - Heddernheim. Hier herrscht das Prinzip: Immer im Laufschritt, zum Waschen, zur Toilette, zum Mittagessen oder wohin auch immer. Immer musst du im Galopp eilen und ständig, auf Schritt und Tritt, wo dich die SS-Männer erwischen, schlagen sie. Täglich kommen hier Menschen um durch die Schläge, das schlechte Essen, die schwere Arbeit.«

 

14. Mai 1943 – Der 1. Tag im Arbeitslager

Zur Überprüfung des Häftlingsbestandes wurden wir auf den Appellplatz gerufen. Auf dem Appellplatz herrschte eine düstere, Hass sprühende Atmosphäre. Gegenüber der Häftlingsreihe standen SS-Männer mit schussbereiten Maschinenpistolen. 

Es war sehr kalt. Mit am Körper ausgestreckten Armen stand ich wie eine steinerne Statue, bemüht, mich nicht zu rühren. Hinzu kam, dass die Flöhe unbarmherzig bissen. Nirgends hatte ich so viele Flöhe gesehen. Am Tag zuvor, als man uns in die Baracke gesperrt hatte, griff sofort eine riesige Invasion an, si krochen aus den Ritzen im Fußboden. Ich fühlte, wie sie die Beine hochkrochen, den Bauch, den Rücken und die Brust angriffen, in den Hals bissen. […] Jeder Zentimeter meines Körpers war durch rote Bissstellen gezeichnet.

Es war sehr kalt und es fiel ein feiner, unangenehmer Nieselregen. Die Häftlinge schlugen die Kragen der grauen Lagerjacken hoch. Sie hatten auf den Rücken und den Hosen rote Streifen und die Buchstaben AEL für Arbeitserziehungslager. Die feuchte Drillichkleidung klebte an den Körpern. Die SS-Männer stellten sich in ihren Regenmänteln unter das schützende Wetterdach. Ich fror mehr als im strengsten Winter bei uns. Wieder griff mein alter Bekannter, der Hunger, meine Eingeweide an.

Endlich kam der Befehl, in die Baracken zu gehen. Die Häftlinge ergriffen die Emailleschüsseln und standen blitzschnell vor der Küche Schlange. Die Ungeduldigsten drängelten, ohne sich anzustellen. Der Häftlingsdolmetscher schlug sie mit dem Stock und vertrieb sie. Trotz des Hungers stand ich geduldig in der Schlange. Gierig ergriff ich meine Brotportion und die Schüssel mit Suppe. Ich blickte auf das Brot und überlegte, ob ich es gleich essen oder die Hälfte für den Abend lassen sollte. 200 Gramm mussten für den ganzen Tag reichen. Die Suppe war aus Kartoffelschalen, die durch den Fleischwolf gedreht waren, mit abgestandenem Wasser gekocht. Allein der Anblick dieser trüben Flüssigkeit erregte Brechreiz. Doch um zu leben, musste man essen. Meine Kameraden verschlangen den Dreck und drängelten sich nach einem Nachschlag. Den Ekel überwindend, zwang ich mich zu essen.

 

Selbsterhaltungstaktik

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Arbeit. Von Zeit zu Zeit bückte sich einer der Häftlinge, um einen Zigarettenstummel aufzuheben. Das war riskant. Wegen Kippensammelns wurde man von den SS-Leuten geschlagen. Der Pole Lojewski hatte schon Erfahrung als Häftling: »Ein Gewohnheitsraucher zieht dem Essen ein paar Zigarettenzüge vor. Das tötet das Hungergefühl und beruhigt die Nerven. Hier bekommst du für eine Handvoll Tabak eine Brotration.«

Wir bogen auf ein Feld ein, das durch Gräben durchzogen war. Ein Häftlingsdolmetscher gab Schaufeln und Spitzhacken aus. Wir begannen in dem steinigen, harten Untergrund zu graben, die SS-Leute trieben uns an: »Schippen, hacken! Schippen, hacken! Schneller, schneller! Faules Pack!« Ich spürte, dass ich dieses Tempo nicht lange würde durchhalten können.

»Lerne, mit den Augen zu arbeiten,« flüsterte Lojewski. »Schau auf die alten Häftlinge.«
Ich beobachtete, dass meine Kameraden aufmerksam die SS-Leute beobachteten. Wenn sie sich entfernten, arbeiteten sie langsam, ruhten sich aus. Wenn der SS-Mann sich umdrehte, warfen sie mit raschen Schulterbewegungen die Erde aus dem Graben. »Man muss die Kräfte schonen,« belehrte mich Lojewski. »Du bist jung und musst überleben, damit du nach dem Krieg darüber sprechen kannst, was hier geschehen ist.«

Schweren Schrittes kehren wir abends ins Lager zurück. Die Holzschuhe scheuerten die lahmen, schmerzenden und mit Eiterwunden bedeckten Füße. Schmutzig, erschöpft und hungrig kamen wir am Lagerplatz an. Ungeduldig drehten sich die Jungen um, sie wollten ein paar Worte wechseln.

»Hinlegen! Auf! Marsch, marsch!« brüllte ein Sadist in Uniform.

Mit übermenschlicher Willensanstrengung, die letzten Kräfte zusammenraffend, um nicht aufzufallen, krochen die Häftlinge über den Boden, machten Froschsprünge. Endlich war Schluss! Auf schwankenden Beinen schleppten sie sich zu den Waschräumen. Das kühle Wasser tat wohl. Und nun konnten sie sich nach der Suppe aus Kohlrüben und Kartoffelschalen anstellen. Ein jeder Schluck des warmen, wenn auch elenden Fraßes war eine Lebenschance.

Das war der 14. Mai 1943, meine erster Tag im Arbeitslager Frankfurt(Main)-Heddernheim.

Die Behandlung der Häftlinge im Arbeitslager Heddernheim ist furchtbar. Es ist unfassbar, unter welchen Bedingungen Menschen überleben können.

Im Lager freundet er sich mit dem Mithäftling Grigori Stoletow an. Der sagt ihm:
»Bleib tapfer! Die Hölle muss überstanden werden. Du hast noch das ganze Leben vor dir.«

 

Verurteilung

Alle 3 Monate kam ein Gestapo-Mann ins Lager und fällte Urteile en gros.
Ich wartete auf dieses »Gericht«. Während des Morgenappells verlas der SS-Mann die Häftlingsnummern - auch meine – und befahl uns, vor dem Büro Aufstellung zu nehmen. Im Innern hörten wir Gebrüll in deutscher Sprache und die Schreie des sowjetischen Häftlings. Wir wussten, dass geschlagen wurde.

»Weshalb schlagen sie?« fragten wir den Funktionshäftling.

»Der Richter verliest die Anklagen, und wer sich nicht dazu bekennt, bekommt Schläge und ein höheres Urteil.«

»Ich weiß doch nicht, wessen ich beschuldigt werde.«

»Sich bekennen, aber nicht zu allem. Such dir eine Schuld aus und sag: ›Jawohl!‹ «

Ich betrat das Zimmer. Einer von den Gestapo-Männern nahm einen Ochsenziemer vom Tisch und fragte nach meinem Namen.

»Kiryllow, Tomasz.«

»Wie alt bist du?«

»Achtzehn und vier Monate.“

»So jung und schon ein gefährlicher Bandit. Du betreibst Antihitlerpropaganda?«, fragte der Richter. »Sabotage? Schwarzhandel?«
»Ich bekenne mich zu den Gesprächen in der Baracke.« Antwortete ich.
Ich spürte einen brennenden Schmerz. Der mit dem Ochsenziemer hatte mir eins über den Rücken gegeben. Am nächsten Tag erhielt ich eine rote Armbinde, die ich an den linken Ärmel heften musste. Ich war nunmehr ein »Politischer«.
Eines Tages begegnete mir ein Häftling, zeigte mit dem Finger auf die Binde und sagte: »Kameraden.«

3. August 1943. Alle Häftlinge mit roten Armbinden wurden verständigt, dass sie an dem Tag nicht arbeiten gehen. Gegen Mittag brachte uns ein SS-Mann ins Bad. Das Wasser war heiß und wir bekamen Seife. »Man bringt uns wahrscheinlich an die Ostfront; wir werden Gräben ausheben.« – »Das wäre zu schön – Die Hälfte von uns würde zu den Partisanen überlaufen.«

Nach dem Baden brachte uns die SS ins Kleiderlager. Wir zogen Zivilkleidung an. Wir waren ungefähr 50 Mann und hatten nur zwei Begleiter. Auch das erfüllte uns mit Zuversicht. Wenn wir nicht allzu sehr bewacht waren, heißt das, wir kommen nicht hinter Stacheldraht. Wir stiegen in normale Abteile eines Personenzuges. Wir waren voller Hoffnung.
—› siehe Seiten 82 - 99

 

 

 
 

»Jedem das Seine« Nummer »14 640«

Die Räder des Wagens dröhnten rhythmisch. Telegrafenmasten huschten am Fenster vorüber. Auf den Feldern nahm das Leben seinen normalen Lauf. Die Bauern mähten Getreide. Nach vielen Monaten in stinkenden Baracken nahmen wir voller Neugier die Dorflandschaft in uns auf. Als ich von Janek geweckt wurde, hieß es »Endstation«.

Auf einer großen weißen Tafel am Bahnsteig las ich »Weimar«. Hier lebte der große deutsche Dichter Goethe, sagte ich. Die Kameraden zuckten die Achseln. Zwei große Lastkraftwagen mit Plane holten uns ab. »Alle aufsteigen! Los! Schnell!« Einige SS-Männer stießen uns mit Maschinenpistolen in Richtung Lastkraftwagen.

Wir fuhren ständig bergauf. Der Weg führte durch einen Wald. Zu beiden Seiten standen große Buchen. Ich sah deutlich, wie wir einen Stacheldrahtverhau passierten, dann einen zweiten. Wir hielten vor einem großen eisernen Tor mit der geschmiedeten Aufschrift »Jedem das Seine«.

 Ein SS-Mann mit stumpfem, bösem Gesicht zählte uns. Vom bewachten Tor kamen wir auf einen großen Platz. Im Hintergrund befanden sich Baracken. Auf der Straße zwischen den Baracken tauchten einige menschliche Gestalten auf. Sie trugen einheitliche Kleidung, blau-grau gestreift.

Ein untersetzter Häftling mit einem »T« auf einem roten Dreieck, also ein Tscheche, öffnete uns das Tor. »Ihr seid hier in Quarantäne. Jeder neue Transport bleibt zwei Wochen hier.  Ihr werdet einer Desinfektion unterzogen, erhaltet Lagerbekleidung, und erst dann werdet ihr nach Nationalitäten auf die Blocks verteilt. Ihr müsst Ruhe bewahren und für Ordnung sorgen. Ich bin hier der Stubendienst.«

Im Quarantäneblock erhielt ich einen schwarzen Winkel und einen weißen Stoffstreifen mit der Nummer 14 640. Solange ich noch meine Zivilkleidung getragen hatte, hatte ich auf Veränderung gehofft. Diese gestreifte Kleidung machte mir klar, dass ich zu Lageraufenthalt verurteilt war. »Auch hier leben Menschen«, sagte ein Häftling. »Man darf nicht verzagen. Ich sitze schon seit 10 Jahren in Konzentrationslagern und ich bin überzeugt, dass ich wieder herauskomme.«

Ich wusste nicht, ob ich es fertigbringen würde, hier zehn Wochen auszuhalten. Ich wog nur noch 48 Kilo, war Haut und Knochen.

 

Solidarität und Tipps

Im Schlafraum standen dreistöckige Holzpritschen dicht beieinander. Überall herrschte Sauberkeit. Ich erhielt eine Decke und zwei Laken. Am Abend kehrten die anderen Häftlinge in den Block zurück. »Wir haben einen Neuen«, sagte der Stubendienst.

»So einen Jüngling haben sie unserem Block zugeteilt?« wunderte sich ein Nachbar. »Du solltest, lieber Landsmann, bei den Minderjährigen sein. Bist du schon achtzehn?«

»Achtzehneinhalb,« erwiderte ich leise.

»Heute bin ich dran mit Nachschlag. Du wirst ihn für mich nehmen.«

»Morgen kannst du meinen haben.« Sagte ein anderer.

Dann hieß es »Heraustreten zum Appell«. Das Lagerorchester marschierte über die Hauptlagerstraße zum Appellplatz und spielte einen Marsch. Hinter dem Orchester gingen die Häftlingskolonnen, nach Blocks geordnet. Über uns braute sich wie eine schwarze Fahne der aus dem Krematorium emporsteigende Rauch zusammen. Der Wind wehte. Aus dem grauen Himmel begann es zu regnen.

Der Anblick des Krematoriums, das Rauch spie, verfolgte mich in der Nacht. Mit zitternden Händen zog ich am Morgen die gestreifte Hose und die Jacke an. Eilig strich ich die Decke glatt und rannte in den Waschraum. »Du, Neuer, warte mal,« rief es hinter mir her, »mach dein Bett ordentlich, sonst wird dir der Stubendienst die dürren Knochen zählen. Das Bett muss glatt sein wie ein Brett, deins aber sieht aus wie die Lagerstätte eines Bären.«

 

Arbeit und Solidarität

Ich wurde dem Steinbruchkommando zugeteilt. Es war eines der schlimmsten Kommandos. Der Kapo und die Vorarbeiter hatten grüne Winkel, das hieß, sie waren meist Kriminelle. Sie trieben und schlugen zur Arbeit. Die Tage ähnelten einander: Schwere zwölfstündige Arbeit und systematische Unterernährung. Täglich sah ich mit an, wie SS-Leute Kameraden erschlugen. Doch ich wollte leben und kämpfen. Ich sah keine Gelegenheit, die Arbeit zu sabotieren. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass mir, je schwächer ich wurde, meine Umwelt umso gleichgültiger wurde.

»Der Steinbruch macht dich fertig«, sagte der ältere, grauhaarige Kamerad. »Von Tag zu Tag wirst du einem Skelett ähnlicher. Du musst dich unbedingt um eine leichtere Arbeit bemühen, sonst wirst du umkommen. Von Zeit zu Zeit suchen sie Facharbeiter, Elektriker, Schlosser, Tischler und andere.«

»Ich bin kein Handwerker«, sagte ich. »Ich habe ein Jahr an der Drehbank in einer Fabrik für Flugzeugmotoren gearbeitet.«

»Hier werden auch Dreher beschäftigt, und zwar in den Gustloff-Werken. Dort sind zwar keine Plätze frei, aber du könntest dich als Tischler melden. Die Kameraden werden dir helfen. Wichtig ist, die Meister am ersten Arbeitstag zu betrügen. Wenn du den Verbrecher betrügst, kämpfst du. Den Feind muss man mit derselben Waffe bekämpfen, die er gegen dich verwendet.«

Eines Abends saß ich am Tisch in der Stube, da ertönte aus dem Lautsprecher über der Tür die Lagermeldung: »Dreher melden sich in der Arbeitsstatistik.« Am nächsten Tag eilte ich sofort nach Arbeitsschluss hin. Hier stand schon eine lange Schlange. Im Büro saßen zwei Funktionshäftlinge, sie schrieben meine Nummer auf »Vierzehn Sechsundvierzig«. In der Baracke sagte der Hauptmann: »Du fährst in eine Außenstelle von Buchenwald, nach Schönebeck bei Magdeburg. Dieses Kommando arbeitet in den Junkers-Werken, einer Flugzeugfabrik. Dort muss man ziemlich schwer arbeiten, bekommt aber gut zu essen.«

 
 

Solidarität und Musik

Gemeinsam mit anderen Drehern wurden wir in Güterwagen verladen und nach Schönebeck gebracht. Das Lager war nicht groß, drei Holzbaracken, hinter der hohen Stacheldrahteinzäunung erstreckten sich tote Lehmfelder. Vor den Baracken standen Gruppen von Häftlingen. Sie sahen elend und abgezehrt aus. Doch spürte man nicht die Todesstimmung wie in Buchenwald: es bellten keine dressierten Schäferhunde, es brüllten und schlugen keine Kapos oder SS-Männer. Und das wichtigste – es war kein Krematoriumsschornstein mit schwarzer Rauchfahne zu sehen.

Der Stubendienst begrüßte mich mit einem Lächeln: »Du passt nicht zu uns. Haut und Knochen. Wir werden unsere liebe Not haben, dich so weit zu bringen, dass du einigermaßen aussiehst. Ich bringe euch einen Neuen. Kümmert euch um ihn, dass er uns nicht abkratzt. Er ist jung und nicht an ein Lager gewöhnt.«

Der Stubendienst brachte mir eine Schüssel voll Suppe. Schon lange hatte ich keine solche Suppe in Lagern gegessen. Und mein Nachbar bat mir Nachschlag geben zu dürfen, wenn etwas im Kessel bliebe.

Am anderen Ende des Tisches saß ein großer junger Häftling mit einem originellen Instrument: einem etwa 1 Meter langen Brett, das mit einer Saite bespannt war. Er zupfte die Saite mit dem Daumen der linken Hand und führte mit der Rechten eine Flasche über die Saite. Das Instrument gab klagende, melodische Laute von sich, ähnlich einer Hawaiigitarre. Im Nu versammelten sich Zuhörer um den Tisch. Franus spielte einen Tango, Krakowiaks und volkstümliche Melodien. Ich hörte wie verzaubert zu. Doch die Müdigkeit tat das ihre.

Ich schlief 2 Tage. Am dritten Morgen rüttelte mich der Stubendienst: »Wach auf! Du musst essen!« Ich setzte mich an den Tisch und begann zu essen. Der lange Schlaf hatte den geschwächten Organismus gestärkt. Ich aß gleich zwei Brotrationen auf einmal und trank schwarzen, bitteren Kaffee. Durch den Stacheldraht sah ich Menschen und Autos. Es war ein anderes Bild als in Buchenwald. Ich hatte nicht mehr den Rauch des Krematoriums vor Augen, sah auch keine auf Beinen wankenden Skelette. Hier dachte ich zum ersten Mal: Ich komme durch!

Der Weg vom Lager zur Fabrik war nicht weit. Und führte zwischen Stacheldraht hindurch. Die Halle, in die man mich führte, war größer als die in Wetzlar, in langer Reihe standen hier Drehbänke. Es war warm, roch nach Schmiere, die Maschinen dröhnten monoton. Das kannte ich schon. Ich holte mir Material und begann meine Arbeit bei den Junker-Werken in Schönbeck. Ich arbeitete zwölf Stunden in Schichtarbeit. Am schlimmsten war die Nachtschicht. Gegen Morgen fiel ich vor Müdigkeit um. Ich bemühte mich, nicht aufzufallen. Jene, die auffielen, und die Kranken schickte man nach Buchenwald. Und nicht nur dorthin. Man sprach mit Grausen von Bergen-Belsen, einem Lager, aus dem es keine Rückkehr gab.

Der Krieg forderte Ersatzteile für die Flugzeuge. Ich wollte meinen Todfeinden nicht bei der Rüstung helfen. In Wetzlar hatte ich die Arbeit sabotiert und es endete für mich mit einem Straftransport. Jetzt arbeitete ich wieder, um mich am Leben zu erhalten, in der deutschen Rüstungsindustrie, mit verzweifelter, kraftloser Erbitterung. Immer wenn ich ein neues Teil für ein Flugzeug zu drehen begann, überlegte ich, ob ich ein Kollaborateur sei. In Buchenwald hatten mir die Kameraden gesagt: »Das wichtigste ist durchzukommen und nach dem Krieg dem Lande zu dienen.«

Es ging mir nun schon viel besser. Der Stubendienst gab mir oft Nachschlag, ich war schon kein Skelett mehr. Nur die in den Steinbrüchen in Holzpantinen aufgeriebenen Knöchel an meinen Füßen begannen zu eitern und wollten nicht heilen. Ich bekam auch Eiterwunden an den Gelenken der großen Zehen. Ich ging regelmäßig ins Krankenrevier, doch die Geschwüre breiteten sich aus. Das Gehen fiel immer schwerer.

Der tschechische Lagerarzt zeigte viel Mitgefühl. »Dir fehlen Vitamine, Mineralsalze und wenigsten ein bisschen Fett. Du hast zu lange gehungert und Salbe hilft nicht.« Er wusch die Wunden, verband sie und gab mir etwas Salbe. Doch der Zustand meiner Beine verschlechterte sich, die Füße schwollen an. Unter Qualen ging ich arbeiten und flehte den Arzt um Hilfe an. Auf dem Gelenk der großen Zehe hatte sich ein Eiterherd gebildet, der mit dem Skalpell behandelt werden musste. Ich war wirklich krank. Ich konnte mich kaum mehr schleppen, trotzdem ging ich arbeiten. Ich bemühte mich, den Meister nicht merken zu lassen, dass ich krank war. Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich immer mehr, die Beine waren bis zu den Knien angeschwollen.

 

Rückkehr nach Buchenwald

Der Arzt erklärte mich für arbeitsunfähig. Ich wollte nicht wieder nach Buchenwald.

Ich blieb in der Stube, schaute aus dem Fenster. Ein neuer Transport war angekommen, die ausgezehrten Häftlinge setzen mit Mühe einen Fuß vor den anderen. Es waren Franzosen, die kein Wort verstanden. Ich übersetzte die Worte des Stubendienstes. Trotz der schwierigen Lage verloren die Franzosen nicht ihren Humor und sangen oft leise. Bis heute erinnere ich mich an eines der Partisanenlieder: »Wir brechen die Gefängnisgitter für unsere Brüder«

Mein Gesundheitszustand besserte sich nicht. Zusammen mit einem Dutzend Kranker wurde ich zurück nach Buchenwald transportiert. Nichts hatte sich dort verändert.

Wieder ging ich in Quarantäne. Mein alter Bekannter Josef Tyrpekl sagte mitfühlend: »In den Krankenbau rate ich dir nicht zu gehen.«

Lebenskraft und Hoffnung zieht Kiryllow aus den Berichten ankommenden Partisanen aus Jugoslawien, die erzählen, »dass in Jugoslawien die Nazis geschlagen werden, dass die Berge und Wälder voller bewaffneter Partisanen sind.«

Es entstehen Freundschaften, auch mit den Gefangenen aus Polen, Litauen und der Ukraine. Hier in Buchenwald trifft er auch wieder auf Michail Kiritschenko, den er aus Schönebeck kennt und auf Josef Tyrpekl.

Am Abend des 2. Tages sagt er: »Wir saßen noch lange zusammen und träumten davon, wie die Rote Armee Buchenwald befreit.«

Da Kiryllow tschechisch und russisch versteht, wird er, wie er es nennt »so etwas wie ein slawischer Dolmetscher«.Und als ein Transport Französischer Gefangener der Résistance kommt, dolmetscht er auch französisch.

Otto Storch, einer seiner Kameraden sorgt dafür, dass er in Quarantäne bleiben kann: »Wir lassen dich nicht untergehen.«

Hier im Lager spürte ich die Stärke der Solidarität. […] So waren sie, die Antifaschisten – kameradschaftlich und solidarisch, obwohl sie unterschiedlichen Nationalitäten angehörten. Ottomar Rothmann versicherte mir: »Nach dem Krieg werden wir eine gerechte und glückliche Welt errichten.«

Eines Tages kam ein Funktionshäftling in die Quarantäne. Er sprach längere Zeit mit Vaclav Kaucký, ich wurde gerufen.

»Das ist der Junge, er spricht deutsch. Außerdem kann er russisch und französisch«, sagte Kaucký. »Und das ist Heinz Schäfer, Chemieingenieur. Macht euch bekannt.«

So kam ich auf den Transport, der nach Frankreich gehen sollte. Ich verabschiedete mich von Olek Cichocki, Josef Tyrpekl, Vaclav Kaucký, Ottomar Rothmann, Otto Storch und Kazik Tyminski wie von Verwandten.

Zum letzten Mal blickte ich auf das massive eiserne Lagertormit der perfiden Aufschrift »Jedem das Seine«. Mit unaussprechlicher Erleichterung ging ich hindurch.
—› Siehe Seiten 100 - 123

 
 

Tomasz ist enttäuscht, als der Zug in Köln–Deutz hält. Er wird einem Kommando zur Entrümpelung von Köln zugewiesen. Andere Häftlinge müssen Blindgänger- ausgraben, aus der Stadt hinaus transportieren und sie zur Explosion bringen:
Dabei folgen die SS-Leute in sicherem Abstand in Panzerautos den Transporten.
—› siehe Seite 124

Heinz Schäfer kommt eines Abends ins Lager zurück:
»Heute sind durch die Explosion eines Blindgängers unsere Kameraden vom Bombenkommando umgekommen. Ehre ihrem Andenken. Diese Worte wurden von Dedecius auf russisch und von mir auf polnisch wiederholt.

Es herrschte Stille. Heinz nahm eine kleine Mundharmonika aus der Tasche und spielte den Trauermarsch von Chopin.

Nirgends auf der Welt ist dieses Werk in einer solchen Szenerie gespielt worden.

 
 
     

    Die Häftlinge werden nach Hesdin (zwischen Calais und Amiens) gebracht. Die französische Bevölkerung ist ihnen wohl gesonnen und unterstützt die Häftlinge mit Essen- so gut es geht. Tomasz gelingt es – dank seiner guten Sprachkenntnisse-, Kontakt zu Franzosen herzustellen, die dem französischen Widerstand nahe stehen, und sie verhelfen ihm – unter Gefahr ihres eigenen Lebens – zur Flucht.
    Auch mutige Französinnen wie Carmen Bonvarlet, Huegette Lyon und Odette Warrin gehören dazu. (Sie waren nach Tomasz Flucht von der Gestapo verhaftet worden.)
    —› siehe Seite153)

    Tomasz Plan, andere Häftlinge zu befreien, scheitert. Fast alle werden von der SS umgebracht – bei ihrem Rückzug- Flucht vor den Alliierten.

    Sein zweites Ziel, Partisan zu werden, Mitglied einer französischen Widerstandsgruppe gelingt. Bei den Franc - Tireur et Partisans Francais kann er an Befreiungsaktionen mitwirken.
    —› siehe Seite 139

    Tomasz Kiryllow hat die Nazi- Zeit überlebt. Das Versprechen, zu überleben, um zu berichten, hat er mit dieser Biographie eingelöst.

     
     

    Die Lesung zum Antikriegstag 2017

    Bericht und Bilder von der Lesung in der Wetzlarer Kulturstation.

     
     
     

    1987 war Tomasz Kiryllow in Wetzlar zu Gast

    Auf Einladung der IG Metall Verwaltungsstelle Wetzlar

     
     
     
     

    Die Gedenktafel

    Download der Gedenktafel zu Ehren von Tomasz Kiryllow

     

    Statements der Unterstützer dieser Gedenktafel

    Mit einem Klick erfahren Sie mehr über die Unterstützer dieser Gedenktafel:

    Warum wir die Gedenktafel zu Ereignissen der NS-Zeit in Wetzlar unterstützen.

     
     

    Warum die Stadt Wetzlar Gedenktafel zu Ereignissen der NS-Zeit in Wetzlar unterstützt. Ein Statement von OB Manfred Wagner

     
     

    Warum haben wir das Projekt Gedenktafeln zu Ereignissen der NS-Zeit initiiert?

     
     
    02.05.2018

    Förderung

    durch das Bundesprogramm durch »Demokratie Leben!«.