NSDAP-Kreisleitung

 

Buderus-Villa • Sitz der NSDAP-Kreisleitung

Deutlich zu erkennen: der Schriftzug »NSDAP-Kreisleitung« an der Hausfassade

Deutlich zu erkennen: der Schriftzug »NSDAP-Kreisleitung« an der Hausfassade. Das Bild stammt aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Deshalb die amerikanische Flagge neben dem Schriftzug, der noch nicht entfernt worden war.Quelle © Fotosammlung Karl-Horst Schwind (Kanada).

 

Von 1933 bis 1945 Sitz der NSDAP-Kreisleitung in Wetzlar

Im Rahmen der Gleichschaltung der Deutschen Gesellschaft

übernahm die NSDAP-Kreisleitung für den Altkreis Wetzlar die Buderus-Villa. Sie wurde Sitz des NSDAP-Kreisleiters und von NSDAP-Organisationen. Die Wetzlarer nannten ab 1933 die Villa »das braune Haus«. Von 1934 bis 1945 war Wilhelm Haus der NSDAP-Kreisleiter. Am Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner in Wetzlar floh Haus nach Niedersachsen und wurde später dort von den Alliierten verhaftet. Am 29. März 1945 befreiten die Amerikaner Wetzlar und richteten sich in der Buderus-Villa ein. Ab dann sagten die Wetzlarer zum Anwesen »Das weiße Haus«.

 

Die nachfolgenden Kapitel mit Informationen zur

NSDAP, ihrer Kreisleitung, Ihrer Funktionäre und deren Verbrechen öffnen sich durch Anklicken mit der Maus. Wir greifen hierbei auf Informationen der Historiker Prof. Dr. Ulrich Mayer und Dieter Güdnisch zurück, sowie auf eine Ausstellung von Ingo Habermann und Gerhild Kirschner über Bondbaden, die aufzeigt, dass die NS-Gleichschaltung alle Lebensbereiche der Menschen berührte. Z.B. ihre Bildungs- und Beschäftigungschancen, ihre Kreditwürdigkeit und vieles mehr ...

 

Ansicht von der Buderus-Villa © WEZLAR ERINNERT e.V.

 

1874 vor den Stadtmauern Wetzlars erbaut im Jahre
1874 ließ der Grubenbesitzer Conrad Schulz den spätklassizistischen Bau außerhalb der Stadtmauern errichten und bereits 1887 ging das Haus an die Firma Buderus über, die es bis 1901 als Direktorenwohnung und später als Gästehaus nutzte. 

Das Braune Haus
Im Frühjahr 1933 bekam die »Weiße Villa« den Namen »Adolf-Hitler-Haus«. Sie war nun der Sitz des NSDAP-Kreisleitung und der Verwaltung mehrerer NSDAP-Organisationen. Hierunter zählten: die NSDAP-Ortsgruppe Wetzlar, NSDBT (Nationalsozialistischer Bund Deutscher Technik), des Reichsbunds der Deutschen Beamten RDB sowie der Kreisdienststelle der NS-Kriegsopferversorgung NSKOV.

Gleichzeitig hatte die NSDAP-Kreisleitung die Aufsicht über zahlreiche weitere NSDAP-Gliederungen, die an anderen Standorten in Wetzlar untergebracht waren.

—› Siehe Stadtplan und Behördenverzeichnis (PDF Dokument)

Darüber, wie das Haus in die Hände der NSDAP gelang, gibt es keine Informationen. Laut Buderus-Firmenarchivar Dr. Rainer Haus sind in den

letzten Kriegstagen die Akten durch einen Luftangriff weitgehend vernichtet worden. Fest steht nach Recherchen von WETZLAR ERINNERT e.V., dass es für einen Eignerwechsel (z.B. von Buderus zur NSDAP) im Grundbuch keinen Eintrag für die Zeit zwischen 1933 und 1945 gibt. D.h.: Die Villa war immer zwischen seit 1901 und den 1990er Jahren im Eigentum von Buderus.

Von der Zeit zwischen 1933 und 1945 gibt es über das Anwesen keine öffentlich einsehbaren Bilder und Dokumente. Ob es ein Verbot gab, das Haus zu fotografieren, ist nicht bekannt. Die Nazis sollen kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner die meisten der Akten in Ölfässern vor dem Haus verbrannt haben.

Im Volksmund wurde die Buderus-Villa zwischen 1933 und 1945 als das »Braune Haus« bezeichnet.

 
 

Das »Weiße Haus«
Bekannt ist hingegen, dass die Amerikaner die Villa nach ihrer Besetzung Wetzlars am 29.03.1945 beschlagnahmten und dort ihre Militärverwaltung einrichteten. Aus dieser Zeit stammt auch das auf der Gedenktafel abgelichtete Bild von der Villa. Deutlich zu sehen an der US-Amerikanischen Flagge und gleichzeitig dem Schriftzug »NSDAP-Kreisleitung« an der Hausfassade zwischen Erd- und Obergeschoss des Hauses.

—› Siehe das Bild unten in dieser Spalte.

Ein weiteres Dokument von der Villa stammt aus dieser Zeit, als die Besatzungsmacht die ersten zivilen Deutschen als Polizisten im Nachkriegs-Wetzlar vereidigten.

Im Volksmund wurde die Buderus-Villa zu dieser Zeit das »Weißes Haus« genannt. 

Empfänge von Buderus
Später gaben die Amerikaner das Anwesen den ursprünglichen Eigner – der Fa. Buderus – zurück. Bis in die 70er Jahre befand sich das Anwesen im Besitz des Konzerns. Nach dem Krieg wurde es lange Zeit als Kommunikations- und Verhandlungsstätte zu Vorträgen und Empfängen genutzt. Viele Prominente, wie z.B. Konrad Adenauer, Henry Kissinger und der damalige Bundeskanzler Erhard waren hier zu Gast

Heute das »Haus Aloys«
Von der Buderus-Immobilien GmbH erwarb das Anwesen die heutige Eignerin, die »Scholz-Immobilien«GmbH.

Seit 2001 wird das Gebäude genutzt als geschlossene Einrichtung für demenzkranke Menschen, mit »Weglauftendenz«. Das »Haus Aloys« bietet Aufnahme für demenzkranke Menschen aller Pflegestufen und allen Stadien der Demenz.

 

Diese Aufnahme muss aus dem Frühjar 1945 stammen, und zwar nachdem die US-Amerikaner am 29. März Wetzlar besetzten, aber noch keine Maßnahmen ergriffen hatten, den Schriftzug »NSDAP-Kreisleitung zwischen Erd- und Obergeschoss entfernen zu lassen. Links davon die gehisste US-Amerikanische Flagge.

Bild © Fotsammlung von Karl-Horst Schwind (Kanada)

 
 
 
 

SA-Uniformierte auf der alten Lahnbrücke. Aufmarsch am 03.07.1932, Quelle: Historisches Stadtarchiv.

 

Kaum Dokumente
Über Tätigkeit, Mitgliederzahlen und soziale Zusammensetzung der Ortsgruppe Wetzlar der NSDAP gibt es keine nationalsozialistischen Dokumente mehr. Mitgliederlisten und andere Akten wurden nach einem Augenzeugenbericht am Tage des Einmarschs amerikanischer Truppen in Wetzlar im April 1945 im Garten des sogenannten »Braunen Hauses« von Mitgliedern der Kreisleitung der NSDAP verbrannt. Deshalb kann man nur auf die Befragungen von Beteiligten der damaligen politischen Situation, aus Lokalnachrichten des Wetzlarer Anzeigers und aus der Analyse von Wahlergebnissen die Tätigkeit, das Wachstum und die, soziale Schichtung der NSDAP und ihrer Wähler in Wetzlar zu ermitteln, wie das der Geschichtsdidaktiker Prof. Dr. Ulrich Mayer in seiner Schrift »Das Eindringen des NS in die Stadt Wetzlar« als Student 1970 recherchierte. Einer der ersten kritischen Schriften über die lokalgeschichtlichen Ereignisse am Ende der Weimarer Republik und zu Beginn des Faschismus.

Der Anfang der NSDAP in Wetzlar bis 1929

Nach der Neugründung der NSDAP 1924 zählten zu den ersten Mitgliedern einige Angehörige des Freikorps »Oberland«, im übrigen Anhänger antisemitisch-völkischer Verbände. So kam der 1925 beigetretene Postbeamte Karl Schmidt, der die Ortsgruppe Wetzlar bis 1939 leitete, aus der völkischen Jugendbewegung. 1927/28 gab es die ersten SA- und SS-Männer in Wetzlar. Beide Gruppen waren in Wetzlar bis 1930 unbedeutend. Gegen Ende der zwanziger Jahre gab es eine Anzahl rechtsgerichteter Verbände, von denen allein der „Stahlhelm“ schon mehr Mitglieder als die nationalsozialistischen Gruppen zusammen besaß. Selbst den Saalschutz konnte die Wetzlarer Ortsgruppe anfangs nicht allein stellen, er kam meist aus den NS-Zentren im Kreis (Leun, Ehringshausen, Braunfels, oder gar aus Gießen und Frankfurt). Die SS dürfte bis 1933 zwischen 15 und 20 Mann stark gewesen sein, die Zahl der SA-Leute war infolge des seit 1932 starken Zustroms erwerbsloser junger Arbeiter wesentlich höher.

Für 1928 ist mit nicht mehr als 60 eingeschriebenen NSDAP-Mitglieder zu rechnen, wie Mayer recherchierte. Die NSDAP blieb eine Splitterpartei, die offensichtlich lediglich von den Familienangehörigen der Parteimitglieder gewählt wurde. In Wetzlar erreichte die Partei am 20.05.1928 bei der Landtagswahl 108 Stimmen (1,2%), bei der Reichstagswahl119 Stimmen (1,3%), während der Reichsdurchschnitt schon bei 2,6% lag.

Auch 1929 erweist sich der Einfluss des Nationalsozialismus in Wetzlar noch als sehr gering. Bei den Wahlen zum Kreistag und zur Stadtverordnetenversammlung vom 17.11.1929 stellte die NSDAP keine eigenen Listen und Kandidaten auf.

Die Struktur der NSDAP in Wetzlar um 1930

Nachdem Mayer die geringe Stärke und das schwache öffentliche Interesse für die NSDAP bis 1929 nachgewiesen hatte, erforschte er im Folgenden die soziale Struktur der Wetzlarer Ortsgruppe: Nach einer unveröffentlichten Untersuchung des Wetzlarer Reichsbanners über das soziale Herkommen der Mitglieder der NSDAP, die aufgrund deren geringer Anhängerschaft und der leicht überschaubaren Verhältnisse im kleinstädtischen Wetzlar nicht allzu schwer zusammengestellt werden konnte, kamen die meist jungen, männlichen Mitglieder der NSDAP Einzelhändler-Familien. Gelernte kaufmännische Angestellte, die beschäftigungslos waren. Vor allem die SS bestand aus Söhnen von kleinen Gewerbetreibenden. Diese jungen Leute erhielten keine oder nur geringe Fürsorgeunterstützung, da sie selbst noch keine Familie zu unterhalten hatten und ihre Eltern durch das Geschäft immer noch etwas verdienten.

Den bürgerlichen Charakter der Wetzlarer NSDAP zeigen auch die Berufe der Ortsgruppenleiter: An der Spitze stand Anfang 1930 der Oberpostsekretär Schmidt, der aus Anlass eines Besuchs Hermann Görings in Wetzlar am 08.06.1933 als ältester Parteigenosse vorgestellt wurde, danach Major a. D. Fritz Lemp, nach dessen Tod seit Anfang 1931 der Reichsbahnobersekretär Königstein und seit Mitte 1932 der kaufmännische Angestellte Kirstein. Nur wenige Arbeiter gehörten der Partei an. So der seit 1927 arbeitslose Bergmann Wilhelm Haus aus Bieber, der im Februar 1932 zum Stellvertreter des Kreisleiters, Rittmeister a. D. Grillo aus Braunfels, ernannt wurde. Die Tatsache, dass die Kreisleiter nicht aus Wetzlar stammten, charakterisiert die Situation der NSDAP im Altkreis Wetzlar. Nicht Wetzlar und die benachbarten großen Dörfer, sondern die Orte Braunfels, Leun und Ehringshausen waren die Zentren des NS.

Das Bild änderte sich ab 1931. Nun bekannten sich bis dahin Zurückhaltende offen zum »Nationalsozialismus«. Die Mitgliederzahl und die Vertretung aller sozialen Schichten nahm zu, insbesondere durch Beitritt beschäftigungsloser Arbeiter, geprägt von der durch NS-Propaganda hervorgerufenen Hoffnung, durch die faschistische Partei die Lösung aller akuten Nöte zu erfahren.

Zwei Drittel aller Mitglieder waren unter 30 Jahre alt. Laut eines Berichtes der NSDAP über eine Weihnachtsfeier erhielten 150 Parteigenossen und ihre Familienangehörigen eine Weihnachtsbescherung. Bis zum Beginn des Jahres 1933 – bevor der große Zustrom zu der an die Macht gelangten Partei einsetzte – ist laut Mayer mit einer Mitgliederzahl von etwa 300 zu rechnen.

Damit war die NSDAP etwa so stark wie die SPD mit ihren ca. 300 Parteiangehörigen, aber jedenfalls mitgliederschwächer als der „Reichsbanner“, dem neben den Parteien der Weimarer Koalition politisch nicht gebundene Gewerkschaftler, nicht organisierte Arbeitnehmer etwa der Leitzwerke und auch der Fabrikant Dr. Ernst Leitz angehörten.

Die KPD, in Wetzlar mit 40 bis 50 Mitgliedern weit schwächer vertreten als im Nordosten des Kreisgebietes, wo sie in den Dörfern Krofdorf, Gleiberg, Launsbach und Wißmar, einem Gebiet mit krisenanfälliger Zigarrenindustrie und ausgeprägten, spürbaren Klassengegensätzen, ihre Schwerpunkte besaß.

 

Verdichtung der Versammlungstätigkeit der NSDAP von 1931 bis März 1933:

1930 trat die SPD der gegenüber der NSDAP bei deren Wahlkampfveranstaltungen offensiv auf. Es ist auffallend, dass die Zahl der Veranstaltungen, die anfangs etwa im monatlichen Abstand stattfanden, sich in Wahlkampfzeiten erheblich vermehrten (Reichstagswahl vom 31.07.1932, Reichspräsidentenwahl vom 13.03.1932, Reichstagswahl vom 31.07. und 08.11.1932. Die Stimmung sollte durch Öffentliche Veranstaltungen zugunsten der NSDAP beeinflusst werden. Für die Annahme, dass bei der Reichstagswahl vom 31.07.1932 durch massierten Einsatz aller publizistischen Mittel der entscheidende Durchbruch zur parlamentarischen Machtergreifung angestrebt wurde, spricht die Tatsache, dass zu dieser Reichstagswahl auch Wahlaufrufe der NSDAP im Wetzlarer Anzeiger erschienen.

Die NSDAP entfaltete bis zum Frühjahr 1933 zwar eine rege Propagandatätigkeit, jedoch konnte sie offensichtlich in Wetzlar nicht die Resonanz großer Massen erreichen. Den Anhängern der NSDAP stand bis zur letzten Möglichkeit freier Veranstaltungen eine größere Zahl derer gegenüber, die sich offen zur Sozialdemokratie und zu den mit der SPD verbündeten Gewerkschaften bekannte.

 
 

Die internen Aktivitäten der NSDAP in Wetzlar bis 1933

Offensichtlich entstand aus der wachsenden Mitgliederzahl die Notwendigkeit, auf interne Veranstaltungen nun auch durch die Zeitung aufmerksam zu machen. Die Versammlungen dienten wohl dazu, die neuen Mitglieder intensiv mit den nationalsozialistischen Auffassungen vertraut zu machen. Diesem Bestreben zur Integration der Neuzugänge ist es zuzuschreiben, dass am 05.06., am 19.06. und am 03.07.1931 Mitgliederversammlungen im Gasthaus Ackermann stattfanden, zu denen auch aufgefordert wurde, »Gesinnungsfreunde mitzubringen«. Weitere Versammlungen dieser Art, zu denen immer die gleiche 4 x 4 cm große Anzeige mit Hakenkreuz im Anzeiger eingeladen wurde, fanden statt: am 04.08. und 04.09.1931 bei Ackermann und am 27.01.1932 im Grünen Laub.

Daneben wurde seit dem 10.09.1931 jeden Donnerstag im Deutschen Haus ein »öffentlicher Sprechabend über die nationalsozialistische Weltanschauung« abgehalten. Durch eine dieser Anzeigen, die einen Lichtbildervortrag über die Rassenfrage ankündigte, ist zu ersehen, dass es hier auch um ideologische Agitation ging, die in den öffentlichen Veranstaltungen noch nicht zur Sprache kamen.

Während eines öffentlichen Vortragsabends wurde vom Ortsgruppenleiter die Gründung einer Frauen- und Mädchengruppe bekanntgegeben, die am 19.02.1932 ihre erste öffentliche Versammlung abhielt. Die Gründung der Wetzlarer HJ ist nicht genau zu datieren; erfolgte wohl 1932. Beim Aufmarsch der Nationalen Front am 26.02.1933 wurde die Teilnahme der HJ erwähnt. Der Einfluss des NS auf Gruppen der Bündischen Jugend muss jedenfalls schon vor der Zwangsübernahme in die HJ stark gewesen sein. Ein Werbeabend zur Gründung eines NS-Kraftfahrer-Korps mit dem Gaubereichsführer Prinz Richard von Hessen wurde erstmals am 31.05.1933 durchgeführt.

Zu den besonderen Maßnahmen innerhalb der lokalen Parteiorganisation gehörte die Einrichtung einer Notküche in der Sophienstraße auf dem Höhepunkt der Arbeitslosigkeit im Winter 1931/32. Am 01.10.1931 gab die Wetzlarer NSDAP-Ortsgruppe bekannt, dass sie eine Küche zur Unterstützung bedürftiger Parteigenossen einrichten werde. Er bat alle Parteifreunde um Zuwendungen an Lebensmitteln und Geschirr.

Fazit:

Bis zur Machtübertragung im Frühjahr 1933 und der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes – dem die bürgerlichen Parteien am 23.03.1933 zustimmten – schwächelt in Wetzlar die NSDAP:

  • Zu ihren Kundgebungen und öffentlichen Aktionen müssen Redner von außerhalb herangezogen werden.
  • Ihre Versuche, die Arbeiterschaft gezielt zum Beitritt in die Partei zu bewegen, erzielt nur geringe Resonanz. Der erhoffte Zustrom nicht gewerkschaftlich organisierter Arbeiter oder Übertritte von gewerkschaftlich Organisierten zu den »Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisationen« (NSBO) bleibt aus. Die NSBO verfügte damals im ganzen Kreis Wetzlar über etwa 1.000 bis 1.100 Mitglieder.
  • Ein ähnlich negatives Ergebnis brachte der Versuch, die Lehrerschaft des Kreises Wetzlar durch die Gründung einer Kreisgruppe des Nationalsozialistischen Lehrerbundes zu beeinflussen.
  • Dagegen fanden fanden die Ideen des NS Anklang bei Handwerk und Einzelhandel. Die 1932 neugebildete »Kampfgemeinschaft für Handwerk und Einzelhandel der NSDAP., Ortsgruppe Wetzlar«, hielt bereits am 05.04.1932 eine öffentliche Versammlung mit dem Spenglermeister Georg Wilhelm Schmidt aus Wiesbaden ab, der nach der Machterübergabe »Handwerkskammerpräsident und Gauführer des gewerblichen Mittelstandes« wurde.
  • Die Bauern des Kreises Wetzlar erwiesen sich in den Jahren der Wirtschaftskrise als besonders anfällig für den Einfluss des NS. Im Wetzlarer Anzeiger wurden seit 1929 häufig Zwangsversteigerungen von Ackergerät und Vieh in den bäuerlichen Dörfern des Nordens und Südostens des Kreises Wetzlar angekündigt. Die Bereitschaft der Bauern war groß, diese krisenhafte wirtschaftliche Lage mit den »Nationalsozialisten« den »Novemberverbrechern und Zerstörern des deutschen Bauerntums« zuzuschreiben, nicht aber der verhängnisvollen Realteilung des väterlichen Erbes.
  • Bei Auseinandersetzungen mit ihren politischen Gegnern blieben NSDAP und SA auf Wetzlarer Stadtgebiet in der Defensive. Erst durch die Aufhebung des Uniformverbotes für SA und SS im Sommer 1932 und der Vereidigung und Bewaffnung von SA-, SS- und Stahlhelmangehörigen als »Hilfspolitzisten« am 27.02.1933 ermöglichen den Nazis ein offensives Vorgehen.
  • Wesentlich härter entwickelten sich die Auseinandersetzungen auf dem Land. So war die Wetzlarer Reichsbannergruppe oft bis spät in die Nacht zu Veranstaltungen in den Landgemeinden eingesetzt,  
  • Ein Tag nach dem Reichstagsbrand wird am 28.02.1933 die »Verordnung zum Schutze von Volk und Staat« (»Reichstagsbrandverordnung«) durch das Präsidialkabinett Hitler verabschiedet und damit die Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt.
  • Auffällig ist, dass die NSDAP ihre Gegner weniger in der Stadt Wetzlar, sondern vielmehr im Kreisgebiet verfolgte. Das geht auch aus der Tatsache hervor, dass seit März 1933 nur wenige Wetzlarer, dafür aber umso mehr Bürger des Kreises in »Schutzhaft« genommen wurden, um auf diese Weise die neue Machtverteilung zu dokumentieren.
  • Erst mit der reichsweiten Gleichschaltung der deutschen zu einer faschistischen Gesellschaft gelingt es der NSDAP ihre Hegemonie in der Wetzlarer Stadtgesellschaft durchzusetzen.
 

Quelle: Historisches Archiv

 

Eine Woche nach den Reichstagswahlen fanden in Preußen noch einmal demokratische Kommunalwahlen statt. Die NSDAP wird zwar stärkste Partei, aber schneidet schlechter ab, als bei den Reichstagswahlen. Die SPD und die Deutsche Staatspartei (DSP, Partei von Ernst-Leitz) wesentlich besser. Quelle: Historisches Archiv Wetzlar.

 
 
 
 

Schnittpunkt der Kräfteverschiebung zu Ungunsten der Antifaschisten
Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30.01.1933 durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg stellt den Schnittpunkt der Kräfteverschiebung zugunsten des besonders in den letzten Jahren der Weimarer Republik von »einflussreichen und mächtigen Gruppen der Industrie und Finanzwelt geförderten Faschismus dar. Gleichzeitig erlebt die seit mehreren Jahren, wenn nicht gar seit einem Jahrzehnt, im Abstieg befindliche Arbeiterbewegung einen vorläufigen, wenngleich auch noch nicht endgültigen Tiefpunkt.

Auch in bisher weitgehend ›immunen‹ Arbeiterhochburgen zerschlugen Terror und staatliche Maßnahmen die Arbeiterorganisationen und erzeugten gleichzeitig Zentren des Arbeiterwiderstandes« (Dieter Gündisch, in Arbeiterbewegung und Widerstand in Wetzlar 1933«, Hrsg: Wetzlarer Geschichtsverein, Heft 7, Nov. 1985).

Ein Blick auf die Auseinandersetzungen zwischen der Wetzlarer Arbeiterbewegung und ihren Hauptgegnern vor 1933 eröffnete Gündisch mit seiner Dissertation. Sie sollte den historischen Zugang zum Verständnis der Niederlage der Arbeiterbewegung von 1933 erleichtern und basiert auf umfangreiche Recherchen des Autors im Wetzlarer Stadtarchiv, im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden sowie im Landeshauptarchivs Koblenz. Außerdem seine Zeitzeugenbefragungen sowie die Zeitungsbände des »Wetzlarer Anzeigers« (WA).

Zerschlagung der Arbeiterbewegung

Der Höhepunkt der Wetzlarer Arbeiterbewegung war spätestens 1928/29 überschritten.

Die Weltwirtschaftskrise entzog der von den Kämpfen der frühen zwanziger Jahre nie sich erholenden sozialdemokratischen Arbeiterbewegung weiterhin die Basis. 1930 erschütterten monatelange heftige Fraktionskämpfe den gesamten Parteibezirk. Die Wetzlarer SPD stand kurz vor der Spaltung in einen radikalen Minderheitenflügel und einen gemäßigten Mehrheitsflügel.

Offenbar profitierte die KPD von diesen innerparteilichen Auseinandersetzungen in der SPD, ohne jedoch einen Führungsanspruch in der lokalen Arbeiterbewegung durchsetzen zu können. Dafür fehlte ihr vor allem der Einfluss in den Betrieben und Gewerkschaften. Immerhin konnte die KPD in Wetzlar ihr Wählerpotential zwischen 1930 und 1932 verdreifachen (von 4,5 auf 15 Prozent). Im gleichen Zeitraum verlor die SPD über 10 Prozent und sank von 37,8 auf 26,9 Prozent.

Das die NSDAP eher ungünstige soziologische Voraussetzungen in Wetzlar als Arbeiterstadt mit einer traditionell starken Gewerkschaftsbewegung vorfand, wurde im Kapitel zuvor auf Grundlage der Recherchen von Prof. Dr. Ulrich Mayer geschrieben.

Gündisch ergänzend hierzu: »Über Straßenschlachten und offene Konfrontation mit der Arbeiterbewegung konnte die Wetzlarer NSDAP nicht zum Ziel kommen, wenngleich sie aus Prestigegründen diese Auseinandersetzungen nicht immer scheute. [ … ]

In der Abwehr rechter Aktivitäten und Bedrohungen des bestehenden republikanisch-parlamentarischen Systems war die Wetzlarer Arbeiterbewegung stärker und erfolgreicher als in der offensiven Veränderung alter kapitalistisch-autoritärer Strukturen. Dies zeigte sich im März 1920 anlässlich des Kapp-Putsches wie 1924, als das neugegründete Wetzlarer Reichsbanner, dem neben der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung auch Teile des liberalen Bürgertums angehörten, die Teilnahme von Stahlhelm und Jungdeutschem Orden an der Einweihungsfeier für ein Kriegerdenkmal trotz vorheriger behördlicher Genehmigung verhinderte (WA, 18. und 25. Oktober 1924).

Im Jahre 1930 gelang ähnliches noch einmal: Eine nationalsozialistische Veranstaltung unter dem Motto ›Die Hand an der Gurgel des Systems« wurde durch Intervention bei den Behörden verhindert. Man drohte, dass man zur Selbsthilfe gegenüber den Nationalsozialisten schreiten werde, wenn die staatlichen Organe nicht von sich aus »eine würdigere Form des politischen Kampfes erzwingen‹ (WA, 5. Dezember 1930).

Mit dem Zusammenschluss von freier Gewerkschaftsbewegung, SPD und Reichsbanner zur »Eisernen Front« Anfang 1932 kam nochmals eine kurze Euphorie auf, da man glaubte, der Faschismus könne verhindert werden, wenn man nur den Willen dazu besitze. Ausdruck dieser Euphorie waren die sich häufenden Massendemonstrationen und Großkundgebungen. Sogar die alte Generalstreikdiskussion keimte hier und da wieder auf.

Immerhin mobilisierte die »Eiserne Front« am 17. Juli 1932 etwa 4.000 Teilnehmer, während es die SA am gleichen Tag nur auf etwa 1.000 Teilnehmer brachte. Teilweise entlud sich die aufgeladene Spannung zwischen Reichsbanner und Kommunisten auf der einen und Nationalsozialisten auf der anderen Seite in heftigen Straßenschlachten; so in Erda im Januar 1932 anlässlich einer NSDAP-Versammlung, deren Verhinderung eine Massenschlägerei mit etwa 300 Beteiligten auslöste. In Hermannstein kam es im Juli anlässlich der Durchfahrt eines Kampflieder singenden SA-Trupps sogar zu einer Schießerei. [ … ]

Insgesamt lässt sich für Wetzlar die These aufstellen: Wäre bis Anfang 1933 von »oben«, sei es von der preußischen Regierung anlässlich des Staatsstreiches gegen Preußen, sei es von der »Eisernen Front«, ein ernsthafter Widerstandsaufruf gegen den Nationalsozialismus gekommen, hätte die Mehrheit der Arbeiterbewegung diesen aktiv unterstützt. Mit der »legalen« Machtergreifung des Faschismus und der Usurpierung des staatlichen Machtapparats verschwand diese Chance.«

In der Stadt Wetzlar selbst lief der Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler ohne öffentliche Aktivitäten der »Nationalsozialisten« ab. Entsprechend erfolgten von Seiten der Arbeiterbewegung »kein erkennbares Missfallen« oder »Protestkundgebungen«. Anders in Bieber, der Heimatgemeinde des stellvertretenden NSDAP- Kreisleiters Wilhelm Haus: »Zu Ehren des Reichspräsidenten (Hindenburg) und zur Einführung des neuen Reichskanzlers [ … ]« marschierten hinter einer Musikkapelle (so berichtet der Wetzlarer Anzeiger am 01.02.1933). SA aus zwei Nachbargemeinden etwa 500 Menschen zu einer Anhöhe, auf der SA-Männer ein Holzfeuer entzündeten.

Gemeinsam mit der deutschnationalen Kriegerorganisation »Stahlhelm«, der »Arbeitsgemeinschaft militärischer Vereine« sowie der Stadtgruppe Wetzlar des »Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen« organisierte die NSDAP am Vorabend vor den letzten Reichstagswahlen (also am 04.03.1933) einen Fackelzug. Auf dem Domplatz, geschmückt mit Hakenkreuzfahnen und dem schwarz-weiß-rot der Deutschnationalen, gedachte eine »große Menschenmenge« des »Opfertodes von 2 Mio. Deutschen« im [1.] Weltkrieg mit einer Schweigeminute und dem obligatorischen »Lied vom guten Kameraden«. Es folgte die Rundfunkübertragung der Reden von Goebbels und Hitler über Lautsprecher (Quelle: WA, 6. März 1933).

 
 

Die Rolle der Wetzlarer Polizei bei der Zerschlagung der Arbeiterbewegung
Gündisch beschreibt in seiner Dissertation die Rolle der Polizei: »Die neuen Machthaber erwarteten in der Arbeitergegend Wetzlar Widerstand der Arbeiterbewegung. Bereits in den ersten Februartagen des Jahres 1933 verlegte das Regierungspräsidium ein mobiles Polizeikommando von 22 Polizisten nach Limburg. Zur Aufgabe dieses Sonderkommandos hieß es: »Die Truppe wird ständige Streifen durch den ihr zugeteilten Bezirk unternehmen ... Sollten irgendwo Unruhen ausbrechen, so wird das Kommando in kürzester Zeit an Ort und Stelle sein und eingreifen können« (WA, 4. Februar 1933). Das Sonderkommando verfügte über einen Streifenwagen sowie über einen »Schnellastwagen«.

Ende des Monats ging die Polizeiführung davon aus, ›daß die örtliche Polizei und die Landjäger durchaus in der Lage sind, alle etwa-vorkommenden Unruhen zu unterdrücken (WA, 23.02.1933). Das Sonderkommando wurde wieder abgezogen. Zur Gleichschaltung der Wetzlarer Polizei gab man dieser Anfang April eine neue parteitreue Führung in Person des Staatskommissars Polizeioberleutnant Stephan. Stephan, zuvor Spezialist zur Bekämpfung der kommunistischen Propaganda und Zersetzungstätigkeit‹ (WA, 8. April 1933) bei der Berliner Polizei, richtete die Wetzlarer Polizei, die bereits während der Weimarer Republik anfällig für nationalsozialistische Ideologie war, konsequent auf »Bekämpfung und Ausrottung des Kommunismus und seiner verderblichen Auswirkungen auf Staat und Volksgemeinschaft« (WA, 13.04.1933) aus. Es ist kaum übertrieben, wenn man Stephan Kreuzzugsfanatismus zuspricht. Nicht ohne Grund war er das Ziel von zwei Attentatsversuchen entschlossener Antifaschisten. [ … ]

Der Reichstagsbrand am 2702.1933 bot den nationalsozialistischen Machthabern einen höchst willkommenen Anlass zum Vorgehen gegen Sozialdemokratie und Kommunisten. Natürlich geriet der Wahlkampf damit völlig zur Farce. Franz Walther von der SPD berichtet von einer Flugblattverteilung am Vorabend der Wahl: »Die Kameraden Muders und
Marschek haben mit mir am Tag vor der Reichstagswahl, am 4.  März 1933, vor dem Leitz-Tor Flugblätter verteilt. Das war gar nicht so einfach, sich an das Leitz-Tor zu stellen, wo in der ganzen Stadt SA und SS aufgezogen waren und Patrouillengänge gemacht haben.

Wir wurden dann auch verhaftet und unter Gejohle der SA abgeführt. Ich habe mehrere Fußtritte bekommen, Schwellungen und blaue Flecken; jedenfalls hat es mir wehgetan und die Polizei griff nicht ein, obwohl sie dabei war.« Aus »100 Jahre SPD Wetzlar, 1889 – 1989«. Hrsg.: SPD Wetzlar

Unter Polizeioberleutnant Stephan erfolgte in der Nacht vom 17. auf den 18. 04.1933 die umfangreichste Terrormaßnahme gegen ein ganzes Dorf, wobei die Polizeikräfte fast kriegsmäßig vorgingen: »Unter Hinzuziehung von SA, SS, Landjägern und Beamten der kommunalen Polizei wurde heute Nacht ein als besonders kommunistisch bekanntes Dorf im Kreise Wetzlar [Gleiberg, Krofdorf ? d. Verf.] umstellt und Haus für Haus systematisch durchsucht. Die Maßnahme war notwendig geworden, weil der dringende Verdacht bestand, daß aus dem angrenzenden Hessen verbotene Druckschriften der KPD in das Kreisgebiet eingeschleppt und unter die Arbeiterschaft verteilt würden. Aus diesem Grunde wurden auch die Verbindungsstraßen nach Hessen sowie alle anderen Straßen überwacht und Passanten zu Fuß und Rad durchsucht. Neben zahlreichem verbotenem Material (Druckschriften, Waffen pp.) fanden sich Anhaltspunkte dafür, daß die in Hessen zuletzt bekannt gewordenen Hetzblätter infolge der augenblicklieh scharfen Überwachung nur in weit geringerer Zahl in den Kreis Wetzlar gelangten« (WA, 18. April 1933).

»Gerade mit dieser Großaktion ging es weniger um den offenbar eher geringen konkreten Beschlagnahmungserfolg, als vielmehr um eine symbolische Abschreckungs- und Einschüchterungsmaßnahme.« resümiert Gündisch.

»In der Nacht vom 24. auf den 25. April erfolgte der nächste Schlag gegen den illegalen kommunistischen Parteiapparat in Wetzlar und der Kreisgemeinde Gleiberg. Zahlreiche Verhaftungen sowie die Sicherstellung ›hochverräterischen Materials› waren der Erfolg dieser Großaktion von Polizei und SA« (WA, 26. April 1933).

Nach der Zerschlagung der Arbeiterparteien konzentrierten sich die Unterdrückungsorgane im Mai auf die Vernichtung der freien Gewerkschaften.

Im Oktober 1933 durchsuchten erneut 23 SA-Männer und 16 Polizeibeamte insgesamt 16 Wohnungen »früherer sozialdemokratischer und kommunistischer Funktionäre« in der Stadt (WA, 20. Oktober 1933). Beschlagnahmt wurden hierbei »zahlreiche illegale Schriften, verbotene Bücher, einzelne Waffen und sonstiges Material«.

 

Unten: Naziaufmarsch zum 1. Mai auf dem Domplatz. Die Goebbels-Rede auf dem Berliner Tempelhofgelände wird per Radio und Beschallung auf dem Wetzlarer Domplatz Bild übertragen © Historisches Archiv Wetzlar.

 
 
 
 
 

Ab nun sind der faschistischen Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft keine Grenzen mehr gesetzt. Der Einzelne zählt nichts mehr, sondern nur das Große und Ganze. Ein Volk – ein Führer. Das bekommen die Menschen in allen Lebensbereichen zu spüren. Selbst in den privatesten und intimsten Bereichen findet ab nun gesellschaftliche Kontrolle statt. Jeder muss sein Verhalten darauf prüfen lassen, ob es der »nationalssozialistischen Volksgemeinschaft« von Nützen ist. Und ob es nützlich ist, entscheidet die NSDAP. Und wer sich nicht an die Spielregeln hält, wird als »Volksschädling« denunziert und bestraft.

2016 hatten Ingo Habermann und Gerhild Kirschner eine Ausstellung zusammengetragen, die sich mit der Auswirkung dieser Gleichschaltung in Bonbaden (heute Ortsteil von Braunfels) ausgewirkt hat. Auf Tafeln hatten die beide im Dorf gesammelte Dokumente und Bilder zusammengetragen, die ganze Geschichten hiervon erzählen.

Gerhild Kirchner hat uns freundlicherweise eine Reihe von Dokumenten zusammengestellt, die belegen, wie die NS-Ideologie alle Lebensbereiche der Menschen durchdrungen hat. Die nachfolgenden Dokumente zeigen, wie die NSDAP-Kreisleitung hierbei eine entscheidende Rolle spielt:

 

Dokumente und historische Fotos zum NS-Alltag

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31_Bonbadener_Jubilaeum_1938.jpg
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1 bis 23 von insgesamt 23

 

Fanatischer Verfechter der Völkischen Ideologie
Chef der NSDAP Kreisleitung war der NSDAP-Kreisleiter Wilhelm Haus (1899 – 1955), ein arbeitsloser Bergmann aus Biber. Haus wurde im Februar 1932 zum Stellvertreter seines Vorgängers, Rittmeister a. D. Grillo aus Braunfels, ernannt. Im Laufe des Jahres 1933 löste er Grillo ab und übte dieses Amt bis zum 29. März 1945 aus.

Ihm wird nachgesagt, dass er ein fanatischer Verfechter des von den Nazis propagierten völkischen Menschen- und Weltbildes war und insbesondere bei der »Judenfrage« ehrgeizig weiterging, als seine Amtskollegen. Er strebte nach der Vertreibung bzw. Ermordung sämtlicher nach den NS-Rassengesetzen als »Juden« bezeichnenden Mitbürger*innen auch die Verschickung der in Wetzlar wohnenden »Halbjuden« an.

So haben die Amerikaner nach ihrem Einzug in die Buderus-Villa am 29.03.1945 Akten gefunden, in denen die Befehls zum Abtransport von »Halbjuden« in die Konzentrationslager angewiesen waren. Dies konnten nicht mehr umgesetzt werden. Als hierzu Betroffene zählt Gisela Jäckel, geb. Best (Rosa Best), die die ältere Tochter von Willy und Rosa Best und ihre vier Jahre jüngere Schwester. Rosa Best war eine der vier Töchter der jüdischen Familie Lyon und wurde – wie ihre Eltern – in Auschwitz vergast.

Derartig gezieltes Vorgehen gegen »Halbjuden« ist aus anderen NSDAP-Kreisleitungen nicht bekannt. Hier wollte Haus offenbar Vorreiter und »Vorbild« sein.

Beispiele seiner Brutalität und seines Zynismus
Über den Zynismus Wilhelm aus Haus ist folgendes bekannt:

Gisela Jaeckels Onkel Max Weber war aufgefordert, sich von seiner Frau Paula (geb. Lyon) zu trennen. Er sprach beim NSDAP-Kreisleiter Wilhelm Haus vor, um einen Abtransport seiner Frau zu verhindern: »Wie soll ich denn alleine mit 5 kleinen Kindern klarkommen?« Die brutale Antwort: »Seien Sie froh, dass Sie Ihre Frau los sind! Und was die Judenbälger angeht, die hängen wir mal gelegentlich auf.« Die Leitz-Familie sorgte später dafür, dass der Witwer Max Weber eine Haushälterin zur Seite gestellt wurde.

Ein anderes Beispiel ist seine Bestrafung von Jakob Sauer
Zwei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner bringt am 27.März 1945 der Wetzlarer Bürger Jakob Sauer an seinem Haus ein Pappschild an mit der Aufschrift »Gott schütze mein Haus, wir sind keine Nazis, wir begrüßen die Befreier!« an. Hiervon erhält Wilhelm Haus Meldung. Sauer wird daraufhin verhaftet und der NSDSP-Kreisleiter erwirkt telefonisch beim NSDAP-Gauleiter die Genehmigung, »einen Schuft hängen lassen zu dürfen«. Ein Standgericht verurteilt Jakob Sauer zum Tod durch Erhängen. Am Friedhofseingang (an der Frankfurter straße) sucht Kreisleiter Haus einen Baum aus, verkündet nochmals das Urteil und gibt den Befehl zur Vollstreckung. Die Erhängung soll eine »mahnendes Beispiel sein. Der Leichnam von Jakob Sauer wird erst zwei Tage später von den Amerikanern abgehängt, nachdem sie Wetzlar besetzt haben.

Die Flucht des NSDAP-Kreisleiters
Unmittelbar nach der Vollstreckung dieses Todesurteils setzt sich Wilhelm Haus mit seinem Dienstwagen ab. Er flieht über Garbenheim, wo er vergeblich versucht, dass Menschen, die weiße Bettlaken aus ihren Fenstern

 
 

Eine Aufnahme von Wilhelm Haus © Historisches Archiv Wetzlar

 

gehängt hatten, erschossen werden sollen. Der den Befehl umzusetzende SA-Mann gibt zwei Scheinschüsse ab, die Haus glauben machen sollen, dass sein Befehl umgesetzt sei. Haus begibt sich danach in nördliche Richtung.

Verhaftung und Verurteilung
4. Mai 1945 wird Wilhelm Haus in Peine (Niedersachsen) von den Engländern festgenommen, später den Amerikanern übergeben und dann in Darmstadt interniert. Erst am 29. März 1947 wird Haftbefehl gegen ihn erlassen. Im Dezember 1947 wird er vom Schwurgericht Limburg wegen Totschlags zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. In einer Revisionsverhandlung 1948 wird das Strafmaß auf »sechs Jahre Zuchthaus und drei Jahre Ehrverlust« reduziert.

Es soll Menschen geben, die ihn als freien Mann in der Nachkriegszeit durch Wetzlar haben spazieren gehen sehen.

 
 
 
 

Maßnahmen zur Ausgrenzung, Benachteiligung, Demütigung, Vertreibung und Ermordung von Juden
Mit Anbeginn der Naziherrschaft werden jüdische Mitbürger*innen im Deutschen Reich diskriminiert, erniedrigt, verfolgt und gejagt und später ermordet. Die Hetzte gegen Juden prägte die NSDAP seit ihrer Gründung 1923.

Sie basierte auf der Verabschiedung von Gesetzen und Verordnungen des NS-Unrechtsregimes. Den NSDAP-Kreisleitungen oblag die administrative Überwachung und Koordination der »Maßnahmen«

Hier eine chronologische Übersicht 1933-1945:*)
1933

  • März:
    erste lokale Ausschreitungen der SA gegen jüdische Mitbürger*innen
  • 1. April:
  • Boykott jüdischer Geschäfte
  • 7. April:
    Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums durch den »Arierparagraphen« werden die jüdischen Beamten (11. April), Arbeiter und Angestellte bei den Behörden (4. Mai) und jüdische Honorarprofessoren, Privatdozenten und Notare entlassen
  • 22. April:
    jüdische Ärzte dürfen nicht mehr für Krankenkassen arbeiten
  • 25. April:
    Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen Begrenzung der Anzahl jüdischer Schüler und Studenten entsprechend dem Bevölkerungsanteil auf 1,5 %
  • 16. Juni:
    »Unerwünschten« (hierzu zählen auch Juden) kann die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt werden.
  • Im Deutschen Reich leben noch rund 500.000 Juden
  • 14. Juli:
    Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit Gesetz richtet sich gegen die »Ostjuden«
  • 6. September:
    Der Verkauf jüdischen Zeitungen im Straßenhandel wird verboten.
  • 29. September:
    Reichserbhofgesetz: Bauer kann nur sein, wer deutscher Staatsbürger, »deutschen oder stammesgleichen Blutes« und ehrbar ist.
  • 28. Dezember:
    jährliche Begrenzung der Neuaufnahme jüdischer Studenten an den Hochschulen auf 15.000

1934

  • 5. Februar:
    Ausschluss jüdischer Studenten von Examen für Ärzte und Zahnärzte
  • 21. April:
    Das rituelle Schächten wird verboten
  • 22. Juli:
    jüdische Studenten nicht mehr zu Prüfungen beim Jurastudium zugelassen
  • 18. August:
    Einschränkung der Zahl jüdischer Berufsschüler
  • 8. Dezember:
    Jüdische Mitbürger*innen nicht mehr zur Apothekerprüfung zugelassen

1935

  • 13. Februar:
    Zulassungsbeschränkung für Zahnärzte
  • Mai-August:
    Boykottpropaganda gegen Jüdische Mitbürger*innen gewaltsame Ausschreitungen in verschiedenen Städten lokale Verbote verbieten jüdischen Mitbürger*innen den Zutritt zu Kinos, Schwimmbädern, Parkanlagen, Kurorten, Gaststätten
  • 21. Mai:
    »Arierparagraph« für Offiziere, d.h. jüdischen Männer dürfen kein Offizier mehr sein
  • 26. Juni:
    Jüdischen Mitbürger*innen wird der Eintritt in den Reichsarbeitsdienst verboten
  • 8. Juli:
    »Ariernachweis« notwendig für die Aufnahme in die Reichsschaft der Studierenden
  • 25. Juli:
    Nichtarier werden vom Wehrdienst ausgeschlossen
  • 6. August:
    jüdische Künstler werden im Reichsverband jüdischer Kulturschaffender zwangserfasst
  • 10. September:
    Reichserziehungsminister Rust will noch im Schuljahr 1936 eine möglichst vollständige Rassentrennung durchführen
  • 15. September:
    auf dem NSDAP-Parteitag Parteitag der Freiheit werden die Nürnberger Gesetze verkündet Reichsbürgergesetz-Gesetz zum Schutze des »deutschen Blutes« und der »deutschen Ehre«. Das bedeutet u.a.: Nur Staatsangehörige »deutschen oder artverwandten Blutes« können »Reichsbürger« werden. Jüdische Mitbürger*innen dürfen Staatsangehörige deutschen Blutes nicht heiraten.
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen deutsche Hausangestellte unter 45 Jahren nicht beschäftigen (Nürnberger Rassengesetze).
    Unabhängig der Tatsache, ob Menschen aus jüdischen Familien sich als gläubige »Juden« verstehen oder nicht, werden sie als »Juden« im Sinne einer Rasse definiert.
  • 30 September:
    Alle jüdischen Beamte werden beurlaubt
  • 14. November:
    Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz entfernt Jüdische Mitbürger*innen aus dem Staatsdienst und den öffentlichen Ämtern

1936

  • 11. Januar:
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen nicht mehr als Steuerhelfer arbeiten
  • 7. März:
    Jüdische Mitbürger*innen besitzen kein Reichstagswahlrecht
  • 24. März:
    keine staatlichen Beihilfen mehr für kinderreiche jüdische Familien
 
 
  • 26. März:
    Jüdische Mitbürger*innen werden nicht mehr als Leiter oder Pächter von Apotheken zugelassen
  • 15. Oktober:
    Jüdische Lehrer dürfen keinen Privatunterricht an »deutschblütige« Schüler erteilen

1937

  • 15. April:
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen nicht mehr promovieren
  • 2. Juli:
    durch Runderlass des Reichserziehungsministeriums werden Sonderklassen für »jüdische Schüler« an öffentlichen Schulen gebildet
  • 2. Juli:
    Jüdische Mitbürger*innen erhalten nur noch in besonderen Fällen Auslandspässe
  • 4. November:
    Jüdischen Mitbürger*innen wird der »Deutsche Gruß« verboten

1938

  • 28. März:
    Jüdische Gemeinden werden von bisher Körperschaften öffentlichen Rechts zu privaten Vereinen herabgesetzt
  • 22. April:
    Verordnungen gegen die Tarnung jüdischer Betriebe durch arische Geschäftspartner
  • 26. April:
    Anmeldung jüdischen Vermögens über 5.000 RM
  • 19. Mai:
    1. Verordnung zum Personenstandsgesetz; frühere Zugehörigkeit zur jüdischen Religion ist zu vermerken
  • 9. Juni:
    Zerstörung der Münchener Synagoge
  • 14. Juni:
    Jüdische Betriebe sind als solche zu kennzeichnen (3. Verordnung zum Reichsbürgergesetz)
  • 15. Juni:
    Juni-Aktion ca. 1.500 jüdische Bürger werden, da sie als vorbestraft gelten (auch Verkehrsdelikt), verhaftet und in Konzentrationslager verbracht
  • Juni:
    Jüdische Mitbürger*innen und nichtjüdische Mitbürger*innen müssen in Krankenhäusern getrennt werden
  • 6. Juli:
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen Auskunfteien, Maklergeschäfte, Bewachungsbetriebe, Heiratsvermittlungen, Hausverwaltungen, Fremdenführung und Wandergewerbe nicht mehr betreiben
  • 23. Juli:
    Einführung einer mit »J« versehenen Kennkarte für Juden; gilt ab 01.01.1939
  • 25. Juli:
    allgemeines Berufsverbot für jüdische Ärzte; jüdische Ärzte dürfen nur noch jüdische Mitbürger*innen behandeln
  • 10. August:
    Zerstörung der Synagoge in Nürnberg
  • 17. August:
    Jüdische Mitbürger*innen müssen ab 01.01.1939 den zusätzlichen Vornamen Sara bzw. Israel annehmen Reichserziehungsminister Rust lässt die gesamte jüdische und hebräische Literatur in Deutschland erfassen
  • 27. September:
    Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte; dürfen als Konsulenten nur noch jüdische Klienten vertreten
  • 5. Oktober:
    Reisepässe von jüdischen Mitbürger*innen werden eingezogen; Neuausstellungen sind mit einem »J« versehen
  • 28. Oktober:
    17.000 Jüdische Mitbürger*innen polnischer Staatsangehörigkeit werden ausgewiesen und an die polnische Grenze gebracht
  • 9. November:
    Reichskristallnacht, reichsweite Zerstörung der Synagogen, in der Regel durch Anzündung und Niederbrennen der jüdischen Gotteshäuser. In Wetzlar wird die Einrichtung der Synagoge geschändet und gestört, aber nicht angezündet, weil Herr Waldschmidt befürchtet, dass der Brand auf die angrenzenden Fachwerkbauten seiner Brauerei übergreifen kann.
  • 10. November:
    Jüdische Zeitungen werden verboten; es erscheint nur das offizielle Jüdische Nachrichtenblatt
  • 12. November:
    Der Gesamtheit aller »deutschen Juden« wird eine Sühneleistung von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt.
    Die »Juden« müssen alle Schäden des Pogroms auf eigene Kosten sofort beseitigen.
    »Juden« dürfen keine Geschäfte und Handwerksbetriebe mehr führen.
    »Juden« dürfen keine Theater, Lichtspielhäuser, Konzerte und Ausstellungen mehr besuchen.
  • 15. November:
    Alle jüdischen Kinder werden aus deutschen Schulen entfernt.
  • 19. November:
    Jüdische Mitbürger*innen haben nur noch Anspruch auf jüdische Wohlfahrtsunterstützung
  • 21. November:
    Judenvermögensabgabe wird bei einem Freibetrag von 5.000 RM auf 20 % des Vermögens festgesetzt
  • 23. November:
    Alle jüdischen Betriebe werden aufgelöst.
  • 28. November:
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen sich ab sofort zu nicht mehr bestimmten Zeiten und Gebieten bewegen
  • 3. Dezember:
    Führerscheine und Kraftfahrzeugzulassungen von Jüdische Mitbürger*innen werden eingezogen. Sie müssen ihre Betriebe verkaufen, ihre Wertpapiere und Schmucksachen abliefern.
  • 8. Dezember:
    Verbot des Besuchs von Hochschulen für »Juden«
  • 12. Dezember:
    Beschränkungen für »Juden« bei der Ausfuhr von Wertsachen und Devisen bei der Auswanderung
  • 21. Dezember:
    jüdische Schulkinder weiterhin schulpflichtig; aber nur noch Besuch jüdischer Privatschulen erlaubt
 
 
 
  • 21. Dezember:
    jüdische Schulkinder weiterhin schulpflichtig; aber nur noch Besuch jüdischer Privatschulen erlaubt
  • 28. Dezember:
    Judenbann: Verbot des Besuchs bestimmter öffentlicher Einrichtungen; Fahrt in Schlaf- und Speisewagen wird für Jüdische Mitbürger*innen verboten
  • 31. Dezember:
    Jüdische Verlage und Buchhandlungen geschlossen

1939

  • 1. Januar:
    Verbot aller jüdischen Organisationen
    »Juden« müssen Kennkarten bei sich führen. Sie dürfen nur noch jüdische Vornamen haben. Wenn sie deutsche Namen führen, müssen sie zusätzlich den Namen »Israel« bzw. »Sara« annehmen.
  • 17. Januar:
    jüdischen Zahn- und Tierärzten sowie Apothekern wird die Zulassung entzogen
  • 24. Januar:
    Reichszentrale für jüdische Auswanderung geschaffen; Leiter wird der Chef der Sicherheitspolizei Heydrich
  • 21. Februar:
    Jüdische Mitbürger*innen müssen Schmuck und Edelmetalle abliefern
  • 4. März:
    arbeitslose Jüdische Mitbürger*innen werden zu Zwangsarbeiten verpflichtet
  • 24. März:
    die zerstörten Synagogen sind durch die jüdischen Kultusvereinigungen abzutragen
  • 30. April:
    Jüdische Mitbürger*innen wird das Mietrecht eingeschränkt, sie müssen »arische Wohnhäuser« räumen und »Judenhäuser« beziehen. Auch in Wetzlar entsteht ein Judenghetto (Jahnstraße Waldgirmes)
  • 17. Mai:
    Im Deutschen Reich leben noch rund 215.000 Juden
  • 16. Juni:
    Heilbäder und Kurorte sind nur noch mit Sondergenehmigung und bei strikter Rassentrennung für Jüdische Mitbürger*innen betretbar
  • 1. September:
    Beginn des 2. Weltkrieges mit dem Überfall der faschistischen Wehrmacht auf Polen
    Ausgangsbeschränkung für jüdische Mitbürger*innen ab 20 Uhr, im Sommer ab 21 Uhr
  • 20. September:
    Jüdische Mitbürger*innen im Deutschen Reich und in den besetzten Ländern müssen Radioapparate abliefern
  • 21. September:
    Juden-Pogrome durch die faschistische Wehrmacht und Waffen-SS im besetzten Polen.
  • 12./17. Oktober:
    erste Deportationen von jüdischen Mitbürgern*innen aus Österreich und den Protektorat Böhmen und Mähren nach Polen
  • 19. Oktober:
    als »Sühneleistung« wird die Vermögensabgabe der jüdische Mitbürger*innen von 20 % auf 25 % erhöht
  • 23 November:
    Einführung des »Judensterns« in Polen

1940

  • 23. Januar:
    Jüdische Mitbürger*innen erhalten keine Reichskleiderkarte, Lebensmittelkarten werden mit einem »J« versehen
  • 12./13. Februar:
    erste Deportationen von Jüdische Mitbürger*innen aus dem Reichsgebiet
  • 6. Februar:
    Jüdische Mitbürger*innen erhalten keine Kleiderkarten mehr
  • Juni
    Jüdische Mitbürger*innen ist das Einkaufen erst ab 15.30 Uhr erlaubt
  • Juni/August:
    Madagaskar-Plan Plan der Deutschlandabteilung des Auswärtigen Amtes, die europäischen Jüdische Mitbürger*innen auf der französischen Insel zu deportieren
  • 29. Juli:
    Jüdische Mitbürger*innen werden Telefonanschlüsse gekündigt
  • 1. September:
    Jüdische Mitbürger*innen müssen einen »Judenstern« tragen. Sie dürfen ohne polizeiliche Genehmigung ihren Wohnbezirk nicht mehr verlassen.
  • 14. Oktober:
    Beginn der allgemeinen Deportationen aus Deutschland
  • 22./23. Oktober:
    Jüdische Mitbürger*innen aus Baden, Saarpfalz und Elsass werden ins unbesetzte Frankreich deportiert; Internierung im Lager Gurs
  • 24. Dezember:
    Jüdische Mitbürger*innen müssen neben der Einkommensteuer noch eine 15%ige Sozialausgleichsabgabe entrichten

1941

  • 7. Januar:
    Jüdische Mitbürger*innen müssen Sondersteuer in Höhe von 15 % entrichten
  • 7. März:
    Jüdische Mitbürger*innen werden zur Zwangsarbeit herangezogen
  • 1. September:
    Jüdische Mitbürger*innen ab dem sechsten Lebensjahr müssen den »Judenstern« tragen
  • 18. September:
    Jüdische Mitbürger*innen benötigen Erlaubnis für Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln
  • 1. Oktober:
    Verbot der Auswanderung jüdischer Staatsbürger aus dem Deutschen Reich
  • 14. Oktober:
    Befehl zur Deportation von jüdischen Mitbürger*innen aus dem Reichsgebiet (auch Berlin), Transporte bis Januar 1942
  • 25. November:
    deportierten jüdische Mitbürger*innen wird die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt; ihr Besitz verfällt dem Deutschen Reich
  • 30. November:
    10.000 deutsche und einheimische jüdische Mitbürger*innen bei Riga erschossen
 
 
  • 30. November:
    10.000 deutsche und einheimische jüdische Mitbürger*innen bei Riga erschossen
  • 12. Dezember:
    Verbot der Benutzung öffentlicher Telefone für jüdische Mitbürger*innen und von Telefonanschlüssen

1942

  • 1. Januar:
    Im Deutschen Reich leben noch rund 130.000 Juden
  • 10. Januar
    Jüdische Mitbürger*innen müssen alle Woll- und Pelzsachen abliefern
  • 20. Januar:
    Wannsee-Konferenz in Berlin: Maßnahmen zur »Endlösung der Judenfrage« beschlossen
  • 15. Februar:
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen keine Haustiere halten
  • 17. Februar:
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen keine Zeitungen und Zeitschriften beziehen
  • 13. März:
    Jüdische Mitbürger*innen müssen ihre Wohnungen mit einem »Judenstern« kennzeichnen
  • Ende März:
    erste Transporte von Jüdische Mitbürger*innen aus Deutschland und Westeuropa auch nach Auschwitz
  • 24. April:
    Jüdische Mitbürger*innen ist die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel untersagt
  • 12. Mai:
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen keine arischen Friseure aufsuchen
  • 15. Mai:
    Jüdische Mitbürger*innen wird das Halten von Haustieren verboten, Sie müssen alle entbehrlichen Kleidungsstücke abliefern.
  • Juni:
    Beginn der Massenvergasungen in Auschwitz/Birkenau;
    Deportationen nach Theresienstadt
  • 11./22. Juni:
    Jüdische Mitbürger*innen erhalten keine Rauch- und Eierkarten
  • 12. Juni:
    Jüdische Mitbürger*innen müssen alle elektrischen und optischen Geräte, Fahrräder und Schreibmaschinen abliefern
  • 20. Juni:
    Alle jüdischen Schulen werden geschlossen
  • 1. Juli:
    Unterrichtsverbot für jüdische Schüler
  • 17. Juli:
    Blinde und schwerhörige Jüdische Mitbürger*innen dürfen keine Armbindung zur Kennzeichnung im Verkehr mehr tragen
  • 30. Juli:
    Jüdische Gemeinden müssen jüdische Kultgegenstände aus Edelmetall abliefern
  • 19. September:
    Jüdische Mitbürger*innen erhalten keine Fleisch- und Milchmarken
  • 5. Oktober:
    Himmler befiehlt die Deportation aller Jüdische Mitbürger*innen aus Konzentrationslagern im Reich nach Auschwitz
  • 9. Oktober:
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen nicht mehr in arischen Buchhandlungen kaufen

1943

  • 27. Februar:
    Jüdische Mitbürger*innen aus Berliner Rüstungsfirmen nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert
  • 30. April:
    Jüdische Mitbürger*innen wird die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen
  • 19. Juni:
    Reichspropagandaminister Goebbels erklärt Berlin für »judenrein«
  • 1. Juli:
    Jüdische Mitbürger*innen in Deutschland verlieren Rechtsschutz durch die Justiz und unterstehen nur noch der Polizei
  • 1. September:
    Im Deutschen Reich leben noch rund 15.000 Juden

1945

  • 27. Januar:
    Die Rote Armee der Sowjetunion befreit die dort noch lebenden KZ-Häftlinge von Auschwitz (Erst 60 Jahre später wird dieser Tag von der UNO als »Holocaustgedenktag« proklamiert.
  • 29. März:
    Eine Panzereinheit der US Armee rückt von Hermannstein kommend auf Wetzlar vor. Am selben Tag befreit die US-Armee Wetzlar vom Hitlerfaschismus. Die NSDAP-Kreisleitung versucht zuvor an der Buderus-Villa ihre Akten in Ölfässern zu verbrennen. Danach flüchten die höheren Nazifunktionäre. Die US-Armee beschlagnahmt die Buderus-Villa und findet die Akten von Transportbefehlen für »Halbjuden« (nach den Nürnberger Gesetzen Menschen, die Kinder von Mischlingsehen, also Christen und Juden) in die Vernichtungslager im Osten, die nicht mehr umgesetzt werden konnten. Hierunter zählen auch mind. zwei Wetzlarer Kinder.
    Von den Täter*innen der NS-Verbrechen konnten sich sehr viele einer gerechten Strafe entziehen. Die wenigen Überlebenden bzw. viele der Nachfahren haben sehr oft demütigende Befragungen und unerträgliche Nachweisführungen erbringen müssen, wenn sie im Nachkriegsdeutschland einen Anspruch auf Regress, Wiedergutmachung oder einfach nur eine Entschuldigung verlangten.

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Quellen:

 

 
 
 
 
 

Download der Gedenktafel an der Buderus-Villa

 
 

Statements der Unterstützer dieser Gedenktafel

Mit einem Klick erfahren Sie mehr über die Unterstützer dieser Gedenktafel:

06.06.2019

»Haus Aloys«

Warum das Alters- und Pflegeeim für Demenz-Kranke der Initiative beigetreten ist. Statement von Songül Gül.

 
 

Warum haben wir das Projekt Gedenktafeln zu Ereignissen der NS-Zeit initiiert?

 
 

Warum die Stadt Wetzlar Gedenktafel zu Ereignissen der NS-Zeit in Wetzlar unterstützt. Ein Statement von OB Manfred Wagner

 
 
02.05.2018

Förderung

durch das Bundesprogramm durch »Demokratie Leben!«.

 
 

Warum die Scholz Verwaltung GmbH & Co. Immobilien KG die Gedenktafel zu Ereignissen der NS-Zeit unterstützt. Ein Statement von Gabriele Scholz.

 
 

Warum Bosch die Gedenktafel zu Ereignissen der NS-Zeit in Wetzlar unterstützt. Statement von Oliver Barta.

 
 

Tafelenthüllung am 11. Juni 2019

Bilder und Bericht von der Gedenkstunde

 
 
 

Die Gedenktafel an der Buderus-Villa

Zu den Verbrechen der NSDAP-Kreisleitung

 
 
 
 

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