Prof. Ulrich Mayer © Klaus Petri
Prof. Ulrich Mayer © Klaus Petri
vom 24.05.2018

Ochsenfest und Hakenkreuz

Ein Vortrag von Prof. Ulrich Mayer schließt eine Lücke in der regionalen Geschichtsschreibung.

Der Wetzlarer Geschichtsverein hatte den Historiker Prof. Ulrich Mayer
am 24. Mai 2018 zu einem Vortrag in die »alte Aula« der ehemaligen Lotteschule eingeladen. In der bisherigen Chronik des Landwirtschaftsvereins findet sich nichts über das Ochsenfest im Jahre 1933 – ein Fest, das ganz im Zeichen der faschistischen Gleichschaltung der deutschen Bauernschaft und ihrer Verbände stand.

Der nachfolgende Bericht über die Veranstaltung ist von Klaus Petri:
Die Tradition des vom »Landwirtschaftlichen Verein« im Finsterloh ausgerichteten Wetzlarer Ochsenfestes reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. In der Vereinschronik war das im Jahr der »Machtergreifung« 1933 ausnahmsweise auf dem deutlich größeren Bachweide-Gelände abgehaltene Volksfest bisher eine Leerstelle. Diese Lücke zu schließen, leistete ein Vortrag des 1941 in Wetzlar geborenen Historikers Ulrich Mayer, der von 1995 bis 2006 einen Lehrstuhl für Geschichtsdidaktik an der Uni Kassel innehatte und dem Beirat des Wetzlarer Geschichtsvereins angehört.

Mayer konnte auf ein umfangreiches Bild-Archiv von Manfred Jung (70) aus Waldgirmes zurückgreifen, dessen Großvater Hrch. Konrad Lamm die Aufnahmen vor 85 Jahren gemacht hat. »Das Ochsenfest wurde von den braunen Machthabern im Sinne ihrer Blut-und-Boden-Ideologie als grandioses Theaterstück – ›Ende gut, alles gut‹ –‚ inszeniert«, stellte der Referent einleitend fest.

Traditionelle Volksfest-Elemente wie Groß- und Kleintierschau, Musikpavillon, mechanische Schiffschaukel, Musikkapellen (darunter die Marinekappelle Cuxhaven), Sackhüpfen und »Heidelbeerkuchen-Wettessen« (mit eingebackenem 50-Pfennigstück) verbanden sich mit dem allumfassenden Machtanspruch der Nazi-Partei. Neben den schwarzroten Stadtfahnen Wetzlars sind auf den historischen Bildern die neuen alten Reichsfarben schwarz-weiß-rot, das nassauische Blau-Gelb (Wetzlar war administrativ dem Gau Hessen-Nassau angegliedert worden) und immer wieder Hakenkreuzfahnen zu sehen.

Die Motivwagen des Festzuges charakterisierte Prof. Mayer als »folkloristisch-agrarromantisch«. Eine Gruppe Bäuerinnen aus Hüttenberg in Tracht und mit »Schnatz« als Kopfbedeckung führten Federvieh und eine »Gänse-Liesel« mit. Nauborner Bauern zeigten eine auf das frühe Mittelalter zurückgehende »Theutbirg«-Szene, Landleute aus Niedergirmes führten einen »vergoldeten Pflug« und ein Banner mit der Aufschrift »Deutsche, esst deutsches Gemüse« mit.

Das bekannte Volkslied-Motiv »Am Brunnen vor dem Tore« wurde dargestellt und die Begeisterung für Fliegerei fand einen humoristischen Ausdruck in Gestalt eines Jauchefasses mit Propeller und Tragflächen. Musikkorps von SA und Feuerwehr machten ebenso mit wie eine Reiterabteilung in Vorkriegsuniformen aus Dillenburg.

Auffällig ist die sehr hohe Besucherzahl: mit 50 Tausend Menschen am Sonntag war das die dreifache Einwohnerzahl im damaligen Wetzlar. Die 3.000 Kinder hatten samstags ab 11 Uhr und den kompletten Montag schulfrei bekommen. Mit einer »Landfunk«-Sendung wurde vom Südwestdeutschen Rundfunk überregional berichtet und der »Wetzlarer Anzeiger« schwärmte von einem die Altstadt illuminierenden grandiosen Feuerwerk und dem vieltausendfachen Bekenntnis zum Wiederaufbau der deutschen Landwirtschaft und dem einmütigen Bekenntnis zum NS-Staat.

Auf einem Prominenten-Foto trägt die Hälfte Partei- und SA-Uniform, zu sehen ist darauf auch der damalige Fürst von Braunfels. Prinz Philipp von Hessen brachte als oberster Repräsentant des Staates Preußen eine Eloge auf »unseren Reichskanzler von Gottes Gnaden Adolf Hitler« aus.  

Ausgeschlossen von dieser geschickt choreografierten Melange aus gleichgeschalteter Volksgemeinschaft und totalitärem Machtanspruch waren rund 300 Nazi-Gegner aus Wetzlar und Umgebung, die zeitgleich in der »Jäcksburg« zwischen Dom und Rosengärtchen als »Schutzhäftlinge« weggesperrt waren und von SA-Hilfspolizisten drangsaliert wurden. Im Vorfeld des Ochsenfestes hatten die Nazis »durch die übliche Mischung aus Verlockung, Vereinnahmung, Intrigen und Drohungen« die bis 1932 nach der SPD im Kreis Wetzlar zweitstärkste »Christlich-nationale Bauern- und Landvolk-Partei« marginalisiert.

Ideologisch gab es zwischen Konservativen und Völkischen viele Gemeinsamkeiten. Die vom »Landbund« (DNVP- und DVP-nah) vor 1933 veranstalteten »Bauerntage« wertete Ulrich Mayer als »regelmäßige oppositionelle Kundgebungen gegen den Weimarer Staat«. Sozialdemokratische Funktionsträger der ungeliebten Republik wurden in bäuerlichen Kreisen als »Geringe« verachtet, hatten sie es doch ohne eigenen Landbesitz »zu etwas gebracht«.

Den realen Ängsten der Landwirte vor sozialem Abstieg begegnete die NSDAP mit der Forderung nach einem »neuen Bauernrecht«. »Nicht alles hat sich nach dem Preis zu richten!«, wurde als Parole ausgegeben. Sprachlich wurden Landwirte als »Reichsnährstand« und als »Neuadel aus Blut und Boden« aufgewertet. Das antisemitisch grundierte »Reichserbhofgesetz« vom 29. September 1933 untersagte die Realteilung und verbot »volksfremden Elementen« den Landerwerb.

Der von Hitler im Frühsommer 1933 zum »Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft« ernannte SS-Obergruppenführer Walter Darré war Hauptredner der Großveranstaltung am 16. Juli in Wetzlar. Mit dem Appell »Adolf Hitler hat uns die Treue gehalten, jetzt ist es an uns, ihn bei seinem großartigen Aufbauwerk zu unterstützen«, gab er der vorgeblich auf »Blutsbanden« gegründeten »völkischen Empfindungsgemeinschaft« (Mayer) einen pathetischen Ausdruck.

Der am Schluss des spannenden und detailliert illustrierten Geschichtsvortrags vom Referenten eröffnete Blick in die Zukunft:
»Ich wünsche Wetzlar noch viele fröhliche und interessante Ochsenfeste — ohne propagandistische, kriegerische oder rassistische Hetzparolen« — fand bei den rund 60 Gästen der Veranstaltung großen Zuspruch.

 

 

 
 

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