vom 29.11.2019

»IUVENTA – solidarity at sea«

Ein Vortrag vor dem »Feine-Sahne-Fischfilet«-Konzert am 29.11. in der Wetzlarer Rittal-Arena.

Bericht von Klaus Petri
»Die Rettung von Menschen auf See ist eine Pflicht, nicht nur ein Recht, und gewiss kein Verbrechen.« So argumentiert Nicola Canestrini, Rechtsbeistand der Seenot-Rettungs-NGO »JUVENTA Crew«.

Seit August 2017 wird das Rettungsschiff JUVENTA im sizilianischen Hefen Trapani festgehalten. Die 14-köpfige Crew rettete mehr als 14.000 Menschen aus Seenot. Jetzt wird wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung strafrechtlich gegen sie ermittelt. Im Falle einer Verurteilung drohen bis zu 20 Jahre Haft und eine Geldstrafe von 15.000 Euro pro illegalem Einwanderer.

Kapitän Dariush und der Ingenieur Hendrik Simon wurden von »Feine Sahne«-Frontmann »Monchi« Gorkow während des Konzerts als »Menschen wie du und ich« begrüßt, die »eine heldenhafte Tat begangen haben und unsere Solidarität verdienen«.

Im Tagungsraum der Rittal-Arena hatten sie im Vorfeld vor 50 Interessierten ausführlich über ihren Seenotrettungseinsatz im Mittelmeer berichtet. »Manche von uns waren rein humanitär motiviert, wollten ganz praktisch in Seenot geratenen Menschen helfen. Aber uns allen wurde drastisch vermittelt, dass das Sterben im Mittelmeer eine von Menschen gemachte Katastrophe ist, der politische Entscheidungen zugrunde liegen«, informierte Hendrik Simon.

Vor 2015 war die Bergung von havarierten Bootsflüchtlingen Sache des italienischen Staates. Das Projekt »Mare nostrum« wurde nach einer Schiffskatastrophe mit 700 Toten – und weil Italien bei der Bewältigung der Flucht von Afrikanern übers Meer vom übrigen Europa alleingelassen wurde – eingestellt. An dessen Stelle trat der internationale, durch Italien koordinierte Seenotrettungsdienst MRCC.

»Bis Sommer 2017 gab es eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen uns NGOs und MRCC. Wir halfen, die durch das Ende von »Mare nostrum« entstandene Versorgungslücke zu schließen«, teilte Kapitän Dariush mit. Im August 2017 habe es Order gegeben, den Einsatzort zu verlassen und die Insel Lampedusa anzulaufen, mit lediglich vier Schiffsbrüchigen an Bord. »Dort sind wir im Auftrag mehrerer Geheimdienste und Behörden verwanzt worden. Von 21 Flüchtlingsbooten in unserem Einsatzgebiet sind dann vier verschwunden. Auch diese vermutlich ertrunkenen Menschen hätten gerettet werden können«, erfuhren die Besucher.

Auf Betreiben des damaligen Innenministers Matteo Salvini von der nationalistischen Lega Nord ermittelten mehrere Behörden wegen »Beihilfe zur illegalen Einwanderung«. Der Vorwurf »Zusammenarbeit mit Schlepperbanden« stand im Raum. Anti-Mafia-Gesetze »gegen organisierte Kriminalität« wurden als Grundlage für die Beschlagnahmung des Schiffes herangezogen.

In dem gezeigten Filmbeitrag beklagt die 25-jährige Britin Laura die Hartherzigkeit der Verantwortlichen in der ›Festung Europa‹: »Sie kennen die Umstände vor Ort nicht und nicht die Angst in den Augen der vor dem Ertrinken bedrohten Menschen«.

In einem Flyer wird auf die Rechtslage aufmerksam gemacht: »Niemand darf an die libysche(n) Regierung(en) ausgeliefert werden, da das einen Verstoß gegen Art. 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention darstellt«.

Im Film gab es Kurzportraits weiterer Aktivisten, die in Sachen Einsatz für Menschenrechte keine Kompromisse eingehen und dafür Gefängnis und hohe Geldstrafen in Kauf nehmen. Eine 74-jährige Schweizerin hatte einen gegen ärztlichen Rat zur Abschiebung vorgesehenen Afghanen illegal bei sich zu Hause aufgenommen. Eine Gruppe junger Basken hat Flüchtlinge aus völlig überfüllten Lagern in Griechenland im Wohnmobil mitgenommen.

Am Schluss der Veranstaltung stellte die Wetzlarer Gruppe »Seebrücke« ihre Aktivitäten vor. Kevin Sitte ist seit kurzem »Seebrücke«-Aktivist: »Ich bin in diesem Jahr Vater geworden. Wir wissen, dass im Mittelmeer Tausende elend zugrunde gehen, oftmals ganze Familien. Ich möchte meinem Kind später mal sagen können, dass ich dabei nicht tatenlos zugeschaut habe.«

—› Aktion Seebrücke: Mahnwache zum Tag der Menschenrechte am 10.12.2019

 
 

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