Themenabend zur NS-Zwangsarbeit

 
 

Verschleppt • Entrechtet • Ausgebeutet — Das Ausmaß der Zwangsarbeit in Wetzlar

Die Zwangsarbeit gehört mittlerweile zur inudstriellen Stadtgeschichte

Es ist nun 75 Jahre her,

als die Amerikaner bei ihrer Besetzung von Wetzlar knapp 10.000 Zwangsarbeiter*innen befreiten. WETZLAR ERINNERT e.V. bietet hierzu für interessierte Gruppen einen Themenabend an, auf dem das System, die reichsweiten sowie die lokalen Dimensionen udn die Wetzlarer Lager der NS-Zwangsarbeit dargestellt werden.

 

Hierzu dienen

ein rechnergestützter Vortrag, sechs Roll-Ups und E-Bilderrahmen, mit denen dieser einstündigen  Themenabend gestaltet wird. Gebrauch machte hiervon am 24.10.2019 der SPD-Ortsverein Blasbach-Hermannstein im Bürgersaal Hermannstein.

 

Bilder vom Abend und zum Thema © Wetzlar erinnert e.V.

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1 bis 7 von insgesamt 7

 

Von Klaus Petri
Im Frühjahr 2020 jährt sich zum 75. Mal das Ende des 2. Weltkrieges. Der SPD Ortsverein Hermannstein-Blasbach hat dies zum Anlass genommen, um die damaligen Ereignisse in und um Wetzlar in Erinnerung zu rufen.

Die Vorsitzende Sabrina Zeaiter begrüßte dazu Ernst Richter, Vorsitzender von WETZLAR ERINNERT e.V., als Referenten. Ende März rücken von Westen kommend US-Truppen auf Wetzlar vor. Kameramänner des US-Militärs haben am 29. März einzelne Szenen der von vielen Deutschen als Niederlage erlebten Befreiung von Krieg und Nazi-Herrschaft auf Zelluloid gebannt: Über die Hermannsteiner Straße preschen Panzer vor, deutsche Fahnenjunker lassen sich mit erhobenen Händen gefangen nehmen, auf der Bahnhofsbrücke halten drei Zivilisten einen mit weißer Unterwäsche drapierten Stecken hoch, Zwangsarbeiter mit Barretts jubeln und zerschlagen ein großformatiges Hitler-Portrait, eine Gruppe russischer Frauen mit Kopftüchern und Bündeln unter dem Arm läuft am Karl Kellner-Ring entlang. Vom Dach des Hotels »Erholung« in Bahnhofsnähe aus beschießen US-Soldaten die Wetzlarer Altstadt.

Während des Krieges waren in Wetzlar 9.575 Ausländer untergebracht (darunter 1.710 Frauen und 92 Kinder). 5.101 davon in mehreren Barackenlagern. Die Mehrzahl arbeitete in der Rüstungsfabrikation. So wurden beispielsweise bei Buderus Granathülsen geschmiedet, die in Stadtallendorf dann von KZ-Gefangenen mit Phosphor befüllt wurden. Reichsweit leisteten geschätzte 12 Mio. aus ganz Europa nach Deutschland verschleppte Menschen Zwangsarbeit, die 4,7 Mio. Arbeitskräfte aus der Sowjetunion trugen den Aufnäher »Ost«. Auch Franzosen (2,3 Mio.), Polen (1,9 Mio.) und Belgier (0,5 Mio.) stellten große Kontingente.

Wurden 1938 noch Italiener vom »Reichsarbeitsamt« freiwillig angeworben, gab es während des Krieges in großem Stil Zwangsrekrutierungen. Es gab Jagdszenen auf offener Straße, ganze Schulklassen wurden deportiert. Die SS betätigt sich hierbei als monströses Leiharbeitsunternehmen. Die Betriebe hatten Unterkunft und Verpflegung zu stellen und mit einem Firmen-Werkschutz für die Bewachung der Arbeitssklaven zu sorgen. Ein ungelernter deutscher Arbeiter verdiente damals 1,6 RM pro Tag. Die Hälfte dieses Lohnes zahlte die Firma pro »Fremdarbeiter« an die SS. Das Tages-Entgelt eines Ostarbeiters betrug 0,1 RM.

Die Rassengesetze begründeten eine Hierarchie unter den Zwangsarbeitern. Während beispielsweise ein junger Flame durchaus Fußball spielen und Tanzvergnügen aufsuchen konnte, wurden Menschen aus Osteuropa wie der letzte Dreck behandelt. »Abfälle aus der deutschen Betriebskantine sind noch hervorragend geeignet für die Verpflegung von Ostarbeitern«, hieß es in einer Empfehlung des Rüstungskommandos Gießen vom 27.11.1942. Anstrengende und gefährliche Arbeiten in der Stahlindustrie mussten ohne Schutzkleidung und mit bloßen Händen verrichtet werden. Nach ihrer Befreiung kehrten nicht alle Zwangsarbeiter in ihre Heimatländer zurück. In der Sowjetunion galten die Zwangsdeportierten als Kollaborateure, die den Feind bei der Kriegsführung unterstützt hatten.

Zusammen mit überlebenden Juden wurden mehrere Tausend ehemalige Zwangsarbeiter in der späteren Sixt von Arnim-Kaserne im Wetzlarer Westend bis 1952 als »Displaced Persons« untergebracht. Ernst Richter bezeichnete die 29 Tafeln umfassende und am 1 September 1986 im Stadthaus am Dom eröffnete Ausstellung über »Zwangsarbeit in Wetzlar« als deutschlandweite Pionierleistung. Im Auftrag der IG Metall-Verwaltungsstelle Wetzlar hatten damals Karin Bernhardt, Reinhard Jahn und der Marburger Historiker Dr. Witich Roßmann vier Monate im Stadtarchiv und in den Unterlagen der beteiligten Firmen geforscht.

Neben den Ausstellungstafeln gab es auch Buchveröffentlichungen zu diesem Kapitel der Industriegeschichte im heimischen Raum. Bei den Recherchen stieß man auch auf die Geschichte des jungen Polen Tomasz Kiryllow, der in der Firma Pfeiffer Apparatebau Sabotageakte verübt hatte und ins KZ-Buchenwald überstellt wurde. Er überlebte Krieg und Gefangenschaft, schrieb eine Autobiografie (»Und ihr werdet doch verlieren!«) und besuchte im April 1987 erneut Wetzlar – diesmal als gefragter Zeitzeuge und aktiver Kämpfer gegen Krieg und Faschismus. Kiryllow war 1944 aus dem KZ-Außenlager »Atlantik-Wall« geflohen und hatte sich den Partisanen der »Resistance« angeschlossen.

Ernst Richter erläuterte den 25 Gästen der SPD-Veranstaltung, dass gegenwärtig eine »Runderneuerung« der 33 Jahre alten IGM-Ausstellung stattfindet. Sie soll dann künftig einen festen Platz in der heimischen Museumslandschaft finden.