Ge(h)denken

 

»Rettet wenigstens die Kinder« am 29.01.2019 mit Angelika Rieber

Foto: © Ernst Richter

 

Am 29. Januar 2019 fand eine

von 84 Zuhörerinnen und Zuhörern besuchte Lesung aus dem Buch »Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main – Lebenswege von geretteten Kindern« in der Wetzlarer Stadtbibliothek statt.Hierzu finden sie in den anchfolgenden Aufklappmenüs einen Bericht, Bilder von der Veranstaltung und Informationen zum Buch.

 

Von Ernst Richter

Am 29. Januar 2019 fand eine von 84 Zuhörerinnen und Zuhörern besuchte Lesung aus dem Buch »Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main – Lebenswege von geretteten Kindern« in der Wetzlarer Stadtbibliothek statt. Hierzu eingeladen hatten gemeinsam WETZLAR ERINNERT e.V. und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen | Wetzlar. Für die Veranstalter würdigte Andrea Neischwander das Engagement der Mitautorin und Mitherausgeberin Angelika Rieber im Verein »Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt – Spurensuche – Begegnung – Erinnerung e.V.« und hieß sie herzlich willkommen.

Rieber stellte zunächst den 2018 im Fachhochschulverlag Frankfurt veröffentlichten Sammelband vor, der an eine außergewöhnliche Rettungsaktion erinnert: Etwa 20.000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei wurden nach dem Novemberpogrom 1938 nach Großbritannien und in andere Länder gebracht und somit vor dem Holocaust gerettet. Bei der Auswahl der Biographien fand eine Vielfalt von Schicksalen Berücksichtigung; ebenfalls werden in dem vorliegenden Buch Hilfsorganisationen wie die Loge B‘nai B‘rith und die Quäker gewürdigt und die Lebensgeschichten von drei Helfern vorgestellt.

Anschließend las die Autorinnen bewegende Passagen aus ihrem Buch vor. Im Mittelpunkt dieser eigens für Wetzlar konzipierten Lesung standen die Lebensgeschichten der Familie Rosenthal, der Söhne Manfred und Herbert des in Wetzlar geborenen und aufgewachsenen Milan Rosenthal.

Das Novemberpogrom von 1938 zerstörte nicht nur die wirtschaftliche Existenz der Familie, sondern auch die Ausbildungsmöglichkeiten und Zukunft ihrer Kinder. Bekannte der Rosenthals aus dem Elsass, die nach Frankreich ins Elsass geflüchtet waren, überzeugten Erna und Milan Rosenthal, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen: »Ihr müsst die Kinder aus Deutschland herausholen, bis die Hitlerzeit vorbei ist.« So kam Manfred zu Bekannten nach Frankreich, auch sein älterer Bruder – Herbert – konnte zwei Monate später nach England entkommen.

Auf abenteuerliche Weise gelang den Eltern später die Flucht. Sie erhalten ein Visum für die USA und mit Hilfe der Quäker können sie Manfred finden und zu sich holen. Herbert hingegen überlebt den 2. Weltkrieg nicht. Nach dem Eintritt Englands in den Krieg wird der zwischenzeitlich über 16-Jahre alte Junge zum »Staatsfeind« erklärt und auf der berüchtigten »Dunera« 1940 nach Australien verbracht. Zwei Jahre musste er in einem australischen Lager ausharren, bevor es den Eltern gelang, ihren Jungen in die USA holen zu können. Herbert durfte aufgrund bürokratischer Vorschriften aber nicht auf dem direkten Weg nach Amerika, sondern musste zunächst nach England zurück. Bei der Überfahrt

 
 

zusammen mit 43 anderen Internierten wurde das Schiff von den Deutschen torpediert.

Später geht Rieber auf die Schicksale anderer Kinder ein. Immer wieder hinterlassen die abrupte Trennung von den Eltern bei den Kindern seelische Narben, die oftmals die Zusammenhänge und Gründe ihrer Verschickung in eine fremde Welt nicht begreifen können. Rieber sagt: Es sei ein wichtiges Anliegen ihres Vereins, auf diese beispielhaften Rettungsversuche jüdischer Kinder aufmerksam zu machen. Denn die Lebensgeschichten der Kinder und die Schicksale der Familienmitglieder informieren nicht nur über die Auswirkungen der Politik der Nationalsozialisten, sondern sie erwecken Empathie.

In einer Einleitung schrieb Riebers Co-Autorin Till-Lieberz-Groß: »Die Traumatisierung vieler Kindertransport-Kinder, das bittere Gefühl ihrer ›Überlebensschuld‹, aber oft auch eine tiefe Enttäuschung, von ihren Eltern ›verlassen‹ worden zu sein, blieb über Jahrzehnte unbeachtet. Die Kinder mussten sich in einem fremden Land weitgehend alleine ein neues Leben ohne ihre Herkunftsfamilie erkämpfen«.

Auch die Biografien von Helfer*innen kommen zu Sprache. So erzählt Angelika Rieber von Herta Mayer und der »Jüdischen Bezirksschule«, die vom Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden 1937 in Bad Nauheim gegründet wurde, nachdem durch die Rassengesetze jüdische Kinder immer brutaler in staatlichen Schulen ausgegrenzt wurden. Aber lesen sie das bitte alles selbst in dem Buch, siehe —›

Die Stadt Frankfurt am Main lädt Holocaust-Überlebende und zwischenzeitlich auch deren Kinder aus der ganzen Welt zu Gedenkfeiern nach Frankfurt ein. Dem Verein »Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt – Spurensuche – Begegnung – Erinnerung e.V.« ist es dabei ein Anliegen, mehr über das Thema zu erfahren. Viele Begegnungen und Gespräche mit diesen Zeitzeugen spiegeln sich in diesem Buch wider. Beispielgebend, wie ich finde.

Zum Schluss verweist Rieber auf die Initiative ihres Vereins für ein Denkmal, welches für die Kindertransport-Kinder in Frankfurt am Main errichtet werden soll. Die Errichtung des Denkmals können Sie durch eine Spende fördern

  • Die Bankverbindung:
    Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt
    Sonderkonto »Kindertransport-Kinder-Denkmal«:

    DE 91 5019 0000 7200 5801 89, Frankfurter Volksbank BIC: FFVBDEFF

—› Beschluss des Magistrats zum Denkmal am 13.03.2018

Mit einem großen Applaus honorierten die Gäste die Lesung und Riebers Engagement. Anschließend gab es die Möglichkeit, der Autorin Fragen zu stellen.

 
 
 
 

Fotostrecke von der Lesung

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1 bis 22 von insgesamt 22

 

So können Sie das Buch bestellen:

  • Rettet wenigstens die Kinder
    Kindertransporte aus Frankfurt am Main
    Lebenswege von geretteten Kindern

    Herausgegeben von Angelika Rieber und Till Lieberz-Groß
    © 2018 Fachhochschulverlag Frankfurt am Main

    ISBN 978-3-947273-11-9

  • Preis: 25,00 €
 
 
 
 
 
 

Download des Veranstaltungsmaterials