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Holocaustgedenktag

 

Gedenkstunde 2020 im alten Rathaus und am Mahnmal für die Opfer des NS-Regimes

Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz

versammelten sich Vertreterinnen und Vertreter der Wetzlarer Stadtgesellschaft im alten Rathaus und am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Rosengärtchen zum Holocaust-Gedenktag. 75 Jahre nach der Befreiung müssen wir feststellen: Alle zwei Wochen wird heute in Deutschland ein alter jüdischer Friedhof geschändet, Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert. Männer, die eine Kippa tragen, in aller Öffentlichkeit angepöbelt und geschlagen. Es ist einer stabilen Holztür zu verdanken, dass am Yom Kippur-Tag (dem höchsten jüdischen Feiertag) ein Blutbad in der Synagoge von Halle ein Blutbad angerichtet wurde. »Wehret den Anfängen und bekämpft die Geleichgültigkeit!« waren die Apelle, die am 27. Januar 2020 in Auschwitz und in aller Welt zu hören waren. So auch in Wetzlar.

 
 

Bilder vom Holocaust-Gedenktag am 27.01.2020 in Wetzlar

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»Am 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz haben viele Wetzlarer der Opfer gedacht,« schreibt die Steffen Gross für die Wetzlarer Neuen Zeitung in seinem Bericht. Ja es waren mehr Menschen, als je zuvor, die sich zum Holocaust-Gedenktag versammelten. Angesichts der steigenden antisemitischen Angriffe, des Erstarkens rassistischer Agitation und völkischer Hetze, den umsichgreifenden Hass und des Rechtspopulismus bleibt denn zu sagen: Es müssten viel mehr sein, die sich an dem Gedenken und Erinnern beteiligen!

Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an den europäischen Juden, Ausdruck des Rassenwahns und Kainsmal der deutschen Geschichte. Am 75. Jahrestag der Befreiung des NS-Vernichtungslagers gedachten am Montag zahlreiche Wetzlarer*innen während einer Gedenkstunde im alten Rathaus und der anschließenden Kranzniederlegung im Rosengärtchen den Opfern des NS-Staates.

In einer engagierten Ansprache appellierte Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) an die Verantwortung der heutigen Generation. »Erinnern ist unverzichtbar. Eine Verpflichtung ist es, all denen entgegenzutreten, die dieses Grauen als ›Vogelschiss‹ abtun wollen«.

In den Morgenstunden des 27. Januars 1945 erreichten Soldaten der Roten Armee das Nebenlager Auschwitz-Monowitz. Ihr Auftrag hatte gelautet, einen Fabrikkomplex einzunehmen. Stattdessen trafen die Soldaten auf ausgemergelte Menschen und Leichen überall. 7.000 Inhaftierte warteten auf ihre Befreiung; mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder waren zu diesem Zeitpunkt in Gaskammern getötet, erschossen oder durch Zwangsarbeit und Hunger in den Tod getrieben worden.

Die meisten von Ihnen waren Menschen aus jüdischen Familien, die ihr Zuhause in Deutschland oder in einem der von Deutschland gesetzten europäischen Länder hatten oder eben das, was die NS-Rassengesetze aus ihnen machte: »Die Juden«. Auch »nichtjüdische« Polen, Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gegner der Nazis oder Kriegsgefangene wurden dort getötet. Der Mord in Birkenau an mehr als eine Mio. Menschen erfolgte kalt, planmäßig und industriell. Diejenigen, die nicht gleich in die Gaskammern geschickt wurden, wurden dem Programm »Tod durch Arbeit« ausgesetzt. Rings um die polnische Kleinstadt Oswiecim (Auschwitz) begannen deutsche Konzerne mit der Errichtung von Industrieanlagen. Das größte unter ihnen war das Werk der IG Farben, in dem künstlicher Kautschuk erzeugt wurde. Schon beim Bau dieser Fabrikanlagen mussten KZ-Häftlinge als Arbeitssklaven unter unmenschlichen Bedingungen schuften. »Vernichtung durch Arbeit«, nannte die SS ihre Strategie.

Das Ausmaß der Vernichtungsmaschinerie der Nazis wurde erst später durch Zeitzeugen, Gerichtsprozesse und die Forschung deutlich. Auschwitz II (das

 
 

Lager Birkenau) war mit Abstand das größte, aber eben nur eins unter einer Vielzahl von Lagern, die seit 1933 in Deutschland sowie den von Deutschland besetzen Ländern errichtet worden war. 

75 Jahre nach der Befreiung leben nur noch wenige der Opfer, die das Vernichtungslager überlebt haben, wenige Täter und nur noch wenige der Befreier. Umso wichtiger sei es, diese Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, ihre Lebensgeschichte mit allen Möglichkeiten der digitalen Welt für künftige Generationen zu dokumentieren, erklärte während der Wetzlarer Gedenkstunde OB Wagner: »Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen. Sie ist Vergangen (-heit). Doch ihre Spuren und vor allem ihre Lehren reichen bis in die Gegenwart. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog, auf dessen Initiative der seit 1996 bundesweit begangenen Holocaust-Gedenktag zurückgeht, hatte gesagt: ›Ohne Erinnerung gibt es weder eine Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft.‹ «

Umfrage: »Zu viel Erinnerung für jeden vierten Deutschen«
Auch machte sich der OB bei seiner Ansprache zum Thema: »Dass nach einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Umfrage jeder vierte Deutsche die Erinnerung an die Zeit und die Gräueltaten des Nazi-Regimes als ›zu viel‹ empfinde, muss mehr als nachdenklich stimmen«. Wagner mahnte: »In Zeiten, in denen bei uns wieder etwas ins Rutschen gerät«, dürfe in der Erinnerung nicht nachgelassen werden.

Dass dies der Fall sei, werde angesichts des politischen Mordes an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübke deutlich.

In Wetzlar geschehe das Erinnern in unterschiedlichen Formen, so OB Wagner weiter, etwa durch die Zeitzeugenarbeit von Gisela Jäckel, die am Montag ebenfalls an der Gedenkveranstaltung teilnahm, durch Publikationen über jüdisches Leben in Wetzlar etwa von Karsten Porezag oder Doris und Walter Ebertz, oder durch die Stolpersteine und Gedenktafeln, die auf den Einsatz des Vereins »WETZLAR ERINNERT« zurückgehen.

Oder durch das städtische Gedenken mit Kranzniederlegung an der abgebrochenen Marmorsäule im Rosengärtchen. Wegen Dauerregens war die Gedenkveranstaltung  kurzfristig in den Saal des Alten Rathauses verlegt worden. Vertreter von Magistrat, Stadt-, Kreis- und Landespolitik, Behörden, Gewerkschaften, Schulen und Vereinen nahmen teil.

Die Songgruppe der Freiherr-vom-Stein-Schule setzte mit dem »Buchenwaldlied« und Dietrich Bonhoeffers »Von Guten Mächten wunderbar geborgen« - besondere Zeichen der Verantwortung.