Gedenktafeln zu Ereignissen der NS-Zeit

 
Gedenktafelenthüllung am 22. November 2019 vor dem Hessenkolleg
 

Gedenktafelenthüllung am 22. November am Hessenkolleg

Tomas Kiryllow wird 1942

als 17-Jähriger zur Zwangsarbeit nach Wetzlar verschleppt und bei der Fa. Pfeiffer als Dreher angelernt. Dort muss er Teile von Flugzeugmotoren fertigen für Kampfflieger, die seine Heimat angreifen. Nach dem Krieg schreibt er seine Erlebnisse in Wetzlar und über die spätere Gefangenschaft im KZ-Buchenwald nieder. 1980 in einem Buch veröffentlicht, sind seine Schilderungen wichtige Schilderungen über das Ausmaß der NS-Zwangsarbeit in unserer Stadt.

 

Zu seinen Ehren

wurde am 22.11.2019 eine Gedenktafel am heutigen Hessenkolleg enthüllt, die damalige Produktionsstätte der Fa. Pfeiffer-Apparatebau. Rund 60 Menschen nahmen an der vorgelagerten Gedenkstunde im Hessenkolleg teil. Für die Tafelstifter sprachen OB Manfred Wagner (Stadt Wetzlar), Daniel Sälzer (Pfeiffer Vacuum GmbH), Attila Bostanci (Förderkreis des Hesenkollegs) und Ernst Richter (Wetzlar erinnert). Chris Sima und Irmgard Mende rezitierten Passagen aus dem Buch von Kiryllow: »Und Ihr werdet doch verlieren!«

 

Bilder von der Gedenkstunde und

von der Tafelenthüllung, einen Bericht von Klaus Petri, Informationen zum Programm und Links für Hintergrundinformationen zur Tafel und zu Thomasz Kiryllow können Sie hier durch Klick auf die Kapitelüberschriften auswählen.

 

Gedenkstunde und Tafelenthüllung zu Ehren von Tomas Kiryllow | Bilder © Arne Beppler und Klaus Petri

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1 bis 48 von insgesamt 48

 

Von Klaus Petri:

»Das Schreiben entlädt in mir den Komplex des Unrechts und des Todes, der sich in mir während der Aufenthalte im KZ angestaut hat.« So äußert sich der ehemalige polnische Buchenwald-Häftling Thomasz Kiryllow in seinen 1985 im Diez-Verlag (Berlin/DDR) auf Deutsch erschienenen Lebenserinnerungen »Und ihr werdet doch verlieren!«.

Nach Buchenwald kam der damals 17-jährige »OST«-Arbeiter, weil er in der Wetzlarer Rüstungsfirma Pfeiffer Apparatebau Sabotage-Akte betrieben und damit dem »Endsieg« des Hitlerreiches entgegengearbeitet hatte. Details zu den damaligen Zeitumständen und zum weiteren Schicksal des Antifaschisten kann man jetzt per QR-Code an einer neben der Bushaltestelle vor dem Hessenkolleg angebrachten farbigen Erinnerungstafel entnehmen. In einem »Friday for History« Festakt gab es im Mehrzweckraum des Kollegs Ansprachen der Initiatoren von Erinnerungsarbeit »vor der eigenen Haustür«.

Es ist die fünfte Tafel dieser Art im Stadtgebiet, 18 weitere sind in Planung. »Wir erinnern heute an erlittenes Unrecht, damit Menschen sich heute und künftig mit Respekt und unter Wahrung der Menschenwürde des anderen begegnen«, betonte der stellvertretende Schulleiter der Erwachsenenschule, Joachim Gut, bei der Begrüßung der über 50 Gäste des historischen Gedenkens. Darunter war auch der 88-jährige Dalheimer Alfred Walter, der im April 1987 bei einem Stadtrundgang mit dem 1990 verstorbenen Kiryllow als Übersetzer tätig war und noch viele Jahre mit dessen in Legnica (Schlesien) lebenden Verwandten Briefkontakt hielt.

Ernst Richter informierte als Vorsitzender des Vereins »Wetzlar erinnert«, dass die Gedenkaktion im Rahmen des Bundesprogramms »Demokratie leben!« gefördert werde. Ziel der lokalhistorischen Aufklärungsarbeit sei es, der verbreiteten Geschichtsvergessenheit bezüglich der Gräuel der Nazizeit durch »Erinnern vor Ort« entgegenzutreten und die Rehabilitierung völkischer Ideologie, wie sie von der 

 

 
 

AfD betrieben werde, zurückzuweisen. Richter nannte beispielhaft die Begriffe »Lügenpresse«, »Volksverräter« und »Umvolkung«.

Wetzlars OB Wagner (SPD) leitete seinen Redebeitrag mit »Zukunft braucht Erinnerung« ein. Er bedankte sich für zivilgesellschaftliches Engagement, das die Wetzlarer Stadtgeschichte »erlebbar und lebendig« aufarbeitet. »Wir tragen als nach 1945 Geborene selbst keine Schuld an dem damaligen Geschehen, aber wir sind für unser eigenes Tun und Unterlassen verantwortlich«, unterstrich das Stadtoberhaupt.

Der Gießener Jura-Student Attila Bostanci aus Dillenburg-Oberscheld hat vor 2 Jahren sein Abitur am Kolleg nachgeholt und ist seit einem Jahr Vorsitzender des Förderkreises der Erwachsenenschule: »Ich habe diese Schule als Hort des Lernens und der Chancen-Gerechtigkeit kennen- und schätzen gelernt. Junge Menschen wie Thomasz Kiryllow wurden damals von der Schulbank weggeführt und zu Sklavenarbeit unter unsäglichen Bedingungen gezwungen. Wir als Förderkreis unterstützen gerne alle Anstrengungen, die eine Wiederholung von Krieg und Faschismus verhindern helfen«. Dass mit Alexander Gauland ein AfD-Führer mit Blick auf die zwölfjährige Nazi-Barbarei von einem »Vogelschiss in der deutschen Geschichte« spreche, jage ihm Schauer über den Rücken, bekannte Bostanci.

Daniel Sälzer ist Geschäftsführer der Weltfirma Pfeiffer Vakuum mit Sitz in Asslar. Er war am Vortag des Gedenkens noch auf Geschäftsreise in Japan und betonte mit Blick auf die weltweit 3.000 Beschäftigten der Firma Pfeiffer: »Rassismus, Diskriminierung von Minderheiten und menschenverachtende Arbeitsbedingungen müssen endgültig der Vergangenheit angehören. Ich bewundere den Mut von Menschen wie Thomasz Kiryllow, die sich damals dem Unrecht aktiv widersetzt haben. Wir brauchen auch heute mehr solche Menschen.« Chris Sima und Irmgard Mende trugen mit der Rezitation von Textpassagen aus der Autobiografie des stellvertretend für über 9.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im damaligen Kreis Wetzlar Geehrten zum Gelingen der Festveranstaltung bei.

 
 
 
 
  • Gedenktafelenthüllung
    vor dem Hessenkolleg in der Brühlsbachstraße
    zu Ehren des Zwangsarbeiters Tomasz Kiryllow
    am Fr., 22. November 2019
    zwischen 10.00 und 12.30 Uhr (Einlass 9.30 Uhr)

  • Treffpunkt:
    Mehrzweckraum des Hessenkollegs,
    Brühlsbachstraße 15 | D 35578 Wetzlar
    hinteres Treppenhaus 2. OG. (ausgeschildert)

Programm für die Feierstunde und die Tafelenthüllung:

  • Veranstaltungseröffnung:
    Joachim Gut (Stellvertretender Schulleiter)

  • Einleitung und Begrüßung:
    Ernst Richter (Vorsitzender von Wetzlar erinnert e.V.)

  • Aus dem Buch von Tomasz Kiryllow lesen:
    Irmgard Mende und Chris Sima (Passagen zu Kiryllow über sich selbst)

  • Für die Tafel-Stifter sprechen:
    • Oberbürgermeister Manfred Wagner
    Daniel Sälzer (Geschäftsführer der Fa. Pfeiffer Vacuum, Aßlar)
    • Attila Bostanci (Vorsitzender Förderkreis Hessenkolleg)

  • Aus dem Buch von Tomasz Kiryllow lesen erneut:
    Irmgard Mende und Chris Sima (Passagen aus Kiryllows Erlebnissen in Wetzlar)

  • Erinnerungen an Kiryllows Besuch:
    Klaus Petri erlebte den Besuch von Kiryllow in Wetzlar 1987

  • Danach erfolgt die
    Gedenktafelenthüllung

    gemeinsam durch
    OB Manfred Wagner, Daniel Sälzer, Attila Bostanci und Irmtrude Richter
    am Rande des Grundstücks in der Brühlsbachstraße

  • Anschließend besteht die Möglichkeit zu
    Gesprächen bei Getränken und Gebäck
    im Mehrzweckraum. Catering durch das
    Lahn-Café am Rosengärtchen

WETZLAR ERINNERT e.V. freuen uns über Ihre Teilnahme.

Um eine kurze Rückmeldung mit Hilfe des nachfolgenden Online-Formulars wird bis zum 18. November gebeten.

 
 

»Wenn ich das überlebe, muss ich das aufschreiben!«
Und er überlebt! Der 17-Jährige Tomasz Kiryllow wurde zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich deportiert. Im Durchgangslager Kelsterbach »erschien nach wenigen Tagen ein ›Käufer‹ aus einer Fabrik, die Teile für Flugzeugmotoren in Wetzlar produziert,« schildert Kiryllow  in seinem 1980 in Polen erschienenen Buch. Eine deutsche Übersetzung wurde 1986 im Diez-Verlag (DDR) unter dem Titel »Und ihr werdet doch verlieren!« veröffentlicht.

Bei der Fabrik handelte es sich um die damalige Fa. Pfeiffer, die im Gebäude des heutigen Hessenkollegs produzierte. In seinem Buch beschreibt er Lagerhaft, die Zwangsarbeit in Wetzlar und den entsetzlichen Hunger, den er erlitt. Die »Ostarbeiter« durften das Lager am Taubenstein (später an der Umgehungsstraße) nur verlassen, um in der Fabrik Pfeiffer Apparatebau 12 Stunden am Tag zu arbeiten.

Im Frühsommer 1943 wirft man ihm »Sabotage und antifaschistische Propaganda« vor, überführt ihn in das SS-»Arbeitserziehungslager« Heddernheim bei Frankfurt/Main und deportiert ihn in das KZ Buchenwald. 1945 wird der 19-jährige aufgrund seiner Französischkenntnisse an die Westfront zum Schützengräbenausheben gebracht. Dort kann er unbemerkt Kontakt zu der französischen Resistance aufbauen und mit deren Hilfe fliehen.

Nach dem Krieg ist er in seine Heimat zurückgekehrt. Später wird er Leiter einer polnischen Konservenfabrik.

1986 entdeckt die IG Metall Wetzlar bei ihrer Aufbereitung der NS-Zwangsarbeit das Buch von Tomasz Kiryllow und lud ihn zu einer Begegnung im April 1987 nach Wetzlar ein.

 
 
 

Tomasz Kiryllows Besuch in Wetzlar

Im Rahmen ihrer Recherche zu einer Ausstellung über das Ausmaß von NS-Zwangsarbeit in Wetzlar erfährt die IG Metall 1986 von der damaligen nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar (DDR), dass es ein Wetzlar einen Zwangsarbeiter gab, der 1943 der Sabotage bezichtigt und in das KZ-Buchenwald verschleppt wurde. Sein Name war Tomasz Kiryllow und er hatte über seine Erlebnisse das Buch »Und ihr werdet doch verlieren!« geschrieben, welches 1983 auf Deutsch im Dietz-Verlag (DDR) erschien.

Auf einer Führung durch Wetzlar, die Rainer Tonn organisiert hatte, schilderte Kiryllow seine Erlebnisse in Wetzlar. Dieser Stadtgang wurde von jungen Gewerkschafter*innen der IG Metall und der GEW begleitet und gefilmt. Hier die Passagen, in denen Tomasz Kiryllow von seinen Erinnerungen erzählt.  

 
 
 
 

Presseberichterstattung in der Wetzlarer Neuen Zeitung vom 13.06.2019

 

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—› Die Hintergrundinformationen zu dieser Gedenktafel
     (zusammengestellt aus dem Buch von Tomasz Kiryllow)
 
—› Die Gedenktafel zum Einsehen als PDF-Dokument

—› Pressebericht von der Gedenktafelenthüllung
     (Wetzlarer Neue Zeitung vom 27.11.2019)

—› Die Einladungskarte zur Gedenktafelenthüllung zur Ansicht

—› Druck- und Kopiervorlage der Einladungskarte auf DIN A 4

 
 

Die Lesung zum Antikriegstag 2017

Bericht und Bilder von der Lesung in der Wetzlarer Kulturstation.

 
 
 

Hintergrundinformationen: Wer war Tomasz Kiryllow?

—› Informationsseite zur Gedenktafel