Gedenktafel am ehemaligen Gewerkschaftshaus

 
Gedenktafelenthüllung am 85. Jahrestag zum 2. Mai 1933
 

Verhaftet und Misshandelt: Das Schicksal von Paul Symkowiak

Am ehemaligen Gewerkschaftshaus

des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) im Niedergrimeser Weg Nr. 1 befindet sich eine »Gedenktafel zu Ereignissen der NS-Zeit« über die Zerschlagung der freien Gewerkschaften am 2. Mai 1933. Hierzu gehörte auch die Verhaftung, Demütigung und Misshandlung von Gewerkschaftern durch die Nazis.

 

Der nachfolgende Aufsatz wurde von

von Hannelore Benz in der Rubrik DAMALS der Wetzlarer Neuen Zeitung veröffentlicht und beschreibt das Schicksal des Herborner Gewerkschafters und Sozialdemokraten Paul Symkowiak, der für den Deutschen Bergarbeiterverband auch in Wetzlar aktiv war. Zymkowiak war eines der ersten Opfer der SA

 

»Verprügelt und an einem Ast aufgehängt«

Von Hannelore Benz
Paul Szymkowiak, Sekretär der Bergarbeitergewerkschaft in Herborn, war eines der ersten Opfer der NS-Rächer, denn er war der Störenfried in der sorgfältigen Choreografie der ersten Stadtverordnetensitzung in Herborn nach der Machtübernahme der NSDAP.

Die Sitzung fand am 29. März 1933 im Rathaussaal statt, und wir verdanken dem damaligen Berichterstatter des »Amtlichen Kreisblattes«, der namentlich nicht erfasst ist, ein fast lückenloses Protokoll.

Den »dicht besetzten Zuhörerreihen« bot sich ein »vollständig neues Bild«, wie der Reporter vermerkt. »Die Rechte nahmen von oben bis unten die Nationalsozialisten ein, links vom Pulte des Stadtverordnetenvorstehers sitzt der einzige Vertreter der Liste Schwarz-weiß-rot, dann folgt das Zentrum, daneben die drei Vertreter der Herborner Bürgerliste und neben diesen die Sozialdemokraten«. – »Die Nationalsozialisten waren in Uniform erschienen. An der Kopfwand des Saales hingen die schwarzweißrote auf der einen und die Hitlerfahne auf der anderen Seite.«

Die Liste der NSDAP umfasste neun Namen, an ihrer Spitze Dr. Friedrich Cuntz; die Bürgerliste hatte vier Mitglieder, die von Dr. Großkopf angeführt wurden. Die Bürgerliste Schwarz-Weiß-Rot wurde von einem Abgeordneten repräsentiert, und die SPD schließlich wies neben Paul Szymkowiak noch Gustav Pistor und Otto Fröhlich auf. Bei der Konstituierung kam es zu einem Eklat: Bei der Wahl der beiden Beigeordneten stimmt die SPD mit »Nein«. Bei der Wahl der Magistratsschöffen wurden sechs Abgeordnete gewählt, von denen fünf der NSDAP angehörten. Paul Szymkowiak verlangte nun, dass auch ein Abgeordneter der SPD in den Magistrat entsandt wird. Es kam zu erheblicher Unruhe. Wörtlich heißt es in der Zeitung vom 29. März 1933: »Herr Stadtverordneter Dr. Großkopf aber möchte den Sozialdemokraten eine goldene Brücke bauen und bittet sie, kein Theater zu machen und den Antrag zurückzuziehen, was dann auch erfolgte.«

Zum Schluss der Tagesordnung liest der Stadtverordnetenvorsteher Andreas Hoffmann einen Dringlichkeitsantrag der NSDAP-Fraktion vor, wonach dem Herrn Reichskanzler Adolf Hitler und dem Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall von Hindenburg die Ehrenbürgerbriefe der Stadt Herborn zu überreichen sind.

Nach einer salbungsvollen Begründung des Antrags durch den Vorsitzenden der NSDAP-Fraktion wurde die Dringlichkeit anerkannt und mit 14 Stimmen aller Fraktionen gegen die drei Stimmen der SPD-Fraktion angenommen.

Wörtlich endet der Bericht: »Hierauf bringt Herr Stadtverordnetenvorsteher Hoffmann den beiden Ehrenbürgern der Stadt Herborn ein dreifaches ›Sieg Heil!‹ aus. Mit Ausnahme der drei SPD-Leute erheben sich alle Stadtverordneten und die im Zuhörerraum Versammelten und stimmen mit der erhobenen Rechten begeistert in den Ruf ein.«

Der Gewerkschaftssekretär Paul Szymkowiak aber hat mit dieser Verhaltensweise sein Vernichtungsurteil gesprochen.

 
 

Pauk Szymkowiak war 1885 geboren und hatte den Bergarbeiterberuf ergriffen. Er wurde in der Gewerkschaft aktiv, die ihn zum Sekretär ausbildete. Mit seiner Frau kam er 1928 nach Herborn. Die Familie wohnte bei Schmied Schäfer im Sandweg. Dieser erzählte Hans Pistor, Sozialdemokrat der ersten Stunde, er hätte noch nie so feine Mieter gehabt.

Nach seinem unerschrockenen Beharren auf demokratischen Rechten im Herborner Stadtparlament musste sich Szymkowiak täglich um 9 und um 17 Uhr bei der Polizei melden. Bis zum 16. Juli 1933. Da ging er schon früh in den Wald zum Beerensammeln.

Als er mittags mit einem Eimerchen voller Waldbeeren heimkommt, wartete ein 70 bis 80 Mann starkes SA-Aufgebot auf ihn; schon seit 6 Uhr hatte man auf ihn gelauert. In der Wohnung, wo Frau Szymkowiak alleine war, müssen sich schreckliche Szenen abgespielt haben, wie mir Jahre später ihr Sohn Paul Szymkowiak berichtete.

Da sie später Anzeige erstattete, wurden ihre Misshandlungen aktenkundig. Ihre Hilfeschreie verhallten ungehört, ebenso wie ihre Bitten an die Nachbarn, die Polizei zu rufen. Fünf Stunden lang hat sie die SA in ihrer Wohnung, bis endlich ihr Mann ahnungslos heimkommt.

Vor der Haustür tritt der SA-Führer auf ihn zu und erklärt ihm die Festnahme.

 
 



»Mein Mann fiel mir um den Hals und sagte: ›Frau, ich bin wieder verhaftet.‹ Daraufhin habe ich laut geweint. Mein Mann trank ein Glas Wasser und wusch sich die Hände. Er ging sofort mit.«

Sie brachten ihn auf die Polizeiwache im Rathaus. Frau Szymkowiak folgt ihnen und bleibt bei ihrem Mann, bis der sie bittet: »Hole mir etwas Wäsche und mein Brot.« Als sie es ihm bringt, sagt sie ahnungsvoll: »Ich sehe dich nicht gesund wieder.«

Es war am Tag vor ihrem 47. Geburtstag.

Sie sieht ihren Mann mit fünf SA-Führern in ein Auto steigen. Am nächsten Tag erfuhr sie, dass er in Wetzlar im Krankenhaus liege und eine kleine Augenverletzung habe. Als sie hinkommt, wird ihr für kurze Zeit gestattet, ihren Mann zu sehen.

»Wie ich meinen Mann sah, habe ich mir bald die Lippen durchgebissen, um ihn nicht zu erregen. Mein Mann sprach nichts. Ich fragte ihn: ›Wo haben sie Dich verhauen?‹ Darauf er: ›Im Wald‹. Er schlug die Arme nach oben und weinte. Meine Besuchszeit war zu Ende.«

Am Anzug ihres Mannes klebten Erde und Blut. Seine Brille und sein Gebiss waren entzwei.

Die Frau ging am nächsten Tag zur Polizei und stellt Strafantrag gegen »die Personen, die meinen Mann überfallen und furchtbar zerschlagen haben«.

Zu diesem Zeitpunkt kannte sie die ganze Wahrheit nicht. Ihr Mann hatte im Krankenhaus nicht darüber reden können. Mir hingegen ist es 50 Jahre später – im Januar 1983 – gelungen, noch Zeugen und Dokumente des Geschehens zu finden.

Auf schriftliche Anordnung des Standartenführers der SA war ein Sturmführer beauftragt worden, den Gewerkschafter Paul Szymkowiak und den ehemaligen Bürgermeister von Beilstein, Karl Koob, beim Staatskommissar in Wetzlar abzuliefern.

Vom Herborner Rathaus aus wurde Paul Szymkowiak mit einem Auto weggebracht. Das hatte seine Frau ja noch gesehen. Sie hatte auch die SA-Männer identifiziert. Anstatt ihn gleich zum Gerichtsgefängnis zu bringen, fuhren sie ihn in den Wald zwischen Büblingshausen und Dutenhofen. Dort wurde er etwa drei Stunden lang »verhört«. Er sollte aussagen, wo das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold seine Waffen versteckt hatte. Das Reichsbanner aber hatte gar keine Waffen.

 
 

Die Verhör-Methoden waren einfach, aber schon vielfach bewährt: Zwischen den Befragungen wurde Szymkowiak mit Gummiknüppeln und Stahlruten verprügelt, mit einem Strick um den Hals an einem Ast hochgezogen, kurz vor Eintritt des Todes wieder runtergelassen, mit Wasser übergossen, wieder verprügelt und wieder aufgehängt. Das soll drei- bis fünf Mal erfolgt sein. Danach lieferten sie ihn im Gerichtsgefängnis ab, von wo ihn der Gefängnisarzt ins Krankenhaus einwies, wo er sechs Wochen verblieb. Das heißt, der Arzt gab ihn nicht mehr heraus. Zum Zeitpunkt der Misshandlungen war Szymkowiak 48 Jahre alt. Wie mir sein Sohn später berichtete, trug er mehrere schwere Schäden davon. Die vielfältigen Knochenbrüche, besonders im Bereich der Kiefer machten ihm lebenslang Beschwerden.

Nachdem Frau Szymkowiak bei der Herborner Polizei Anzeige erstattet hatte, musste sie die Stadt innerhalb von 48 Stunden verlassen. Paul Szymkowiak junior.: »Herr Bögel stellte uns zum Glück einen Möbelwagen zur Verfügung.« Die Familie fand in Gießen eine Wohnung. Als Paul Szymkowiak aus dem Krankenhaus kam, war er ohne Existenz, denn seine Gewerkschaft gab es nicht mehr. Ein ambulanter Handel mit Waschpulver und Seife wurde ihm verboten.

1936 erwarben Vater und Sohn einen Lastwagen, mit dem sie sich selbstständig machten. Dann kam der Krieg. Sohn Paul wurde eingezogen, Szymkowiak senior wurde dienstverpflichtet, sämtliche Fahrzeuge wurden eingezogen. Am 20. Juli 1944 kam er im Zuge der allgemeinen Verhaftungswelle im Zusammenhang mit dem Attentat gegen Hitler in das Konzentrationslager Dachau, aus welchem er wenige Monate später entlassen wurde.

 
 

Während sein Sohn Paul in Russland kämpfte und Schwiegersohn Heinrich Häuser schon gefallen war, kamen am 6. Dezember 1944 beim großen Luftangriff auf Gießen Szymkowiaks Ehefrau Anna, seine Tochter Leni, seine Schwiegertochter Marie und seine drei Enkelkinder ums Leben.

Der einzige Überlebende der Familie war neben dem Vater der Sohn Paul, der in russischer Gefangenschaft war. Er kehrte erst im Mai 1948 zurück.

Paul Szymkowiak starb am 23. April 1950 im Alter von 65 Jahren.

 
 

Ein Rückblick auf die Zerschlagung der freien Gewerkschaften

Ein historischer Aufsatz von Dr. Bergis Schmidt-Ehry

 
 
 

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