Gedenktafel am ehemaligen Gewerkschaftshaus

 
Das Haus des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) in Wetzlar (ganz links)

Die Aufnahme von 1929 zeigt die Wetzlarer Fahrradstaffel des Reichbanners Schwarz-Rot-Gold vor dem Wetzlarer Gewerkschaftshaus. An dem Haus (vorn links ist der Schriftzug DEUTSCHER METALLARBEITERVERBAND zwischen den Fenstern des Erd- und Obergeschosses zu erkennen. Im Hintergrund befindet sich das Haus an der Ecke Niedergrimeser Weg / Carolienhütte. Am Laternenmast rechts hinten begann die Auffahrt zur alten Bahnhofsüberführung. Zwischen beiden Häusern befindet sich heute die Niedergirmeser Rampe der heutigen Bahnüberführung. Das DMV-Haus wurde am 2. Mai von der SA besetzt. Foto © Fritz Walther.

 

2. Mai 1933: Die SA besetzt das Wetzlarer Gewerkschaftshaus im Rahmen einer reichsweiten Aktion

Generalstabsmäßig vorbereitet wurden in den

frühen Morgenstunden des 2. Mai reichsweit die freien Gewerkschaften durch die Nazis zerschlagen. Die SA besetzte die Gewerkschaftshäuser, verhaftete führende Gewerkschafter, und die NSDAP beschlagnahmte das Gewerkschaftsvermögen. In Wetzlar fand die Aktion der SA unter Leitung des (damals stellvertretenden) NSDAP-Kreisleiters Haus statt. Zuvor hatten die Vorstände der freien Gewerkschaften noch dazu aufgerufen, an den NSDAP Kundgebungen teilzunehmen. Wie es dazu kommen konnte und was genau in Wetzlar geschah, das erfahren sie hier.

 

Bereits am 30. Juli 1932 warnten die deutschen Gewerkschaften vor dem Entstehen einer »verfassungswidrigen Diktatur«. Anlass war der sogenannte »Preußenschlag«, die Absetzung der sozialdemokratischen geschäftsführenden Minderheitsregierung des Freistaates Preußen durch die erste Notverordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg. Die Regierungsgewalt wurde auf die präsidiale Reichsregierung von Franz von Papen übertragen.

Damit sollten etwaige Widerstände des »(sozial-) demokratischen Bollwerks« Preußen – zu dem auch die Stadt und der Altkreis Wetzlar gehörten – gegen eine zentralistische, monarchistische Restaurationspolitik verhindert werden. Dennoch nahmen die Gewerkschaften und die Sozialdemokraten diesen von der Reichswehr unterstützten Staatsstreich ohne großen Widerstand hin. 

 
 

Eine militärische Gegenwehr der Preußischen Schutzpolizei gegen die Reichswehr erschien aussichtslos, der Aufruf zu einem Generalstreik wegen der hohen Arbeitslosigkeit wirkungslos.

Gleichzeitig hofften Gewerkschaften und SPD auf die anstehenden Reichstagswahlen am 31.Juli. Die aber brachte den Nazis einen Sieg. Die NSDAP erhielt 37,4 % der Stimmen und zog als stärkste Fraktion in den Reichstag ein. Vorausgegangen war mit 99 Toten und 1.125 Verletzten der blutigste Wahlkampf, den die Weimarer Republik je erlebt hatte. Die linken Parteien (SPD und KPD) waren untereinander zutiefst zerstritten und hielten sich gegenseitig vor, die Interessen der Arbeiter verraten zu haben. Sie waren damit auch nicht in der Lage, den Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft aufzuhalten.

 
 
 
 

Nach der Reichstagswahl am 31.Juli 1932 ging die Orgie der Gewalt weiter. NSDAP, SA und Stahlhelm terrorisierten Andersdenkende – vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Auch die erneuten Wahlen im November 1932 führten zu keiner mehrheitsfähigen Regierungskoalition. Nach einer langen Periode versuchten die vom Staatspräsidenten von Hindenburg ernannten Reichskanzler mit Notverordnungen zu regieren.

Nachdem die NSDAP bei der Novemberwahl Stimmenverluste hinnehmen musste, forderten einflussreiche Personen aus Wirtschaft, Militär und Adel, Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Dies geschah schließlich am 30. Januar 1933. Am 1. Februar wurde das Parlament erneut aufgelöst und für den 5. März erneut eine Reichstagswahl angesetzt.

Am 4. Februar wurde die »Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes« erlassen, mit welcher oppositionelle Zeitungen verboten und Kundgebungen untersagt werden konnten. Zudem ordnete der zum kommissarischen preußischen Innenminister ernannte Hermann Göring (NSDAP) am 22. Februar 1933 die Bildung einer Hilfspolizei an, die sich vornehmlich aus SA, SS und paramilitärischen Gruppen (wie dem Stahlhelm) rekrutierte.

Nun konnten die Anhänger der Nazis ihren Terror ungestraft intensivieren. So wurde niemand zur Rechenschaft gezogen, als z.B. in Holzhausen (Siegerland) ein Sozialdemokrat vom Dach geschossen wurde, der dort eine Fahne anbringen wollte.

Republiktreue hohe Beamte wurden ihrer Ämter enthoben, wie beispielsweise der Wiesbadener Regierungspräsident Fritz Ehrler, früherer Leiter des Bezirks Frankfurt des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV).

 
 

Göring ordnete an, die Polizei müsse »ohne Rücksicht von der Schusswaffe Gebrauch machen«. Polizeioffiziere wurden entlassen oder zur Kooperation mit der SA und SS gezwungen.

So verhandelte der Dillenburger Standartenführer Johannes Schütze mit den Landräten der Kreise Wetzlar und Dillenburg-Biedenkopf über die Integration hunderter Freiwilliger der SA-Stürme II/88 und III/88 als Hilfspolizisten. Ihnen wurden Handfeuerwaffen und allein 7.000 Schuss Pistolenmunition ausgehändigt.

 

SA-Uniformierte auf der alten Lahnbrücke, Quelle: Historisches Stadtarchiv.

 
 
 
 

Trotzdem konnte im Frühjahr 1933 noch nicht von einer Konsolidierung der faschistischen Macht ausgegangen werden. Bei den Reichstagswahlen verfehlte die NSDAP – trotz vorheriger massiver Unterdrückung der politischen Gegner – die erwartete absolute Mehrheit und erreichte nur 43,9 Prozent der Stimmen.

Noch deutlicher waren die Ergebnisse der reichsweiten Betriebsratswahlen im Frühjahr 1933. Die Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation (NSBO) versuchte, aus der Spaltung der politischen und gewerkschaftlichen Linken Kapital zu schlagen und mit Versprechen auf wirtschaftlichen Aufstieg und Vollbeschäftigung Mitglieder zu gewinnen. Entsprechend der rassistischen Partei-Doktrin wurde der Klassenkampf zum Rassenkampf gegen das »jüdische Großkapital« ausgerichtet.

Zur Mitgliederwerbung unter dem Schlagwort HIB (hinein in die Betriebe) wurde neben massiver Propaganda auch Gewalt eingesetzt. Aber bei den Wahlen in 1387 Betrieben mit 9235 Arbeiterratsmitgliedern entfielen 73,4 Prozent auf die freien Gewerkschaften, 7,6 Prozent auf christliche Gewerkschaften und 5,5 Prozent auf andere. Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) errang dagegen nur schlappe 11,7 Prozent.

 
 


 
 
 
 

Kurz vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 wird in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 das Reichstagsgebäude in Brand gesetzt. Noch am selben Abend wird Marinus van der Lubbe (ein niederländischer Kommunist)

 

Der Reichstagsbrand brennt in der Nacht vom 26. auf den 27. März 1933. Der vermeintliche Täter ist schnell gefasst. Quelle: Wikipedia

 
 

festgenommen und den Kommunisten die Vorbereitung eines Staatsstreiches unterstellt. Dieser gesteht, den Reichstag ohne weitere Hilfe angezündet zu haben. Bis heute ist es strittig, ob van der Lubbe den Brand allein gelegt haben kann. Unstrittig dagegen sind die politischen Folgen. Keine 24 Stunden später wird am 28. Februar 1933 die »Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat (Reichstagsbrandverordnung)« erlassen und damit die Grundrechte der Weimarer Verfassung de facto außer Kraft gesetzt und der Weg freigeräumt für die legalisierte Verfolgung der politischen Gegner der NSDAP durch Polizei und SA.

In diesem politischen Klima erhoffte sich Hitler, dass die NSDAP bei den Wahlen am 5. März die absolute Mehrheit erzielen würde. Doch trotz vorheriger massiver Unterdrückung der politischen Gegner verfehlte die NSDAP dieses Ziel. Das Ermächtigungsgesetz – mit dessen Hilfe Hitler seine Macht festigen wollte – wird allerdings von den Abgeordneten der bürgerlichen Parteien im Glauben, einen kommunistischen Staatsstreich verhindern zu müssen, mitgetragen. Nur die SPD stimmte gegen das Ermächtigungsgesetz. Ihr Fraktionsvorsitzender Otto Wels erklärte: »Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.« Die Reichstagsabgeordneten der KPD, die auch noch zur Reichstagswahl am 5. März kandidiert hatten, hätten um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie den Reichstag betreten hätten. Sie waren entweder geflohen oder versteckten sich.

 
 
 
 

Einige Funktionäre der freien Gewerkschaften hatten anlässlich der Ernennung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 an einen Generalstreik gedacht. Aber die Weltwirtschaftskrise 1929 hatte die Arbeitslosigkeit in schwindelnde Höhen getrieben – sechs Millionen Menschen waren arbeitslos – und die Arbeiterorganisationen stark geschwächt. Eine halbe Million bewaffneter SA-Leute hatten begonnen, Andersdenkende zu terrorisieren. Also sah die Gewerkschaftsführung aus Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen oder gar einem Bürgerkrieg von der Ausrufung des Generalstreiks ab.

Im Gegenteil: die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) rief die Arbeiter auf, »Ruhe zu bewahren« und gab die Losung aus: »Organisation statt Revolution«. Die Erwartung war, dass der »Nazispuk« bald vorbei sei. Im Glauben, so die freien Gewerkschaften retten zu können, versuchten Spitzenfunktionäre sich »im Sinne ihrer nationalen Verantwortung« mit den Nazis zu arrangieren. Obwohl der ADGB mit einer üblen Verleumdungspropaganda überzogen worden war, erklärte die Führung des ADGB »ihre Neutralität« gegenüber der neuen Herrschaft. Trotz der zunehmenden Verfolgung von Kommunisten und Sozialdemokraten ging ein Teil der ADGB-Funktionäre auf Distanz zur SPD, mit der sie bis dahin in einer engen Allianz verbunden waren.

Auch Eingriffe in das Tarifsystem wurden akzeptiert. Ja, sogar als ab März 1933 reichsweit Betriebsräte abgesetzt wurden und es zu massiven Übergriffen auf Gewerkschaftshäuser kam, rief der Gewerkschaftsbund nicht zum Widerstand auf, sondern appellierte an die Arbeiter, »Disziplin« zu wahren. Ganz im Sinne des beschwichtigenden Optimismus hatte auch der Gießener ADGB-Vorsitzende und hessische Landtagsabgeordnete Albin Mann (SPD) im April 1933 erklärt: »Wir vergeben uns ja etwas, würden wir uns mit den Nazis befassen, das ist doch eine Seifenblase, die bald zerplatzten wird«.

Doch es gab auch andere. So sagte der Herborner Schlosser Herrmann Schmidt im Februar 1933: »Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber!« und hoffte, die Herborner Eiserne Front werde Widerstand leisten – aber der Befehl »von oben« blieb aus. Stattdessen wurde am 7. April das Gewerkschaftshaus des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) in Herborn durch Nazis und SA »symbolisch besetzt«, und bereits wenige Tage später berichtete das Herborner Tageblatt, dass dem NSBO die Geschäfte und Rechte des DMV und des Deutschen Bergarbeiterverbandes übergeben worden seien.

 

1932 gingen mehr als 4.000 Menschen in Wetzlar »Gegen Faschismus und Kriegsgefahr auf die Straße« (Siehe Bild), im Februar 1933 – trotz Demonstrationsverbotes … erneut 2.500 Menschen. Aufgerufen hatten die Organisationen der Eisernen Front (Bild: Historisches Archiv, Wetzlar).

 
 

Paul Symkowiak (geb. 1885) war im heutigen Lahn-Dill-Kreis Gewerkschaftssekretär für den Verband der Bergbauindustriearbeiter Deutschlands. Er wurde 1933 verhaftet und so schwer verprügelt, dass der Richter ihn in das Krankenhaus nach Wetzlar verlegen ließ. (Quelle: IG Metall Herborn)

 

Gewerkschaftssekretäre wie Paul Szymkowiak und Hermann Schaub wurden ins Gefängnis nach Wetzlar gebracht und dort schwer misshandelt, anderen gelang gerade noch die Flucht.

In Wetzlar war es noch 1932 zu einer machtvollen Demonstration gewerkschaftlicher Macht gekommen, als 4.000 Menschen einem Demonstrationszug der Eisernen Front »gegen Faschismus und Kriegsgefahr« durch die Innenstadt folgten. Selbst nach dem mit der Notverordnung »zum Schutze des Deutschen Volkes« verhängten Demonstrationsverbot gingen in der Wetzlarer Altstadt Ende Februar 1933 noch einmal mehr als 2.500 Menschen gegen die Nazis auf die Straße. Genutzt hat es wenig, bereits bei den Reichstagswahlen am 5. März mussten das Gewerkschaftshaus des Metallarbeiterverbandes und das Büro des ADGB aus Angst vor Übergriffen von SA und SS bewacht werden. Trotzdem kam es nach der Wahl zu Sachbeschädigungen und Plünderungen.

Ganz anders war die Reaktion bei weiten Teilen der Wetzlarer Unternehmer. Die Leitung der Buderus'schen Eisenwerke versprach sich von der Ernennung Hitlers satte Profite: »Die große Wende. Der Reichspräsident hat Adolf Hitler mit dem Kanzleramt betraut. Wenn man die hinter uns liegende Übergangszeit betrachtet, die wie ein Alpdruck auf dem deutschen Volk gelastet, die besonders der eben erst zart aufkeimenden Wirtschaftsbelebung schon schwer geschadet hat, so muss eigentlich jeder gutmeinende verfassungstreue Deutsche aufatmen, dass es so gekommen ist«. Natürlich kam ihnen die Bekämpfung und Zerschlagung der freien Gewerkschaften zupass, da sie kein Interesse an einer starken Arbeiterbewegung hatten, die selbstbewusst für ihre Rechte kämpfen konnte.

Bald sollten die Arbeiter ihre Rechte vollends verlieren – und mit ihnen Millionen andere.

 
 
 
 

Ganze Betriebsbelegschaften auf dem Weg zum Domplatz. (Bild: IG Metall, Wetzlar)

 

Die Nazis hatten Ende April den 1. Mai, traditioneller Festtag der internationalen Arbeiterbewegung, zum »Tag der nationalen Arbeit« erklärt. Zum gesetzlichen Feiertag, arbeitsfrei unter Lohnfortzahlung!

Wie lange hatten die Gewerkschaften – vergeblich – darum gekämpft? Und so hatte auch die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in ihrem Versuch, sich »friedenserhaltend« mit den Nazis zu arrangieren, zur Teilnahme an den Feiern aufgerufen - mit der Begründung, am 1. Mai sei angeblich stets »das Bekenntnis der von leidenschaftlichem Kulturwillen beseelten deutschen Arbeiter« erglüht, um den »werktätigen Menschen einem dumpfen Arbeiterdasein zu entreißen und ihn als freie, selbstbewusste Persönlichkeit in die Gemeinschaft des Volkes einzuordnen«.

Bei diesem Feiertag sollte aber mit Kundgebungen und Umzügen propagandawirksam in Szene gesetzt nur eine vermeintliche Einheit von Nationalsozialisten und Arbeiterschaft demonstriert werden. In Wetzlar zum

 

Feiertag aber Verpflichtung zur Teilnahme. NSDAP Maikundgebung 1933 auf dem Domplatz (Bild IG Metall Wetzlar)

 
 

Das haben die Nazis erst 1934 hingekriegt. Die Kulisse für den »Tag der nationalen Arbeit« am 1. Mai bis 1939 (Historisches Archiv)

 

Beispiel organisierte der stellvertretende NSDAP-Kreisleiter Wilhelm Haus »gewaltige Aufmärsche und Kundgebungen als würdiges Glied in der Kette der Maifeierlichkeiten im Deutschen Reich« wie der gleichgeschaltete Wetzlarer Anzeiger titelte. Das böse Erwachen sollte schnell folgen.

Am 17. April hatte der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch notiert: »Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt. Gleichschaltung auch auf diesem Gebiet. Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehören sie uns. Man darf hier keine Rücksicht kennen. Wir tun dem Arbeiter nur einen Dienst, wenn wir ihn von der parasitären Führung befreien, die ihm bisher das Leben sauer gemacht hat. Sind die Gewerkschaften in unserer Hand, dann werden sich­ auch die anderen Parteien und Organisationen nicht mehr lange halten können. […] Ein Zurück gibt es nicht mehr. Man muss den Dingen nur ihren Lauf lassen.«

 
 
 
 
 

Im März 1933 war deutlich geworden, dass Adolf Hitler durch Betriebsratswahlen die Macht über die deutschen Arbeiter/-innen nicht erlangen konnte. Die nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation (NSBO) hatte mit nur 11,7% eine krachende Niederlage erhalten. Daher erging bereits am 21. April 1933 die vertrauliche Weisung des Führers an die Gaue der NSDAP, am 2. Mai unter Leitung eines »Aktionskomitees zum Schutze der deutschen Arbeit« die Gewerkschaften »gleichzuschalten« bzw. zu zerschlagen. Die gewerkschaftliche Bindung der Arbeiter sollte mittels einer Strategie aus Gewalt und Integration aufgeweicht werden, SA und SS seien »zur Besetzung der Gewerkschaftshäuser und der Inschutzhaftnahme der in Frage kommenden Persönlichkeiten einzusetzen«.

Trickreich wurde der Zeitpunkt der Zerschlagung unmittelbar nach dem traditionellen Arbeiterkampftag gelegt. Am 1. Mai fanden reichsweit Kundgebungen unter dem Motto »Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter« statt. Die Nazis lullten Arbeiter/-innen und Gewerkschafter/-innen mit dem Versprechen ein, sich ihrer Anliegen anzunehmen. Goebbels verkündete bei einer mehrstündigen, im Radio und auf lokalen Veranstaltungen per Lautsprecherwagen übertragenen Großkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin: »Am heutigen Abend findet sich über Klassen, Stände und konfessionelle Unterschiede hinweg das ganze deutsche Volk zusammen, um endgültig die Ideologie des Klassenkampfes zu zerstören und der neuen Idee der Verbundenheit und der Volksgemeinschaft die Bahn freizulegen.« Auch die Städte an Lahn und Dill wurden an diesem Tag mit nationalsozialistischem Schmuckwerk und Hakenkreuzfahnen überschwemmt.

 
 

Aus dem Wetzlarer Anzeiger am 2. Mai 1933. Auffällig ist, dass der Bericht über die Besetzung in den frühen Morgenstunden gedruckt gewesen sein muss, bevor die Besetzung des DMV-Hauses erfolgte. Auch ein Indiz dafür, dass die Besetzung keine spontane Aktion war, sondern von langer Hand vorbereitet. (Quelle: Historisches Archiv Wetzlar)

 

Der exakten Planung folgend wurden dann am 2. Mai 1933 um 10 Uhr morgens reichsweit alle Häuser und Büros der im ADGB organisierten Freien Gewerkschaften besetzt. Die Polizei griff nicht ein! Die Besetzung des Wetzlarer Gewerkschaftshauses an der Überführung 1 (heute Niedergirmeser Weg 1) erfolgte durch SA und Nationalsozialistische Betriebszellenorga- nisation (NSBO) unter der Leitung des stellvertretenden NSDAP-Kreisleiters Haus.

 
 
 
 

Der Besetzung der Gewerkschaftshäuser in den frühen Morgenstunden des 2. Mai folgte die Beschlagnahmung des Gewerkschaftsvermögens. Führende Gewerkschafter/-innen wurden in Schutzhaft genommen, Funktionär/-innen misshandelt, auch Tote gab es. Der Offenbacher Gewerkschafter Georg Kaul nahm sich noch am 2. Mai aus Verzweiflung über die politische Entwicklung das Leben, der jüdische Gewerkschafter Max Czempin vom Verband graphischer Hilfsarbeiter in Frankfurt beging am 4. Mai Selbstmord; in Berlin wurde am 2. Mai mit anderen Gewerkschaftsführern auch Wilhelm Leuschner, stellvertretender Vorsitzender der sozialistischen Gewerkschaften und bis 6. März 1933 hessischer Innenminister, festgenommen und schwer misshandelt. Am 9. Mai 1933 »lud« die NSBO die Wetzlarer Gewerkschaftsmitglieder zur »Übernahmeversammlung« ein, in der sie die Gewerkschaftssekretäre Ziegler und Hildebrand absetzte und sich das Gewerkschaftsvermögen aneignete.  Dieses ging jedoch an die Deutsche Arbeitsfront (DAF) über, die am 10. Mai durch Adolf Hitler selbst gegründet
wurde. Sie sollte auch die sozialpolitischen Aufgaben der Gewerkschaften übernehmen. Allerdings wurden Arbeitnehmer/-innen und Arbeitgeber/-innen in der DAF gemeinsam organisiert. Die Unternehmer/-innen wurden entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie in der »Betriebsgemeinschaft« zu »Betriebsführern«, die Arbeitnehmer/-innen zur »Gefolgschaft«. Das Streikrecht wurde abgeschafft. Die Zerschlagung der Gewerkschaften war auch in Wetzlar ein entscheidender Schritt auf dem Weg der Gleichschaltung, indem die organisatorische Struktur der Arbeiterbewegung zerstört wurde.

 
 

Bild von der Besetzung des Berliner Gewerkschaftshauses (Von den Wetzlarer Ereignissen am 2. Mai liegt kein Bild vor). Quelle: DGB

 

Allen, die sich dagegenstellten, drohte Demütigung, Haft, Konzentrationslager und der Tod. Die Wetzlarer Historikerin Marianne Peter berichtete anlässlich der Eröffnung der Ausstellung »Gerade Dich brauchen wir« am 12.Juni 2013: »Etwa ein Prozent der Bevölkerung, etwa 30 Prozent des klassenbewussten Arbeitermilieus habe aktiv Widerstand gegen die Nazis geleistet. Für Hessen sind inzwischen 3.834 Opfer der politischen NS-Strafjustiz dokumentiert, 28 davon aus dem Kreis Wetzlar. Allein vom Februar bis Juli 1933 saßen in Wetzlar fast 300 Menschen in sogenannter Schutzhaft, viele von ihnen wurden in Konzentrationslager verbracht. Von den ersten 1946 in Wetzlar registrierten 137 Nazi-Verfolgten (darunter 9 Frauen) waren 104 ›Politische‹. In 20 Fällen lautete das Delikt ›Hochverrat‹!«

 
 
 
 

Wie reagierten die Arbeitgeber? Bis auf die reservierte Haltung von Ernst Leitz sind keine Proteste oder Kommentare bekannt. Die Führer der großen Unternehmen sahen die Krisenlösung in Lohnsenkungen und Massenentlassungen. Politisch verlangten sie Sozialabbau und Entlassungen im öffentlichen Dienst. Am 28. Mai 1933 blickte die »Deutsche Arbeitgeber-Zeitung« auf die Ereignisse um den 1. Mai zurück: »Die Frontstellung richtete sich damals klar gegen einen wirtschaftlich zerrüttenden, die Arbeiterschaft mit immer neuen, nicht realisierbaren Lohnhoffnungen verführenden ›Gewerkschaftsmarxismus‹ einerseits, gegen eine marxistisch beeinflusste, wirtschaftsfeindliche Staatsführung andererseits. […] Je tiefer durchdrungen vom neuen staatlichen Geist das wirtschaftliche Verbändewesen sich entfaltet, desto mehr kann der Staat sich auf die obersten Richtlinien zurückziehen…« (Deutsche Arbeitgeber-Zeitung Nr. 22, 28.5.1933).

 
 

Nach der Zerschlagung der Arbeiterbewegung war der Weg frei für die faschistische Gleichschaltung der Deutschen Gesellschaft, für die Umsetzung des nazistischen Rassenwahns und für die Eroberungskriege, die insgesamt 40 Mio. Menschen das Leben kostete.

Erst nach Ende des 2. Weltkrieges sollten Arbeitnehmer/-innen in Deutschland wieder Mitbestimmungsrechte in den Betrieben und das Streikrecht zurückerhalten, welche die Nazis ihnen mit dem Coup vom 1. Mai 1933 genommen hatten.

Autoren:
Dr. Bergis Schmidt-Ehry
Ernst Richter

 
 
 
 

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