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Gedenkstättenfahrt

 

Bericht und Bilder von der Gedenkstättenfahrt nach Mörfelden-Walldorf

BERICHT und BILDER zbserer Exkursion nach MÖRFELDEN-WALLDORF

1.700 jüdische Mädchen und Frauen aus Ungarn mussten am Frankfurter Flughafen Ausbau- und Reparaturarbeiten an den Rollbahnen verrichten. An der Exkursion von WETZLAR ERINNERT e.V. in die NS-Vergangenheit und zu der Spurensuche seit den 1980er Jahren nahmen 14 Menschen aus Wetzlar und Umgebung teil. Die Fahrt beinhaltete das Aufsuchen der ersten Gedenktafel (1980), die Begehung des 2000 angelegten Lehrpfades, die Besichtigung des 2016 eröffneten Gedenk- und Informationszentrums der Margit-Horváth-Stiftung, sowie ein Gespräch mit dem Spurensucher Alfred J. Arndt.

 

Im Rahmen eines landesweiten Treffens der hessischen Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit konnten im März 2015 Vertreterinnen und Vertreter von WETZLAR ERINNERT e.V. die Bemühungen in Mörfelden-Walldorf kennenlernen, für die rund 1.700 ungarischen Jüdinnen, die 1944 als Arbeitssklavinnen die erste Rollbahn des Rhein-Main-Flughafens betonieren mussten, eine würdige Form des Gedenkens zu realisieren. Die städtische Museumsleiterin und Vorsitzende der Margit-Horváth-Stiftung, Cornelia Rühlig, präsentierte auf der Tagung die 1972 beginnende Spurensuche nach dem den KZ-Natzweiler-Struthof im Elsass (55 Kilometer südwestlich von Straßburg) zugehörigen Außenlagers im Wald von Walldorf an der Südseite des Flughafengeländes, sowie die bis 2015 geleisteten Arbeiten zur Erinnerung an das Martyrium, das die jüdischen Frauen monatelang durchleiden mussten. Seit 2015 ist ein entscheidender Baustein für dieses Erinnern hinzugekommen: Das Informationszentrum der Margit-Horváth-Stiftung.

Die Fahrt nach Mörfelden-Walldorf fand am Sa., 5. Mai 2018 statt. Als Referenten und Wegbegleiter konnte WETZLAR ERINNERT e.V. Alfred Arndt gewinnen, der von Anfang an bei der Erforschung des Lagers mit beteiligt war.

Zur inhaltlichen Vorbereitung dieser Gedenkstättenfahrt bot unser Verein am 27. April einen Filmabend an, auf dem der Dokumentarfilm »Die Rollbahn« von Malte Rauch, Bernhard Türcke und Eva Vossen gezeigt wurde. Der 2003 gedrehte Film beschreibt das Schicksal der 1.700 Jüdinnen, aber auch die Aufarbeitung der Geschichte bis 2003. Die Filmemacher begleiteten Cornelia Rühlig sowie Schulklassen und Jugendgruppen zwei Jahre bei der Kontaktaufnahme zu Überlebenden in Israel und Ungarn und bei Ausgrabungen im Wald vor dem Flughafen. Sie interviewten Zeitzeugen der Spurensuche und dokumentierten den Besuch von überlebenden Frauen in Mörfelden-Walldorf , auf dem Flughafen in Frankfurt sowie die vergeblichen Bemühungen, von dem Baukonzern Züblin – für den diese Frauen arbeiten mussten – ein Bekenntnis zur Verantwortung dieses Verbrechens zu erhalten.

Die betonierte Rollbahn mit einer Länge von 1,3 km wurde nötig für die Me 262, eine Entwicklung der Messerschmitt AG Augsburg. Dies war das erste in Serie gebaute Strahlflugzeug. Zwischen 1943 und 1945 wurden 1.433 Exemplare der zweistrahligen Maschinen gebaut, von denen bei der faschistischen Wehrmacht etwa 800 Stück zum Einsatz kamen. Hitler erhoffte sich durch diesen neuen, den alliierten Kampfbombern überlegenen Düsenjet, eine Wende im Krieg. Insgesamt waren aber kaum mehr als 100 Maschinen gleichzeitig einsatzbereit. Gründe dafür waren die massiven Bombenangriffe der Alliierten und der Mangel an Treibstoff und Ersatzteilen sowie das Fehlen von ausgebildeten Piloten.

Eine Gruppe von 13 Menschen aus Wetzlar und Umgebung machte sich am 5. Mai auf den Weg nach Mörfelden-Walldorf. Nach einer eher chaotischen Bahnfahrt mit vielen Zugverspätungen erreichten wir mit halbstündiger Verspätung das 2016 erbaute Informationszentrum der Margit-Horváth-Stiftung und wurden von Alfred Arndt begrüßt. Dieser stellte in chronologischer Reihenfolge die Ereignisse seit 1944 bis heute dar.

 
 

Bei den täglichen Selektionen im KZ bemühten sich die jüdischen Frauen, die zunächst von Ungarn nach Auschwitz verschleppt worden waren, für Arbeitseinsätze an anderen Orten zu melden. Denn sie wussten zwischenzeitlich: Auschwitz bedeutet Tod. Hierzu gehörten auch Mädchen, die gerade einmal das 13. Lebensjahr vollendet hatten, ihr Alter aber auf Anraten erwachsener, schon länger in Auschwitz inhaftierten Frauen mit mind. 14 ½ angaben, um nicht in den Tod durch Vergasung geschickt zu werden. In Sonderzügen aus Viehwagons gelangten die Frauen in das Lager am Rande des Flughafens. Sie selbst wussten nur, dass sie nach Frankfurt verbracht wurden. Sie hatte gerade mal das, was sie auf dem Leib trugen. » Drei Tage waren wir in den Waggons nach Auschwitz: 80 Menschen in einem Waggon. Wir hatten kein Wasser und kein Essen; es war warm. Ein Kübel für uns alle die ›Toilette‹. Wir waren so schwach nach 3 Tagen ohne Wasser, ohne Essen, ohne alles. Die SS hat uns begleitet. Wir kamen in einen Wald, dort waren Blocks, und in diese Blocks hat man uns gesetzt.«

Das Lager bestand aus mehreren Baracken, von denen heute keine mehr existiert, außer den Grundmauern der unterkellerten Küchenbaracke. Dort waren sie nun untergebracht als Zwangsarbeiterinnen, um die Arbeiten zur Betonierung der Rollbahn für die Firma Züblin zu leisten. Hierzu wurden sie von der SS an das Unternehmen für einen Betrag von 4,-- RM pro Tag verliehen, zuzüglich marginaler Beiträge, die das Unternehmen noch als Sozialversicherungsabgaben verlangte.

Die Zeitzeuginnen, die nach 48 Jahren 2003 Mörfelden-Walldorf besuchten, erzählten, dass die Suppe, die sie dem Lager nach Ankunft erhielten, besser schmeckte als der Fraß, den sie Auschwitz zum Essen bekamen. Als Grund hierfür gab Alfred Arndt das Interesse der Firma Züblin an, die Arbeiterinnen in einem einigermaßen arbeitsfähigen Zustand zu halten, damit der Baukonzern die an ihn gerichteten Anforderungen einer zügigen Fertigstellung der Betonbahn erfüllen konnte. Deshalb hält sich auch die Zahl der ermordeten Frauen in diesem Lager in Grenzen.

Eine der Frauen hatte schon während der unmenschlichen Transportbedingungen von Auschwitz nach Frankfurt ihr Leben verloren. Leiter des KZ-Außenlagers war ein Postbeamter. Zu Beginn des Lagers meldete dieser Postbeamte 7 Sterbefälle »brav« beim örtlichen Standesamt von Mörfelden-Walldorf, damit die Aktenführung korrekt bleibt. Danach erfährt er, dass er zu diesen standesamtlichen Todesmeldungen nicht verpflichtet sei und schlagartig gibt es auf dem Standesamt keine Eintragungen über Todesfälle im Lager mehr.

Obwohl die KZ-Häftlinge im Interesse der Arbeitsfähigkeit für die Fa. Züblin am Leben gehalten wurden, herrschte in dem von der SS betriebenen Lager der unerbittliche Terror der »Herrenmenschen«. Jedes noch so kleine Vergehen gegen die Arbeitsanweisungen oder Mundraub wird von der SS mit drakonischen Prügelstrafen geahndet. Die Überlebenden, die 2003 in Mörfelden zu Gast waren, erzählten von einem Keller, in dem die Prügelstrafen verabreicht wurden. Elza Böhm, die damals in der Lagerküche arbeitete und ab und an kranken Mithäftlingen heimlich kleine zusätzliche Essenrationen zusteckte, starb infolge dieser Schläge.

Die Frauen hatten nur die Bekleidung, die sie von der Fahrt aus Ausschwitz noch trugen. Teilweise leichte Sommerkleider, die sie an kälteren Herbsttagen nur mit Stroh unterfüttern konnten. Ein Walldorfer Zeitzeuge berichtete später: »Die Frauen hatten in der unfreundlichen Jahreszeit dünne Sommerkleider an, die Haare ganz kurz, Zementsäcke umgehängt und die Beine mit Wellpappe umwickelt, mit einer Kordel festgezogen – ein Bild des Elends. Ich habe gesehen, dass sie Erdarbeiten an der Rollbahn verrichtet haben. Ich war entsetzt.« Auch das Schuhwerk war der schweren körperlichen Arbeit nicht entsprechend. Frauen, die an der harten Arbeit, mangelndem Arbeitsschutz und mangelnder Ernährung erkrankten, wurden aus dem Lager entfernt und anderen Orts liquidiert. Die Zeitzeuginnen erzählten unter anderem, dass SS-Leute mit Kranken das Lager verließen und nach einigen Stunden zurück kamen, allerdings ohne die mitgenommenen Frauen. Aber die Kleider brachten sie zurück, als Ersatzbekleidung für andere Häftlinge.

Seit Ende November 1944 war das Lager führungslos, da das KZ-Natzweiler-Struthof zu diesem Zeitpunkt von den Alliierten befreit wurde (Arndt: »Für den Postbeamten ein großes Problem, da nun keiner da war, der im täglich klare Anweisungen gab«). Im Dezember wurde das Lager aufgelöst und die Häftlinge sollten in das Frauen-KZ Ravensbrück verlegt werden. Im KZ Ravensbrück und auf dem Weg dorthin verloren in den letzten Kriegsmonaten die meisten der Frauen ihr Leben.

Nur 350 Frauen überlebten ihr Martyrium.

 
 

Beim Rückzug versuchten die Nazis die Infrastruktur des Lagers zu zerstören und in Mörfelden die gelagerten Akten zu vernichten, was teilweise gelang. Am 15. April wurden Mörfelden und Walldorf durch die US-Armee befreit. Aufgrund der Mangelwirtschaft in der Nachkriegszeit waren schnell die Mauerreste und das Holz der Baracken von der Bevölkerung abgetragen und für Karnickel- bzw. Hühnerställe verwendet worden. Über das Lager wuchs buchstäblich das Gras, der Wald eroberte sich das Gelände zurück.

Die Rollbahn wurde seit dem März 1945 von der US-Airforce genutzt, später verlängert und verbreitert. Der südliche Teil des Rhein-Main-Flughafens wurde bis 1999 von den US-Streitkräften als »Rhein-Main-Airbase« betrieben. Erst 2000 wurde dieser Teil für die Zivilluftfahrt nutzbar gemacht.

Wie überall in Deutschland wurde die Tatsache von dem KZ-Außenlager und die damit verbundenen Verbrechen verdrängt / ignoriert.

1974 fand ein Kongress in Zeppelinheim statt, an dem 74 Ungarinnen teilnahmen. Eine von ihnen konnte sich daran erinnern, »dass das Lager, indem sie Zwangsarbeit leisten musste, doch ganz hier in der Nähe gewesen sein muss,« berichtet Alfred Arndt. »Sie suchte dann das Rathaus auf und frug nach dem Lager.« »Welches Lager?« war die Gegenfrage der Verwaltungsangestellten. »Nein, hier gab es kein Lager. Das muss wo anders gewesen sein«.

 
 

Zwischen 1971 und 1974 waren drei SDAJler aus Mörfelden mehrfach in der DDR zu Besuch. Einer von ihnen war Alfred Arndt. Dort entdeckten sie in der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eine Deutschlandkarte, auf der die Konzentrationslager und auch Außenlager eingezeichnet waren. Unter einem der Dreiecke für »Außenlager« unterhalb von Frankfurt am Main war »Walldorf« eingetragen.

Zuhause in Mörfelden-Walldorf ergeht es ihnen ebenfalls so wie der Frau zuvor: Die Möglichkeit, dass es hier ein Lager gegeben haben sollte, wurde in Abrede gestellt. »Uns ließ die Geschichte aber keine Ruhe mehr!« Sie (die drei SDAJler) nahmen Kontakt auf mit der VVN und weiteren Organisationen der europäischen Widerstands- und Partisanenbewegungen. So tauchten Informationen und Akten auf, aus denen hervorging, dass es sich bei den Häftlingen aus diesem Lager bei Walldorf um Frauen ungarischer Herkunft handeln muss. Ein Freund der drei Spurensucher, der sowohl die ungarische, als auch hebräische Sprache beherrschte, verfasste für israelische Zeitungen Anzeigen, auf die sich dann 14 Familien meldeten. 1979 flog einer vom Trio (Herbert Oswald) nach Israel und nahmen Kontakt zu den Familien auf. So erhielten sie dann auch Kontakt zu drei Zeitzeuginnen, eine Lagerskizze und Kontakt zu einem Büro in Bnei Beraq (einem Vorort von Tel Aviv) und Einsicht in ganze Aktenbände mit Informationen zum KZ-Außenlager. So erhält das Trio eine fast lückenlose Schilderung der Ereignisse im Lager Walldorf. Nach ihrer Rückkehr bestätigte das Bundesarchiv in Koblenz, dass auch bei ihm derartige Akten über das Lager vorhanden sind.

Die 78 Ergebnisse der jahrelangen Recherche fassten die drei Jugendlichen in der Broschüre »Spuren des Terrors« zusammen, die von der DKP Mörfelden-Walldorf veröffentlicht wurde. Ein Shitstorm war die Folge: »Vaterlandsverräter«, »Nestbeschmutzer« und »Kommunistenschweine« hieß es in einer Vielzahl anonymer Briefe. Aber ein amerikanischer Journalist der Zeitung für die Rhein-Main-Airbase (Edvard Revers) meldete sich beim Trio und sagte: »Eure Geschichte hilft mir, unseren Soldaten einmal erklären zu können, warum sie eigentlich hier sind«, erinnert sich Arndt. Und so wird ihre Geschichte in dem Airbase-Magazin »Stars and Stripes« veröffentlicht. Damit wird ihre Spurensuche auch in den USA bekannt. Nun interessieren sich auf einmal auch deutsche und europäische Zeitungen, es gibt Interviews und Reportagen in der FAZ, dem Stern oder Panorama (einem niederländischen Magazin). Auch in den europäischen Partnergemeinden von Mörfelden-Walldorf wird die Recherchearbeit wohlwollend zur Kenntnis genommen, vor allem in Wageningen (Niederlande).

Deshalb wird die zwischenzeitlich vergriffene Broschüre ein zweites Mal aufgelegt, und die DKP-Stadtverordnetenfraktion stellt den Antrag, einen Gedenkstein zu Ehren der Opfer aufzustellen. Lebhafte Debatten über die Aufschrift sind die Folge der Initiative. Niemand will zu diesem Zeitpunkt den Stein mehr verhindern, aber die leidenschaftlichen Debatten über die Aufschrift zeigt den erbitterten Kampf um die Deutungshoheit. »Faschismus« soll durch den Begriff »Nationalsozialismus« ersetzt werden, die CDU fordert, dass auch die »Opfer des Kommunismus« erwähnt werden müssen. Der Bürgermeister will zunächst eine wissenschaftliche Prüfung, damit nichts verkehrtes auf dem Stein steht… Letztlich trägt die SPD-Fraktion die Formulierung mit: »Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg!« Bis heute hat sich die CDU Mörfelden-Walldorf bei keiner einzigen der zwischenzeitlich jährlichen Gedenkveranstaltungen beteiligt.

 
 

Die Stadt schreibt die Stelle für eine Historikerin / einen Historiker aus, die / der sich vor allem um die Aufarbeitung der NS-Geschichte kümmern soll. Cornelia Rühlig erhält die Stelle und gründet einen Stab, der wissenschaftlich fundiert an das Thema herangeht. Durch diesen Stab wird auch die Kommunikation in hebräisch und ungarisch gewährleistet, um mit den Herkunftsorten der Frauen oder deren Familien in Kontakt treten zu können.

So wurde u.a. die Frau »gefunden«, die 1971 auf der Gemeindeverwaltung nachfragte, was denn mit dem Lager sei, sie heißt Zsuzsanna Farkas: » Die in der Nähe zur Arbeit gingen, mussten 3-4 km zu Fuß gehen. Wir mussten unabhängig vom Wetter ausziehen, regelmäßig, oft auch am Sonntag, besonders kam das bei Regen und Schnee vor. [...] Wir entluden aus Waggons Säcke mit 25 kg Zement und Kies. Im Wald mussten wir die angezeichneten Bäume mit Axt und Säge fällen, die Äste absägen und aufschichten. Die langen Stämme mussten wir auch transportieren. Diese Methode wurde angewandt, als die Pferde wegen der schlechten Witterung geschont wurden. Wir gruben Gräben für Wasserleitungen, planierten Wege, legten Schienen. [...] Gegen die Kälte legten wir Zementsäcke auf unseren Körper und viele bekamen davon Ausschläge und Geschwüre. Den meisten von uns rissen die Schuhe von den Füßen, diese wurden durch Zementsäcke ersetzt, trotz der dafür bekommenen Prügel. [...] Während der Arbeit war das sogenannte Klavierspiel die Mode, d.h. als wir uns bückten, um eine schwere Last zu heben, lange Balken oder Eisenbahnschienen, wurden die gespannten Rücken mit Stöcken geschlagen,« erzählt sie in Mörfelden-Walldorf, nachdem sie von der Stadt offiziell empfangen wurde.

Seit 1989 wurden 300 Lebensläufe aufgeklärt, Dokumente und Bilder gesammelt, über Schulprojekte Fahrten mit Schüler/-innen nach Ungarn organisiert, sowie im Rahmen von Study-Camps auf dem Waldboden des ehemaligen KZ-Geländes Ausgrabungen vorgenommen. Im Jahr 2000 stoßen die Student/-innen auf die Grundmauern der Baracke. Im Jahr 2000 feiert auch der Baukonzern Züblin sein 100-jähriges Jubiläum. Vor der Stuttgarter Halle, in der das Jubiläum gefeiert wird, wird mit einer Protestaktion auf die braune Vergangenheit des Baukonzerns hingewiesen. Keine Reaktion von der Konzernleitung, die alle Verantwortung von sich weist, aber Berichte in der Tagesschau und heute.

2000 beginnen die Recherchen und Dreharbeiten zu dem Film »Die Rollbahn«, der 2003 zum ersten Mal gezeigt wird. 2003 treffen auch 30 der überlebenden Frauen auf Einladung der Stadt Mörfelden-Walldorf aus Israel, den USA und Ungarn in Walldorf ein. Sie werden vom Bürgermeister Bernhard Brehl, aber auch in dem Fraport-Vorstandsvorsitzenden Wilhelm Bender im Frankfurter Römer empfangen. Nur die Firma Züblin lässt sich – bis auf ihren Pressesprecher – verleugnen. In einer großen Gedenkveranstaltung am Ort des Geschehens lesen Schüler/-innen gemeinsam mit Repräsentanten des öffentlichen Lebens die Namen ALLER Frauen, die in dem KZ-Außenlager als Zwangsarbeiterinnen gehalten wurden, vor.

 
 

Um US-Anwälten zuvorzukommen, die Entschädigungsklagen für Zwangsarbeiter gegen Deutsche anstrengen wollten, beauftragt 1999 Bundeskanzlers Gerhard Schröder Otto Graf Lambsdorff die Verhandlungen über Art und Höhe der Entschädigung für ehemalige NS-Zwangsarbeiter zu führen. Mit Gründung der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« (EVZ) wurde der Weg geöffnet, dass ab 2001 deutsche Unternehmen freiwillig in den Fonds zur Wiedergutmachung einzahlen und Betroffene Anträge auf Entschädigung bei der Stiftung beantragen konnten. Auch Züblin zahlte in den Fonds ein, lehnt aber nach wie vor eine Verantwortung gegenüber den Zwangsarbeiterinnen ab. Mar­git Hor­váth erhält eine Entschädigung in Höhe von 25.000,-- €.

Mar­git Hor­váth steht als Namens­ge­be­rin der Stif­tung stell­ver­tre­tend für die 1.700 hier ehe­mals inhaf­tier­ten jun­gen unga­ri­schen Jüdinnen. Sie hatte nach dem Krieg in Frankfurt gewohnt. Von August bis Novem­ber 1944 war sie in der KZ-Außenstelle Wall­dorf inhaf­tiert. »Ihre Bereit­schaft, nach Jahr­zehn­ten des Schwei­gens und der aus­drück­li­chen Dis­tanz zur deut­schen Gesell­schaft, im hohen Alter doch noch zu erzäh­len, sich immer wie­der aufs Neue dem Schmerz der Erin­ne­rung an das unvor­stell­bare Grauen aus­zu­set­zen, trug ent­schei­dend dazu bei, dass die Geschichte des Außen­la­gers Wall­dorf so detail­liert und bio­gra­phisch dif­fe­ren­ziert auf­ge­ar­bei­tet wer­den konnte. Ihr Han­deln wirkt weit über ihren Tod hinaus,« heißt es auf der Homepage der Horváth-Stiftung. Sie hat ihre Entschädigung aus dem Fonds der EVZ der Stadt Mörfelden-Walldorf gespendet, die nun ihrerseits die Stiftung gründete.

Zu Ihren Beweggründen sagte Hor­váth: »Als der Gedenk­stein für die KZ-Außenstelle Wall­dorf 1980 ein­ge­weiht wurde, war ich dabei. […] Aber ich habe zu nie­man­dem etwas gesagt. Ich konnte nicht dar­über spre­chen. Ich wollte nicht. Mit mei­nem Sohn Gábor bin ich oft hier (im Wald) gewe­sen. Immer wie­der sind wir den Weg ent­lang gelau­fen. […] Jetzt bin ich alt. Sie fra­gen mich, was damals hier pas­sierte mit mir und all den ande­ren Frauen? Es ist nun das erste Mal, dass ich erzähle: Ich bin 1911 gebo­ren; meine Fami­lie stammt aus Kolozs­vár in Sie­ben­bür­gen. In mei­ner Kind­heit gehörte es zu Rumä­nien, spä­ter zu Ungarn.

Wir waren sechs Geschwis­ter und hat­ten ein schö­nes Fami­li­en­le­ben. Unser Vater war Rechts­an­walt, ein wohl ange­se­he­ner Mann in der gan­zen Stadt. Wir Kin­der haben alle das Gym­na­sium besucht; wir sind zweisprachig auf­ge­wach­sen: rumä­nisch und unga­risch. Nach Abschluss der Schule habe ich eine Aus­bil­dung als Gerichts­as­sis­ten­tin gemacht, meine Schwes­ter hatte einen Hut­sa­lon. Als unsere Gegend wie­der zu Ungarn kam, wurde das Leben für uns als jüdi­sche Fami­lie immer schwe­rer. Im März 1944 mar­schier­ten die deut­schen Trup­pen ein. Von da an ging alles sehr schnell: Wir muss­ten den David­stern tra­gen, dann ins Ghetto und wenige Wochen spä­ter waren wir alle in Ausch­witz, die Groß­mut­ter, meine Schwes­tern mit ihren Kin­dern, Onkel, Tanten  […] ins­ge­samt waren wir aus unse­rer Fami­lie 74 Per­so­nen. Alle im glei­chen Zug, in die­sen Vieh­wag­gons — Rich­tung Ausch­witz.

Mein Vater hatte noch seine Akten­ta­sche dabei mit Refe­ren­zen, Emp­feh­lungs­schrei­ben, ver­schie­de­nen Doku­men­ten und Urkun­den. Er dachte, das würde ihm etwas nut­zen in Ausch­witz. So war er. […] Aber Sie wis­sen, was dort mit älte­ren Her­ren geschah. Mit mei­ner jün­ge­ren Schwes­ter Irma und mit Tante Jolan kam ich im August 1944 von Ausch­witz hier­her nach Wall­dorf. Wir gehör­ten zu den 1.700 Frauen, die damals auf dem Frank­fur­ter Flug­ha­fen arbei­ten muss­ten. Wir haben viel geweint nach all den Kin­dern, die in Ausch­witz geblie­ben sind. Auch meine ältere Schwes­ter ist dort ver­gast wor­den mit ihren drei klei­nen Kin­dern. Immer wie­der frage ich mich, warum gerade ich über­lebt habe. Dies tun wir alle. Alle Frauen, die über­lebt haben, woll­ten danach vor allem eines: ein Kind zur Welt brin­gen. Bei vie­len ging es nicht mehr. Ich hatte Glück. Ich habe Gábor 1948 gebo­ren. Sein Vater war auch in Ausch­witz gewe­sen. Ihm ging es so wie mir.«

Nach dem Empfang der Frauen in der Fraport und Frankfurt stellten sich beide Institutionen ihrer Verantwortung, einen angemessenen Beitrag für das Erinnern und Gedenken an das Opfer dieser Frauen zur Verfügung zu stellen. 2015 konnte dann das Horvath-Zentrum eingeweiht werden. Ursprünglich war es der Wille der Auftraggeber, die Ausgrabungsstätte des früheren Küchenkellers zu verhüllen oder komplett zu überbauen. Angemessen und nicht überzogen sollte es werden, und auch der Architekt Heinrich Wagner zog dafür auch geschlossene und abgedunkelte Gedenkräume in Erwägung.

Nach vielen Diskussionen setzte sich aber die Idee durch, symbolisch für das Zentrum den Waldboden aufzuklappen, um die darunterliegende Geschichte des Lagers freizulegen. Das direkt am Waldboden beginnende Schrägdach unter einer 45 Tonnen schweren Stahlkonstruktion schützt die freigelegten Fundamente, während sich die Architektur weitgehend im Hintergrund hält. Durch eine Zwischendecke ist über der Ausgrabungsstätte ein Tagungs- und Veranstaltungsort entstanden. Die völlige Verglasung der Seitenwände bietet Transparenz inmitten der natürlichen Umgebung.

 
 

Wir danken allen, die zu diesem interessanten Tag beigetragen haben!

 

Fotostrecke von der Gedenkstättenfahrt am 05.05.2018

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