Holocaustgedenktag 2017 in Wetzlar
Holocaustgedenktag 2017 in Wetzlar
vom 27.01.2017

Plädoyer für unserere demokratischen Grundwerte am Holocaust-Gedenktag

Anlässlich der Gedenkfeier für die Holocaust-Opfer hielt OB Manfred Wagner (Wetzlar) eine leidenschaftliche Rede gegen die demokratiefeindliche Bestrebungen der heutigen Rechtspopulisten.

Die Rede von OB Manfred Wagner im Wortlaut:

»Mein sehr geehrten Damen und Herren!
Ich danke Ihnen, dass Sie der Einladung der Stadt Wetzlar zu dieser Gedenkstunde anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus gefolgt sind.

Wir haben uns im Rosengärtchen an dem Mahnmal versammelt, das an die Gräueltaten der Nazi-Diktatur und an ihre Opfer erinnert.

Ein Ort des Gedenkens, ein Mahnmal, das leider immer noch nicht allzu vielen Einwohnerinnen und Einwohnern unserer Stadt wirklich bewusst ist. Und dennoch ist dieses sehr schlichte, aus einer »abgebrochenen Marmorsäule« bestehende Denkmal in meinen Augen ein sehr wichtiger Platz des Innehaltens in unserer Stadt.

1987 wurde dieses Mahnmal auf Initiative des damaligen Denkmalpflegers der Stadt Wetzlar, Herrn Walter Ebertz, errichtet.

Es sollte in erster Linie an die Wetzlarer Opfer des Faschismus und hier insbesondere an Jakob Sauer erinnern.

Jakob Sauer wurde in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 auf Geheiß des damaligen Kreisleiters der NSDAP, Wilhelm Haus, am Wetzlarer Friedhof in der Bergstraße erhängt. Jakob Sauer hatte einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner in Wetzlar an seinem Haus ein Pappschild angebracht auf dem stand:

»Schütze mein Haus! Wir sind keine Nazis! Wir begrüßen die Befreier!«

Vor zwei Jahren haben wir - Stadtverordnetenversammlung und Magistrat der Stadt Wetzlar - erstmals eine Einladung ausgesprochen, um uns an diesem Platz zu versammeln, um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken.

Anknüpfungspunkt war der 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an den europäischen Juden. Auschwitz ist der Ausdruck des Rassenwahns und das Kainsmal der deutschen Geschichte.

Am heutigen 27. Januar jährt sich nun die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee zum 72. Mal. Der Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz wurde 1996 auf Initiative des kürzlich verstorbenen Bundespräsidenten Roman Herzog offizieller deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Und in diesem Jahr sind wir uns auch bewusst, dass sich die sogenannte »Wannsee-Konferenz« der Nazis, in diesen Tagen zum 75. Mal jährt. Der millionenfache Mord an den europäischen Juden war damals längst beschlossen. Die Vorbereitungen begannen bereits 1933, als die NS-Diktatur das »Gesetz zur Verhinderung des erbkranken Nachwuchses« erließ. Brutale Eingriffe in die Würde behinderter Menschen waren die Folge.

In den sogenannten »Heil- und Pflegeanstalten« erprobte das medizinische Personal die Tötung durch den Einsatz von Gas - das Muster für den millionenfachen Massenmord, der im Rahmen der »Wannseekonferenz« von hochrangigen Nazis menschenverachtend organisiert wurde.

Wir treffen uns jährlich am 9. November am Ort der ehemaligen Synagoge, um an die schrecklichen Ereignisse der Reichspogromnacht und an die Verfolgung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erinnern.

Wir erinnern mit einem Gedenksteinen auf dem jüdischen Friedhof an jüdische Mitbürger, die während der Nazi-Zeit aus Wetzlar vertrieben wurden, die umgebracht wurden, die verschollen sind.

Wir erinnern mit Publikationen, oder mit »Stolpersteinen«, mit einem »Weg der Erinnerung« in unserer Stadt an die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte.

Wir finden uns am Vorabend eines jeden Volkstrauertages zusammen, um in Gedanken bei den Opfern der Kriege zu sein und damit ein deutliches »Nie wieder« zum Ausdruck zu bringen.

Wir diskutierten in unserer Stadt mitunter auch über richtige und zeitgemäße Formen des Erinnerns. Bei all dem waren und sind wir Demokraten uns aber in dem Ziel einig: die Erinnerung an die grausamen Kapitel unserer Geschichte muss unser Selbstverständnis als Nation auch weiterhin prägen.

Anders als der hessische Geschichtslehrer und thüringische AfD - Landtagsabgeordnete Björn Höcke, der kürzlich in Dresden unter dem Gejohle seiner Zuhörer über die Notwendigkeit einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad fabulierte. Höcke, der das Holocaustdenkmal in unserer Hauptstadt Berlin als ein Denkmal der Schande bezeichnete.

Es wäre zu viel der Ehre für diesen Geist, wollte man auf all seine offenkundigen Anlehnungen an den Jargon der Nazis eingehen. Wenn dieser Herr aber seiner Anhängerschaft zuruft, man müsse nichts weniger tun, als Geschichte zu schreiben, dann gehört ihm, seinen Freunden, seiner politischen Heimat klar ins Stammbuch geschrieben:

Diese Geschichte ist schon einmal geschrieben worden!
Wer dafür plädiert, sie zu tilgen, zu verklären, umzukehren, der plant womöglich einen neuen Anlauf. Dieser Herr Höcke ist kein Einzelfall, das kann man in manchem Brief, in vielen Presseberichterstattungen nachvollziehen, das kann man im Internet, das im Übrigen nichts vergisst, verfolgen.

Gerade in dem Jahr der Bundestagswahl und bei den kommenden Wahlen zu einzelnen Landesparlamenten hat jeder Wahlberechtigte seine Stimme, die er abgeben und verantwortungsvoll einsetzen muss. Ich sage bewusst: muss! Das ist die Erwartung an mündige Bürgerinnen und Bürger in unserem Staat.

Von der Brexit-Entscheidung oder Wahl des amerikanischen Präsidenten – zwei aktuellen Ereignissen – wissen wir auch nur zu gut, zu welcher Ernüchterung der Verzicht vieler auf die Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen führte.

Am Ende braucht keiner sagen, er habe es nicht gewusst. Jeder hätte wissen können. Und gerade auch angesichts dieser aktuellen Beispiele ist es nach meiner Ansicht auch nur konsequent, dass wir am 27. Januar eines jeden Jahres diesen Ort aufsuchen, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.

Die beste Versicherung gegen Völkerhass, gegen Totalitarismus, gegen Faschismus und Nationalsozialismus ist und bleibt die lebendige Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Roman Herzog betonte bei der Proklamation des Gedenktages: »Ich wünsche mir, dass der 27. Januar zu einem Gedenktag des deutschen Volkes, zu einem wirklichen Tag des Gedenkens, ja des Nachdenkens wird. Nur so vermeiden wir, dass er Alibi-Wirkungen entfaltet, um die es am allerwenigsten gehen darf.« 

Eine Kollektivschuld des deutschen Volkes an den Verbrechen des Nationalsozialismus lehnte der damalige Bundespräsident zu recht ab.

Ein solches Bekenntnis würde zumindest denen nicht gerecht werden, die Leben, Freiheit und Gesundheit im Kampf gegen den Nationalsozialismus und im Einsatz für seine Opfer aufs Spiel gesetzt haben und deren Vermächtnis der Staat ist, in dem wir heute leben.

Aber eine kollektive Verantwortung gibt es, und wir haben sie stets bejaht. Diese Verantwortung zielt in zwei Richtungen: Zum einen darf das Erinnern nicht aufhören, denn ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft.

Manches Erinnern erfordert Mut und Beharrlichkeit, manches Erinnern ist eine Pflicht, die uns der Wille zur Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber Schuld und Versagen auferlegt.

So hat es heute in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages ein Angehöriger eines »Euthanasie-Opfers« betont. Und zum andern zielt die kollektive Verantwortung genau auf die Umsetzung der Lektionen unserer Geschichte:

Stärkung und Bewahrung unserer Demokratie, unseres Rechtsstaates, der Menschenrechte, der Toleranz und der Würde des Menschen.

Doch gerade in diesen Tagen,

  • in denen wir von Schreckensnachrichten über Krieg, Terror, Verfolgung, Mord, Flucht und Vertreibung nahezu überschüttet werden,
  • in denen Menschen Schutz und Zuflucht suchen und in denen wir verspüren, dass die Globalisierung eben keine Einbahnstraße ist,
  • in denen die Taten des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) uns sprachlos zurück lassen,
  • in denen Nazis durch unsere Straßen ziehen oder · die vom Bundesverfassungsgericht als verfassungsfeindlich eingestufte NPD im Wetzlarer Stadtparlament und im Kreistag ihr Weltbild darbietet, aber auch an Tagen,
  • in denen Menschen Sorgen und Ängste auch um die eigene gesellschaftliche Position haben und tragende Werte unseres freiheitlichen Staates negieren,

stellt sich die Frage nach der kollektiven Verantwortung immer wieder neu – mehr denn je!

Wie halten wir es mit dem »Nie wieder«, mit dem Wort »währet den Anfängen«, mit der Frage nach der Würde des Menschen? – Schließlich bestimmt Artikel 1 unseres Grundgesetztes die Würde des Menschen nicht zu einem Exklusivrecht der Deutschen.

Was tun wir, wenn menschenverachtende Töne immer mehr um sich greifen, wenn sie über soziale Netzwerke geteilt werden, wenn Gewalt gegen Sachen und gegen Menschen ausgeübt wird, wenn das Gewaltmonopol des Staates offen in Frage gestellt wird.

Kein Papier hat in Zeiten wie diesen eine so große Konjunktur, wie der sogenannte »kleine Waffenschein«. Das alles kann – das alles darf uns nicht egal sein! Gerade nicht nach dem, was die Nazis in perverser Form »Euthanasie« nannten, gerade nicht nach den Ereignissen, von Auschwitz, gerade nicht nach der Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger aus unserer Stadt oder solcher Gräueltaten, wie sie in Wetzlar an Jakob Sauer verübt wurden.

Wir haben Verantwortung für unser Tun und für unser Unterlassen.
Jedes Zeichen, das unser Postulat »Nie wieder« bestärkt, ist ein wichtiges Zeichen. Und daher ist es wichtig, dass wir uns heute in Wetzlar, wie an vielen anderen Plätzen in dieser Republik versammeln und an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Denn ohne Erinnerung gibt es weder eine Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft.

Ich danke Ihnen für Ihr Kommen, ich danke Ihnen, dass Sie mit uns gemeinsam ein Bekenntnis dafür abgeben, dass die Kultur des Erinnerns unverzichtbar ist.

Als Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus werde ich nun gemeinsam mit Herrn Stadtverordnetenvorsteher Udo Volck einen Kranz der Stadt Wetzlar am Mahnmal niederlegen.

→ Die Rede kann als PDF Datei hier herunter geladen werden

Film von hessencam übr die Ansprache von OB Wagner

 
 

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