Das Podium
Das Podium
vom 10.05.2017

Nie wieder Faschismus - Nie wieder Krieg

Was heißt das für uns heute? 79 Menschen folgten am 10. Mai 2017 in der Phantastischen Bibliothek (Wetzlar) der Diskussion von Prof. Dr. Benno Hafeneger, Davorka Lovrekovic, Henning Mächerle und Frank Mignon.

Von Klaus Petri
Was wurde aus dem »Schwur von Buchenwald«, mit dem im April 1945 die soeben befreiten KZ-Häftlinge gemeinsam und feierlich gelobten, dass man jetzt eine Welt des Friedens zu errichten gedenke und »den Faschismus mitsamt seinen Wurzeln« ausrotten wolle? Das Wetzlarer »Bündnis gegen Nazis - Bunt statt Braun« und der DGB-Kreisverband hatten in der Phantastischen Bibliothek ein Podium zu dieser Frage organisiert.

Ernst Richter, Sprecher des Bündnisses, hieß die 70 interessierten Besucherinnen und Besucher willkommen. Aus Marburg war der Pädagogik-Professor Dr. Benno Hafeneger angereist, der mit seinem Institut Milieu-Studien zur rechtsextremen Szene veröffentlicht hat (»Rechte Cliquen«, »Die Identitären«). Für den Sozialwissenschaftler sind Rechtsextremismus und Rechtspopulismus »Dauerphänomene in einer offenen, demokratischen Gesellschaft«, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben: »Wie hegen wir sie ein? Wie entziehen wir ihnen den Resonanzboden und wann gehören sie verboten und mit den Mitteln des Strafrechts bekämpft«, so laute die Frage »an uns alle«.

Die Untersuchungen der Friedrich Ebert-Stiftung zu Denkstrukturen und Weltbildern der »bürgerlichen Mitte« haben den Befund erbracht, dass 25 Prozent der Wahlberechtigten rechtspopulistisch »geeicht« sind, 10 Prozent sind antisemitisch orientiert und 3 Prozent haben »ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild«.

Mithin sei Rechtsextremismus kein Randphänomen. Mit dem Bestseller-Autor Sarrazin seien rechte Deutungsmuster »anschlussfähig an die Mitte der Gesellschaft geworden«. Und die AFD werde »uns sicher noch eine Weile beschäftigen«.

Hafeneger hatte der AFD-Gründungsversammlung vor 4 Jahren in Eschborn als Beobachter beigewohnt: »Unter den 2000 Leuten – praktisch alles Männer zwischen 50 und 70 Jahren – viele Schlips- und Kragenträgern. Darunter nicht wenige Diplom-Ingenieure und Polizeibeamte«. Optimistisch stimmt den Sozialforscher, dass 86 Prozent der Deutschen – bei jungen Leuten sind es noch mehr – hinter dem Gesellschaftsmodell der Demokratie stehen. Aber: »Was fehlt, ist eine ›Erzählung‹ von einem demokratischen, zukunftsfähigen und solidarisch handelnden Europa, von dem sich viele angesprochen fühlen.

Der Wetzlarer Musiker und WNZ-Kolumnist Frank Mignon hatte in seinem launig-unterhaltsamen Redebeitrag »die rechten Spinner, Esoteriker und Verschwörungstheoretiker« im Visier, die er als »Absolventen der Hogwarts/Oder-Akademie« bezeichnete. Es fehle ihnen an intellektueller Redlichkeit, sie hätten sich vom »Projekt Aufklärung und kritisches Denken« verabschiedet, seien aber mit den Mitteln des Internets in vielen Hinterzimmern und Studierstuben präsent.

Linke Friedensaktivisten warnte er davor, den »rechten Querfront-Strategen auf den Leim zu gehen«. Deren Feindbilder seien ganz eindeutig antisemitisch konnotiert. Er lud dazu ein sich mit kritischem Blick einzumischen und »die Partizipationsmöglichkeiten einer freien Bürgergesellschaft offensiv zu nutzen«.

Henning Mächerle saß als Vertreter der VVN/BdA und der Roten Hilfe Gießen auf dem Podium: »Als Marxist sehe ich die Bundesrepublik Deutschland korrekt als kapitalistische Klassengesellschaft beschrieben. Mit der Demokratie hierzulande ist es nicht weit her. Die soziale Spaltung in ganz Reiche und immer mehr Arme und Abgehängte delegitimiert logischerweise die herrschende neoliberale Politik der Etablierten.

Die Schwäche von uns Linken wird zur Stärke der Rechten. Sie profitieren bei Wahlen von dem Frust der Leute. Diese Gesellschaft hat mit ihrer allein am Profitstreben orientierten Wirtschaft keine Zukunft. Die Alternativen sind: entweder Wohlstandschauvinismus à la AFD – oder zusammen mit uns eine gemeinwohlorientierte, sozialistische Ökonomie und Gesellschaft ins Werk setzen«, argumentierte Mächerle, der als Betriebsrat tätig ist und sich für die DKP in Gießen als Wahlkreiskandidat für die Bundestagswahl hat aufstellen lassen.

Davorka Lovrekocic aus Laufdorf gehört der Friedenskirche der Quäker an und wurde vom dem ca. ein Dutzend Aktive zählenden »Wetzlarer Friedenstreff« auf das Podium entsandt. Von ihren beiden Großvätern war einer Serbe – als Zwangsarbeiter während des Kriegs nach Bayern verschleppt – und der zweite gehörte den kroatischen Faschisten, Ustascha genannt, an.

Als dauerhafte Lehre aus dem Völkergemetzel vor 75 Jahren sind ihr drei Punkte wichtig: »1. Ein klares Bekenntnis zur Demokratie – mit Gleichberechtigung, Toleranz und Minderheitenschutz 2. Ein Bekenntnis gegen den Krieg. Der stellt nämlich alle zivilisatorischen Errungenschaften und Lebensgrundlagen in Frage. 3. Soziale Ungleichheit spaltet menschliche Gemeinschaft und ist Nährboden für rechte Demagogen. Mit Blick auf Europa können wir uns die ignorante Haltung als Musterschüler und ›Exportweltmeister‹ gegenüber den abgehängten Ökonomien der Südländer nicht länger leisten. Auch das stiftet Unfrieden«.

Die 70-jährige Liedermacherin Lee Bach aus Hohenahr hat lange in den USA gelebt, ist mit ihren Liedern schon in den frühen 80ern bei Blockaden von Atomanlagen dabei gewesen und trug in der Tradition von Joan Baez Folksongs und internationale Friedenslieder zur Gitarre vor. Ein Titel lautete »Two brothers on their way – one is white and one is black«. 

Der Einladungsflyer der Veranstalter zum Download

 
 

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