Der Autor Leonhard Seidl © Katrin Heim
Der Autor Leonhard Seidl © Katrin Heim
vom 25.01.2018

Lesung des Nürnberger Krimi-Autors Leonhard Seidl

Aus seinem neuen Roman »Fronten« las der Autor am Mi., 25.01.2018 in der Wetzlarer Stadtbibliothek. Ein zugleich aktuelle und spannende Kriminalroman zu rassistischen Ressentiments und religiösem Fanatismus.

Von Klaus Petri

  • Welchen Weg geht unsere Gesellschaft gerade?
  • Kann ein buntes, vielfältiges Zusammenleben gelingen?

Zu diesen Fragen hatten der DGB, die GEW und das »Wetzlarer Bündnis gegen Nazis – BUNT statt BRAUN« zu einer literarischen Lesung in die Stadtbibliothek eingeladen.

Der in Oberbayern aufgewachsene und jetzt in Nürnberg lebende Krimiautor Leonhard Seidl schreibt engagierte Prosa-Literatur. Er thematisiert die Herausforderungen, die uns in einer multikulturellen Gesellschaft begegnen. Es geht um weit verbreitete Ängste und den Mut, sich den Spaltungen der Gesellschaft entgegenzustellen. Rassistische Ressentiments und religiöser Fanatismus sind nicht angeboren. Sie entstehen in abgeschotteten, sich selbst genügenden soziokulturellen Biotopen. Die damit verbundenen psychologischen Mechanismen interessieren den 51-jährigen gelernten Krankenpfleger und Sozialarbeiter Seidl, der als Jugendlicher Punker war.

Hier ist der Erzähler ganz nah dran an unseren Alltagserfahrungen. Die Handlung des vor kurzem in der Edition Nautilus erschienenen Romans »Fronten« ist einem realen Geschehen 1988 im oberbayerischen Dorfen nachempfunden. Der als Kind aus Srebrenica geflohene Bosnier Ayyub Zlatar läuft in einer Polizeistation Amok und erschießt drei Polizisten. Der gleichaltrige ›Reichsbürger‹ und Waffennarr Markus Keilhofer will Rache nehmen erstürmt bewaffnet eine Moschee.

Die gut integrierte kurdische Ärztin Roja wird zunächst der Komplizenschaft mit dem muslimischen Amokschützen verdächtigt und gerät zwischen die FRONTEN. Wie entstehen weltanschaulich-religiöse Identitäten? Wie funktioniert Ausgrenzung und kollektive Schuldzuweisung? Der bei seinen Großeltern aufwachsende Keilhofer bekommt als 13-Jähriger von denen eine Erklärung von 9/11 geliefert: »Der Jud hat die Welt im Griff. Die Weisen von Zion. So ein Turm stürzt nicht von einem Flugzeug ein. Da brauchts scho eine Bombn. Alles gesteuert von die Amis.«

Die etablierten Medien heißen im Reichsbürger-Jargon des esoterischen Großelternpaares »Lügenäther«. Auch für den ›richtigen‹ Umgang mit dem anderen Geschlecht erteilt der Opa dem „Guggile“ genannten Buben Ratschläge: »Die Weiber sind ja so raffiniert. Zehn Minutn Rittmeister, achtzehn Jahre Zahlmeister«.

Das kurdische Mädchen Roja wird im Herbst 2001 in der Schule aufdringlich-neugierig befragt: »Sprecht ihr denn zuhause muslimisch?« und »Zieht denn deine Mutter beim Duschen das Kopftuch aus?«. Weil Muslime in dieser Zeit unter Generalverdacht stehen »irgendwie mit Terror zu tun zu haben«, verwischt die Mutter Hinweise auf ihr Anderssein und verzichtet auf das Kopftuchtragen. Das wiederum macht die Tochter wütend. Sie sieht die Würde und Freiheit ihrer kurdischen Familie beschädigt.

Für Markus Keilhofer sind Muslime »Arschhochbeter« und »beschnittene Ziegenhirten«. Die Handlung erschließt sich dem Leser aus den abwechselnden Perspektiven der drei Protagonisten. Von Seidl als Erzähltechnik bewusst so gewählt, um »die Fragmentierung unserer Lebenserfahrungen und Lebenswelten« herauszustellen.

Hinzu kommen eingestreute Zeitdokumente, etwa die Berichterstattung des MÜNCHNER MERKUR über den dramatischen Amoklauf, den der von Psychosen und einer Paranoia getriebene Ayyub Zlatar als 28-Jähriger ausführt. Seidl hat zwei Jahre an dem Buch gearbeitet. Zusammen mit Schülern einer Gymnasialklasse hat er vor Ort aufwändige Recherchen durchgeführt, wozu auch Interviews mit den Angehörigen der getöteten Polizisten gehörten.

In der vom GEW-Kreisvorsitzenden Walter Schäfer moderierten Diskussion nannte Seidl auch das zentrale Motiv für sein Schreiben: »Ich möchte eine spannende Geschichte erzählen. Ich gebe dabei muslimischen Migrantinnen eine Stimme. Ich zähle auf eine emanzipierte Leserschaft, der ich nicht beizubringen habe, wie sie zu denken hat. Als Utopist träume ich von einer besseren Welt mit so wenig Herrschaft wie nötig und möglichst viel kreativer Teilhabe von vielen.«

Am Vormittag fand die Lesung am Hessenkolleg statt, nachmittags war der Autor Gast eines Werkstattgesprächs bei der WALI.

Die Lesungen wurden aus dem Programm »Demokratie Leben!« gefördert.

 
 

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