Historische Aufnahme aus 1929
Gewerkschaftshaus Wetzlar
vom 02.05.2018

Große Anteilnahme bei Gedenktafelenthüllung

Gedenkveranstaltung am ehemaligen Gewerkschaftshaus in Wetzlar.

Generalstabsmäßig wurden reichsweit am 2. Mai 1933 in den frühen Morgenstunden alle Häuser und Büros der im ADGB organisierten Freien Gewerkschaften besetzt. Die Polizei griff nicht ein! Die Besetzung des Wetzlarer Gewerkschaftshauses an der Überführung 1 (heute Niedergirmeser Weg 1) erfolgte durch SA und Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) unter der Leitung des stellvertretenden Kreisleiters Haus. Mit der dann folgenden Beschlagnahmung des Gewerkschaftsvermögens und Verhaftung führender Gewerkschafter erfolgte die Zerschlagung der freien Gewerkschaften durch die Nazis.

Das Gewerkschaftshaus in Wetzlar (siehe Bild auf der Titelseite) gehörte dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV). Der DMV (Vorgängerorganisation der heutigen IG Metall) kaufte 1928 das Haus Hermannsteiner Straße 1, in dem auch eine Apotheke Platz fand. Das DMV-Haus wurde am 2. Mai von der SA besetzt.
Nach dem Krieg kam das Haus in den Besitz der Stadt Wetzlar. Heute befindet sich dort die Geschäfts- und Beratungsstelle des Kinderschutzbundes Lahn-Dill Wetzlar e.V. Gemeinsam luden die Initiatoren (Stadt Wetzlar, WETZLAR ERINNERT e.V. Kinderschutzbund, IG Metall und DGB) zu einer Gedenkfeier am 2. Mai 2018 ein.

Es sprachen:

  • Oberbürgermeister Manfred Wagner
  • Stefan Sachs, 1. Bevollmächtigter der IG Metall-Geschäftsstelle Mittelhessen
  • Arne Beppler, Vorsitzender des DGB-Kreis Lahn-Dill
  • Gudrun Geißler, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Lahn-Dill Wetzlar e.V.
  • Anschließend erfolgt die Gedenktafelenthüllung am Haus und der Vorsitzende von WETZLAR ERINNERT e.V., Ernst Richter, zeigt historische Dokumente und schildert die Ereignisse vor 85 Jahren.

Nachfolgend ein Bericht von Klaus Petri:
Nach der Machtübertragung an Hitlers NSDAP am 30. Januar 1933 erfolgte Schritt für Schritt die völlige Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft hin zur braunen Führerdiktatur. Eine wichtige Etappe auf dem Weg dorthin war die Zerschlagung der Gewerkschaftsbewegung am 2. Mai 1933.

Joseph Goebbels hatte das am 17. April in seinem Tagebuch in brutaler Offenheit zu Papier gebracht: »Man darf hier keine Rücksicht kennen. Wir tun dem Arbeiter nur einen Dienst, wenn wir ihn von der parasitären Führung befreien, die ihm bisher das Leben sauer gemacht hat. Sind die Gewerkschaften in unserer Hand, dann werden sich auch die anderen Parteien und Organisationen nicht mehr lange halten können.«

Am Tag zuvor hatte die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) noch Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den Machthabern demonstriert: Gemeinsam zelebrierte man den 1. Mai als »Tag der nationalen Arbeit«.  Die ›Aufwertung‹ des »Kampftages der klassenbewussten Arbeiterbewegung« zum bezahlten Feiertag für alle erschien manchen durchaus verlockend. Die »kalte Dusche« kam dann am Tag darauf in Gestalt der Besetzung der Gewerkschaftshäuser durch die SA, mit der Liquidierung von Streikrecht und Koalitionsfreiheit und dem Einzug gewerkschaftlichen Vermögens durch den NS-Staat.

Gewerkschaftsführer wie der Herborner Paul Symkowiak vom Bergarbeiterverband wurden verhaftet und krankenhausreif geprügelt. Zum aktiven Widerstand bereite Menschen gab es im SPD-nahen republikanischen Schutzbund »Eiserne Front«, unter den rund 300 Tausend KPD-Mitgliedern und auch unter den über 5 Millionen ADGB-Mitgliedern zuhauf. »Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber!«, kommentierte im Februar 1933 der Herborner Metallarbeiter Herrmann Schmidt bitter.

Er wartete allerdings vergeblich auf eine reichsweite Initiative der Führung von SPD und »Eiserner Front« zum aktiven Widerstand. Die in Wetzlar bedeutendste Einzelgewerkschaft war der Deutsche Metallarbeiterverband, der in 1928 das Haus Hermannsteiner 1 in Niedergirmes kaufte, in der auch eine Apotheke Platz fand. Heute ist dort die Geschäfts- und Beratungsstelle des Deutschen Kinderschutzbundes.

Das DMV-Haus wurde am 2. Mai von der SA besetzt. »Die Aktion dient dem Zweck, die gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiterschaft im Sinne des nationalen Staates zu überwachen«, kommentierte die Wetzlarer Zeitung für ihre Leser.

Nach dem Krieg kam die Immobilie in den Besitz der Stadt Wetzlar. Mit der Enthüllung einer Gedenktafel vor Ort wurde jetzt des 85. Jahrestages der Zerschlagung der Gewerkschaften gedacht. Die Kinderschutzbund-Vorsitzende Gudrun Geißler hieß als »Hausherrin« dazu zahlreiche Vertreter der Kommunal- und Landespolitik, örtliche Gewerkschaftsvertreter und Behördenmitarbeiter willkommen: »Wir demonstrieren auch mit dieser Aktion, dass in Wetzlar aus der Geschichte gelernt wurde und wir heute eine vielfältige und bunte Stadt sind«. Ihr besonderer Dank galt dem Verein »Wetzlar erinnert e.V.« und dem Ehepaar Ernst und Irmi Richter, die »mit großem Engagement Aufklärung und historisches Erinnern in lokalen Bezügen betreiben«.

Der DGB-Kreisvorsitzende Arne Beppler erinnerte an die vielen Widerstandskämpfer und Opfer des braunen Terrors aus den Reihen der Arbeiterbewegung. Daraus erwachse »die Verpflichtung zu aktivem Handeln gegen Rassismus, Faschismus, Intoleranz und Antisemitismus«.

IG-Metall Geschäftsführer Stefan Sachs will den »Blick in den Rückspiegel« um einen aktualisierten »Blick auf unsere Windschutzscheibe« ergänzt sehen: »Zivilcourage ist auch künftig vonnöten. Wenn etwa seitens der AfD-Anhänger erwartet wird, dass wir uns als Schutzorganisationen der Arbeitnehmer nur um Deutsche zu kümmern hätten, muss denen mit klarer Kante entgegengetreten werden«.

Oberbürger Manfred Wagner dankte den Beteiligten »für das gemeinsam gesetzte Zeichen, dass aus der Geschichte gelernt worden ist«. Das »Nie wieder!« werde dann umso kräftiger ausfallen, wenn mit Gedenktafeln Anstöße zum Nachdenken gegeben und darüber Geschichtsbewusstsein entwickelt wird.

Im Anschluss an die Gedenktafelenthüllung – sie ist die erste in einer Reihe weiterer dieser Art – gab Ernst Richter mit einem Dia-Vortrag Einblicke in geschichtliche Stationen, an denen sich Stadtgeschichte und »große Geschichte« berührt haben. Mitglieder des Kinderschutzbundes bewirteten die etwa 30 Gäste mit Getränken und belegten Broten.

–› Fotostrecke von der Gedenkstunde und Gedenktafelenthüllung
–› Einladungskarte zum Download
(PDF-Dokument, 1,2 MB)
–› Weitere Informationen zu den Ereignissen vor 85 Jahren

–› Weitere Informationen zum Projekt »Gedenktafeln zu Ereignissen der NS-Zeit«

 
 

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