Gräber Friedhof Niedergrimes
Gräber Friedhof Niedergrimes
vom 13.11.2015

Gräberstätte für Zwangsarbeiter auf dem Friedhof in Niedergirmes

»In gebührender Entfernung« beerdigte man die Zwangsarbeiter/-innen. In den Boden eingelassene Steinplatten zeugen von den Opfern, die die Zwangsarbeit in Wetzlar nicht überlebten.

Nach Schätzung von Historikern lebten und schufteten während des Zweiten Weltkrieges im Deutschen Reich und den von der Hitler-Wehrmacht eroberten Gebieten rund 26 Millionen Männer, Frauen und Jugendliche als Zwangsarbeiter.

Für den heutigen Lahn-Dill-Kreis betrug deren Zahl etwa 17 000. Es gab magere Löhne und eine elende Verpflegung für diese Menschen. Die Ersten wurden sogar regulär-freiwillig als Arbeitskräfte angeworben. Mit fortschreitendem Krieg deportierten die deutschen Besatzungsbehörden schließlich ganze Schulabschlussjahrgänge aus Polen, Weißrussland oder der Ukraine ins Deutsche Reich.

Für die Unterbringung wurden geschlossene Barackenlager errichtet, gegenüber den einheimischen Arbeitskräften gab es ein Kontaktverbot. Ältere Wetzlarer wie die in 2002 verstorbene Edith Z. geb. Marquart erinnern sich noch an »die schöne Musik«, die aus den Unterkünften der Zwangarbeiter nach außen drang.

Die Wetzlarer Historikerin Marianne Peter hat Forschungen darüber angestellt, was im Todesfall mit diesen Menschen geschah, die fernab der eigenen Heimat in der Rüstungsindustrie, bei Aufräumarbeiten, in der Landwirtschaft oder in Privathaushalten eingesetzt waren.

Ein Verwaltungsbericht aus dem Jahr 1956 nimmt Bezug auf den Friedhof des stark industriell geprägten Wetzlarer Stadtteils Niedergirmes.

»Im Juli 1942 wurde auf dem Gelände des Friedhofes Wetzlar-Niedergirmes eine Begräbnisstätte für Ausländer angelegt; hier wurden 276 nach Deutschland dienstverpflichtete, ausländische Arbeiter beigesetzt, von denen in den letzten Jahren 19 Franzosen, Belgier und Holländer ausgegraben und in ihre Heimat überführt wurden. Die Gräber der Ausländer erhielten im Frühjahr 1951 Eichenholzkreuze.«

Franzosen-Friedhof im Stadtteil Büblingshausen aus dem Ersten Weltkrieg neu belegt

An anderer Stelle gibt es in dem gleichen Friedhofsbericht einen Hinweis auf die Wiederbelegung eines noch aus dem Ersten Weltkrieg stammenden »Franzosen-Friedhofs« im südöstlich der Kernstadt gelegenen Stadtteil Büblingshausen: »Im Jahre 1925 waren zahlreiche Gräber des Kriegsgefangenen-Friedhofes Wetzlar-Büblingshausen durch Überführungen ehemaliger französischer Kriegsgefangener in ihre Heimat freigeworden. Diese Gräber wurden im Laufe des 2. Weltkrieges mit 45 Kriegsgefangenen neu belegt.«

Laut international gültigen Kriegsgräbergesetzen und entsprechenden bilateralen Abkommen verpflichten sich frühere Kriegsgegner zum Erhalt und zur Pflege von Grabstellen. Die heute in Niedergirmes sichtbaren Namenstafeln wurden einheitlich vermutlich erst mit dem 1. Kriegsgräbergesetz aus 1965 hergestellt.

Ein schlichter Grabstein ist einer 23-jährig verstorbenen Ukrainerin namens Maria Gulowata gewidmet, die mit vielen Gleichaltrigen aus dem ukrainischen Dorf Mervin bei Winiza ins Deutsche Reich verschleppt worden war. Ihr Schicksal findet Erwähnung in den Lebenserinnerungen der Fabrikanten-Tochter und Wetzlarer Ehrenbürgerin Elsie Kühn-Leitz »Mut zur Menschlichkeit«.

»In der Frühe des 10.9.1943 um halb 7 Uhr wurde ich von einem Wächter des Ostarbeiterlagers angeklingelt, ich möchte sofort herunterkommen, die Ostarbeiterführerin Maria Gulowata läge im Sterben. (…) Sie lag in ihrer kleinen Stube auf dem Bett und war schon tot als ich herunterkam. (…) Als Todesursache wurde Gehirnschlag festgestellt, was bei einer so jungen Frau kaum glaubhaft erscheint. (…) Lange Zeit später erfuhr ich von unserem Lagerleiter, dass Maria Gulowata wohl als Spitzelin gegen ihre eigenen Volksgenossen für die deutsche Gestapo gearbeitet haben soll. (…) Jedenfalls lag und liegt noch heute ein Rätsel über diesem frühen Tod.«

1995 besuchte eine 15-köpfige Gruppe überlebender ukrainischer Schicksalsgenossen auf Einladung der Wetzlarer Geschichtswerkstatt und einer Evangelischen Kirchengemeinde die Zivilarbeitergräber auf dem Niedergirmeser Friedhof. Darunter auch Filip Gulowatij, ein Cousin von Maria G.

Als seine Cousine 23-jährig starb, hatte die etwa gleich alte Lidia Jatschinowna ein todkrankes zwei Monate altes Söhnchen. »Pack es, und schmeiß es in die Toilette!«, lautete die barsche Order des Wachmannes, als der Säugling an Entkräftung verstorben war. Nach Angaben der Ukrainerin, die sie während ihres Besuches in Wetzlar vor 20 Jahren machte, hat sich Elsie Kühn-Leitz dann darum gekümmert, dass der kleine Leichnam mit ins Grab von Maria Gulowata kam.

Mit den verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern wurde im braunen Reich nicht viel Federlesens gemacht. Bei deren Beerdigung galt die Richtlinie, auf einen Sarg zu verzichten und die Leiche »mit starkem Papier (möglichst Öl-, Teer- oder Asphaltpapier) oder sonst geeignetem Material vollständig einzuhüllen […] «.

»Bei gleichzeitigem Anfall mehrerer Leichen ist die Bestattung in einem Gemeinschaftsgrab vorzunehmen«. In einem Rundschreiben der Gestapo vom 18. Dezember 1942 zur Beerdigung von »Ostarbeitern« heißt es:

  1. Die Beerdigung eines Ostarbeiters stellt lediglich eine gesundheitspolitische Maßnahme dar, so dass alle Vorbereitungen für die Beerdigung und diese selbst möglichst einfach und unter Vermeidung jeglichen Aufsehens in der Öffentlichkeit vorzunehmen ist.
  2. Als Begräbnisplatz ist ein Ort an einer entlegenen Stelle des Friedhofs in gebührender Entfernung von deutschen Gräbern auszusuchen.
  3. Eine Mitwirkung von Geistlichen bei der Beerdigung hat nicht stattzufinden, da die Beerdigung lediglich eine gesundheitspolitische Maßnahme ist. Dementsprechend hat auch das Glockenläuten zu unterbleiben.
  4. Es ist nicht erwünscht, dass außer etwa vorhandenen Verwandten und Arbeitskameraden andere Personen an der Bestattung teilnehmen.

Ein Wachmann über des todkranke Baby: »Pack es, und schmeiß es in die Toilette«

Die heute gängige Kennzeichnung »unbekannte(r) Ostarbeiter/-in« auf den kleinen Grabplatten ist so gesehen noch ein später Nachklang des damaligen »arischen« Herrenmenschendünkels und der rassistischen Perspektive auf »slawische Untermenschen«.

Der Wetzlarer Magistrat sucht Pflege-Patenschaften für verwaiste, aber erhaltenswerte Gräber auf den Wetzlarer Friedhöfen. Der abgelegene Flecken mit den Zivilarbeiter-Gräbern sollte dabei nicht außen vor bleiben.

Die vor 75 Jahren verschleppten jungen Europäerinnen und Europäer waren niemandes Feind, als sie für die Wahnidee eines Großgermanischen Reiches um ihre besten Jahre betrogen wurden.

→ Weitere Informationen zum Gräberfeld auf dem Friedhof Niedergirmes

 
 

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