Gedenktafel
Gedenktafel
vom 28.03.2016

Gedenktafel für den Antifaschisten Henrich Mootz

Gedenktafel am Wohnhaus Rosengasse 13 (Altstadt Wetzlar) zu Ehren des Malermeisters und Kommunisten Heinrich Mootz, die im Februar 2014 von DKP und Linkspartei gestiftet wurden.

Von Klaus Petri:
Der »Wetzlarer Anzeiger« berichtete in seiner Ausgabe vom 3. März 1933, dass der damals 65-jährige Heinrich Mootz einen »Aufruf der Reichsregierung an das deutsche Volk vom 1. Februar durch Überpinseln unkenntlich machte«, wofür er eine Woche Gefängnis erhielt. Der Inhalt des Aufrufes »14 Jahre Marxismus haben Deutschland ruiniert« entsprach weder den Tatsachen noch den Erfahrungen vieler Menschen. Nach der Machtübertragung an die Nazipartei fanden reichsweit umfangreiche Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen statt. Bis Ende März befanden sich schon 66 Wetzlarer Antifaschisten – überwiegend Funktionsträger von KPD und SPD – in »Schutzhaft«, Ende Juli waren es etwa 270.

Die unweit des Domes gelegene »Jäcksburg« war inzwischen als »Schutzhaftlager« unter SA-Bewachung eingerichtet worden. Heinrich Mootz hatte mit seiner Frau Margarete acht Kinder großgezogen. Ihr jüngster Sohn Kurt Mootz wurde im Juni 1933 verhaftet, »da er sich in äußerst beleidigender Form über den Herrn Reichskanzler Hitler äußerte. Unter anderem sagte er, Hitler habe den Reichstag selbst angesteckt…«. Ein anderer Sohn, Heinrich Jakob Mootz jun., und Schwiegersohn Alfred Roscher kamen nach Verbüßung der »Schutzhaft« (der zynische Begriff legt nahe, dass der völkische Staat die Nazi-Gegner vor dem »gerechten Volkszorn« schütze) zunächst ins Frankfurter Gestapo-Gefängnis »Klapperfeld« und anschließend bis Ende 1935 in das Konzentrationslager Esterwegen.

Alfred Roscher besaß später im Haus Rosengasse 11 einen Friseurbetrieb und berichtete in einem von Marianne Peter in den 80er Jahren geführten Interview u.a. auch von Begegnungen mit Carl von Ossietzky während der gemeinsamen Moorlager-Haft. Ossietzky verstarb am 4. Mai 1938 in Berlin an den Folgen der Lagerhaft. Am 23. November 1936 war ihm rückwirkend für 1935 in Abwesenheit der Friedensnobelpreis verliehen worden, woraufhin Hitler verfügte, dass künftig kein Deutscher mehr einen Nobelpreis annehmen dürfe. Heinrich Mootz sen. wurde am 5. Mai 1935 ein weiteres Mal verhaftet und mit 15 anderen Personen wegen »Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens« im Oktober zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Als »Hochverrat« wurde gewertet, dass die Angeklagten für die »Rote Hilfe« tätig waren, Flugblätter verteilt und Zeitschriften und Bücher im Sympathisantenkreis verkauft hatten.

Mootz hatte einen Frankfurter Genossen in sein Haus aufgenommen und für verfolgte und inhaftierte Nazi-Gegner gespendet. Hauptangeklagter in diesem Verfahren war der aus Dillenburg stammende illegale KPD-Funktionär Ernst Ringel, der eine Zuchthausstrafe von 7 Jahren erhielt und bis zur Befreiung im Mai 1945 in drei verschiedenen Konzentrationslagern eingesperrt war. Drei Mitangeklagte aus Wetzlar überlebten eine mehrjährige Zuchthausstrafe im nordhessischen Wehlheiden, einer wurde nach der Entlassung 1939 sofort wieder verhaftet und verbrachte sechs  weitere Jahre im KZ Buchenwald. Ein anderer wurde umgehend mit dem »Bewährungsbataillon 999« der Wehrmacht in den inzwischen begonnenen Krieg geschickt.

Heinrich Mootz sen. kam am 2. April 1936 nach Verbüßung seiner Haftzeit nach Wetzlar zurück und wurde ein halbes Jahr darauf erneut festgenommen. Die Anklageschrift legte ihm zur Last, »fortgesetzt handelnd, das hochverräterische Unternehmen, die Verfassung des Reiches zu ändern, durch Werbung für den Kommunismus vorbereitet zu haben«. Konkret bestand sein »Verbrechen« darin, zwei Arbeitern, die an einem Neubau in Wetzlar arbeiteten und bei ihm wohnten, u.a. gesagt zu haben: »In Deutschland seien sie mit Lug und Trug an die Regierung gekommen… Der Kommunismus werde sich durchsetzen, weil er die Wahrheit sei, obschon er unterdrückt werde. Wenn sie alle so gekämpft hätten wie ich, sei es in Deutschland heute anders.«

Die Bauarbeiter zogen daraufhin bei ihrem Vermieter aus und denunzierten ihn bei den Behörden. Als Alfred Roscher seinen Schwiegervater Anfang Februar im Zuchthaus Kassel-Wehlheiden besuchen wollte, erfuhr er, dass Heinrich Mootz bereits tot war. Die genauen Todesumstände blieben unklar. Von Mithäftlingen erfuhr Roscher, dass das Wachpersonal »nachgeholfen« habe. Am 22. Februar 1937 schrieb der Generalstaatsanwalt Kassel an den Reichsanwalt beim Volksgerichtshof: »In der vorbereiteten Strafsache ist der Angeschuldigte am 5. Februar 1937 im Landeskrankenhaus in Kassel an Lungenentzündung verstorben. Das Verfahren hat damit seine Erledigung gefunden.«

Nach Auskunft von Siegmar Roscher, der heute das Haus Rosengasse 11 bewohnt, ist das unangepasste Verhalten seines Urgroßvaters Heinrich Mootz und seines Großvaters Alfred Roscher in der Familie lange Zeit beschwiegen worden. Der antikommunistische Konformitätsdruck habe sich nach Kriegsende ungebrochen fortgesetzt. Im kollektiven Gedächtnis der Familie ist der ehrbare Handwerker verankert, nicht hingegen der ehrbare Antifaschist. Seine Initiative zum öffentlichen Gedenken möchte der im Kulturzentrum FRANZIS engagierte Roscher als späte Anerkennung und Ehrerbietung für das non-konforme Verhalten seiner Ahnen verstanden wissen: »Sie haben den Mut besessen, einem verbrecherischen Regime die Stirn zu bieten.«

Bilder von Heinrich Mootz existieren nicht mehr, sie sind wahrscheinlich während des Krieges verloren gegangen. Wohl aber ist dessen Grab – weit über die übliche Liegenschaftszeit hinaus – noch auf dem alten Friedhof neben der Bergstraße erhalten. Urenkel Siegmar Roscher führt deshalb Verhandlungen mit dem für die städtischen Friedhöfe zuständigen Grünflächenamt, dass es erhalten bleibt: als sichtbares Zeichen dafür, dass »man« damals sehr wohl »etwas tun« konnte.

Standort:
Gedenktafel am Wohnhaus Rosengasse 13 | D 35578 Wetzlar

 
 

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