Gedenktafel zur Erinnerung an die Synagoge
Gedenktafel
vom 09.11.2017

Gedenken an die Reichspogromnacht in Wetzlar

Anlässlich der Reichspogromnacht fand auch am 09.11.2017 eine Gedenkstunde am Platz der ehemaligen Wetzlarer Synagoge statt.

Die Teilnehmer hatten sich auf Einladung der Stadt Wetzlar und Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar (GCJZ) an der Gedenktafel in der Pfannenstielgasse versammelt, wo seit 1756 die jüdische Synagoge stand. Oberbürgermeister Manfred Wagner rief dazu auf, immer wieder an das Unrecht der Pogromnacht zu erinnern, damit »ein solches Unrecht nie mehr geschieht.«

Rechtsextreme Gruppen sind nur die Spitze des Eisbergs
Wagner widersprach den Zeitgenossen, die meinen, dass man an die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte nicht immer wieder erinnern muss. »In Zeiten, in denen rechtsextreme Gruppierungen nur die Spitze des Eisbergs sind und ein Wetzlarer Bäcker einen geschmacklosen Post über Anne Frank sendet, fragt man sich: In welcher Verfassung befindet sich unser Land?« fragte Wagner.

Werte würden mit Füßen getreten und längst sei solches Gedankengut mitten in der Gesellschaft zu finden. »Deshalb ist es wichtiger denn je, sich an diesem Tag seiner Verantwortung bewusst zu sein und ein klares Signal dagegen zu setzen.«

Als Zeitzeugin sprach in diesem Jahr Gisela Jäckel, deren Mutter Rosa Best Jüdin war, aus ihren Erinnerungen an diese schreckliche Zeit. 1934 in der Krämerstraße geboren, habe sie nie gespürt, anders als andere Kinder zu sein. »Als ich 1942 meine Großeltern auf dem Liebfrauenberg besuchen wollte, wurden sie gerade mit Handgepäck von Männern in Schwarz abgeholt«, erzählte Jäckel, deren Mutter 1944 angeblich an einem Magen-Darmkatarrh in Auschwitz starb.

Auch wie sich die Behandlung durch die Mitbürger merklich abkühlte, sie sogar aus dem Splittergraben in Büblingshausen verjagt wurde und sich in Hecken am Russenfriedhof vor den Bomben versteckte. Unglaubliches ist dem kleinen Mädchen passiert, das sich später trotzdem für seine Heimatstadt und ihre Menschen engagierte und eindringlich bat: »Egal welche Religion wir haben: Gott ist für uns alle da. Und vermitteln Sie der Jugend, Konflikte friedlich zu lösen, damit so etwas nie wieder passiert!«

Diakon Norbert Haak verlas ein Klagelied aus dem alten Testament und Elisabeth Hausen, Redakteurin bei Israelnetz, sang aus dem jüdischen Morgengebet »adon olam« (Herr der Welt), bevor der Kranz an der Gedenktafel für die Synagoge niedergelegt wurde und Pfarrer Wolfgang Grieb als Vertreter der GZJZ sprach.

»Wir leben in einer schweren Zeit, denn mit dem politischen Aufschwung der Rechten ist der zu Deutschland gehörende, in allen Gesellschaftsschichten vorhandene, oft im Verborgenen gepflegte Antisemitismus wieder hoffähig geworden«, so der Pfarrer. »Mehr denn je müssen der Rechtsstaat und alle demokratischen Kräfte dem mit allen Mitteln entgegentreten. Und dazu gehört auch eine andauernde Erinnerungskultur, wie sie mit Stolpersteinen und Stadtführungen gepflegt wird«, findet Grieb. Er sprach über den Mut, auf die Andersdenkenden zuzugehen und ihre Haltung zu hinterfragen.

Grieb erinnerte an Lieder von Reinhard Mey, Wolf Biermann und Clemens Bittlinger, die alle mahnen, wachsam zu sein, die Freiheit zu nutzen, sich nicht verhärten zu lassen und aufeinander zuzugehen, damit aus Nachbarn Freunde werden.

Informationen zur ehemaligen Wetzlarer Synagoge und dem heutigen Gedenkort
Karsten Porezag berichtet: »
Als aus Nachbarn Juden wurden«
Geschichte jüdischen Lebens - Eine Übersicht

 
 

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