vom 15.09.2017

»Blut muss fließen« - Undercover unter Nazis

Film- und Diskussionsveranstaltung mit dem Dokumentarfilmer Peter Ohlendorf am 15.09.2017

Ein Bericht von Klaus Petri

»Blut muss fließen« (Untertitel: Undercover unter Nazis) heißt der martialische Titel einer filmischen Dokumentation über Rechtsrock-Konzerte, die Regisseur Peter Ohlendorf vor 45 Besuchern im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes vorstellte. Die gespenstischen Aufnahmen wurden von einem Kompagnon des Regisseurs mit dem Kunstnamen »Thomas Kuban« unter Gefahr für Leib und Leben mit versteckter Kamera gemacht. Zu Ohlendorfs Bedauern ist der Film einem größeren Publikum vorenthalten geblieben. Die größeren Fernsehanstalten nahmen den 2012 erstellten Streifen bisher nicht in ihr Programm auf.

Als sich vor wenigen Wochen mehrere 1.000 Nazis im thüringischen Themar ungehindert zu einem Rockkonzert trafen, organisierte die »Antifaschistische Bildungsinitiative Mittelhessen«unter Federführung von Andreas Balser (Friedberg) zu Ohlendorfs Film eine »Mittelhessen-Tournee« mit den Stationen Büdingen, Friedberg, Gießen, Marburg und Wetzlar. Dass rabiate Nazi-Propaganda quasi vor der eigenen Haustür betrieben wird, machte der Kreistagsabgeordnete Joscha Wagner (SPD) unter Verweis auf das Szene-Lokal Hollywood (Leun-Stockhausen) und Plakat-Klebeaktionen der Nazis im gesamten Lahn-Dillkreis klar. In »Blut muss fließen« werden die »Kameraden« zu halblegalen Party-Treffs gelotst, um dann über einen roten Teppich als ›Ritterschlag‹ Einzug zu halten. Als »braune Wallhalla« dienen ehemalige Militäreinrichtungen im Osten der Republik, aber auch Bierzelte, Clubs und Hotels.

Die ekstatisch-aggressiv auftretenden Bands tragen Namen wie »Freikorps« oder »Kraft durch Freude«. Sie stellen sich ihrem Publikum unverhüllt als »Terroristen mit E-Gitarren« vor. Beim Auftritt der Band »Tonstörung« brüllen angetrunkene und tätowierte Muskelberge den schaurigen Refrain aus heiseren Kehlen mit: »Blut muss fließen – knüppelhageldick. Wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik.« Neue Pogrome werden blutrünstig angekündigt: »Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig – Lasst die Messer flutschen in den Judenleib.« Der tote »Führer« wird als neuer Messias ersehnt (»Wir wollen euren Jesus nicht – das alte Judenschwein… Adolf Hitler steige nieder und regiere Deutschland wieder!«).

Warum war und ist derlei geschichtsvergessene Mordhetze in Deutschland überhaupt möglich? Ohlendorf sieht hier viel Ignoranz und Wegschauen der staatlichen Stellen. Auf einer Pressekonferenz in 2007 mit Kubans Recherchen konfrontiert, riet der damalige bayerische Innenminister Beckstein (CSU) dem Journalisten: »Dann stellen Sie doch Strafantrag, dann gehen wir dem nach. Den Polizisten vor Ort fällt es oft schwer, strafbares Verhalten festzustellen.« Ein grundsätzliches Problem besteht für den engagierten Filmemacher in vielerorts fehlenden Freizeiteinrichtungen für junge Leute: »In manchen Gebieten im Osten der Republik sind Nazis inzwischen Alleinunterhalter.«

Auch die weitverbreitete Indifferenz der »schweigenden Mehrheit« begünstige den bedrohlichen Anstieg rechtsextremer und demokratiefeindlicher Hetze. »Die Entwicklung in Europa in den letzten fünf Jahren ist beängstigend. Überall nehmen nationalistische Tendenzen und die Ausgrenzung von Minderheiten zu. Wenn der französische Präsident Macron mit seinem Programm scheitern sollte, zeichnet sich eine Präsidentschaft von Marine Le Pen vom Front National ab. Das wird dann der Sargnagel eines geeinten Europas sein«, lautete Ohlendorfs pessimistische Prognose in der sich dem Film anschließenden Diskussion.

Um dieser destruktiven Entwicklung rechtzeitig einen »heilsamen Schock« entgegenzusetzten, sei die weitere Verbreitung von »Blut muss fließen« ein gut geeignetes Anschauungsmaterial, unterstrich Ernst Richter vom Wetzlarer Bündnis ›Bunt statt Braun‹. Und er zitierte dabei den Schriftsteller Erich Kästner, der 25 Jahre nach dem Verbrennen seiner und anderer verfemter Bücher im Mai 1933 an seine Kollegen vom Schriftstellerverband PEN appelliert hatte: »Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.« Unter den Veranstaltern und ihren Gästen bestand am Ende Einigkeit, dass jetzt ein Schulterschluss aller für Demokratie und Weltoffenheit einstehenden Bürger gegen Rechtstendenzen und rechte Gewalt das Gebot der Stunde ist.

 

»Wehret den Anfängen« ist längst vorbei
Gespräch von Ohlendorf mit Vertretern aus Politik und Multiplikatoren

Bericht von Stefan Scholl

Auf Einladung von »Wetzlar erinnert« fand ein »Frühstück gegen Rechts« im Café der Lebenshilfe in Wetzlar statt. Die Gäste hatten Gelegenheit bei einem heißen Kaffee und frischen Brötchen mit Peter Ohlendorf, Andreas Balser, Landrat Wolfgang Schuster und MdB Dagmar Schmidt zu diskutieren.

Ohlendorf ist der Regisseur des Films »Blut muss fließen«, ein Dokumentarfilm über die rechtsextreme Musikszene. Der Titel des Film stammt aus einem in der Szene beliebten Lied. »Blut muss fließen knüppelhageldick, wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik…«. Der Film dokumentiert hautnah, wie junge Leute mit Rechtsrock geködert und radikalisiert werden.

Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative Friedberg ist derzeit mit Ohlendorf auf Tour durch Hessen. Gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Dagmar Schmidt, Landrat Wolfgang Schuster (beide SPD) sowie Multiplikatoren aus der Jugend- und Jugendbildungsarbeit diskutierten sie, warum der Rechtsextremismus wieder stärker geworden ist bzw. warum er öffentlich wieder stärker sichtbar ist.

»Zu fordern ›Wehret den Anfängen‹, dafür ist es zu spät«, sagte Schmidt. Die Runde war sich einig, dass rechtsextreme Strömungen nie ganz verschwunden waren, aber in den vergangenen Jahren wieder stärker an die Öffentlichkeit gelangten. Nicht alle Themen und Fragen könnten mit zwei, drei Sätzen erklärt werden. Vieles sei heutzutage kompliziert und manchmal für Menschen schwierig zu verstehen. Doch auch, wenn die Welt komplex sei, sei manches auch einfach. Das Grundgesetz sei leicht zu verstehen und stehe über den Sachfragen.

Ab und an müsse man die Diskussion auch auf die grundlegenden Fragen lenken. Zu Werten zu stehen und Haltung zu zeigen, sei nicht kompliziert, man müsse es nur machen!

Ohlendorf plädierte dafür, dass der »demokratische und weltoffene orientierte Teil unserer Gesellschaft jetzt aktiv gegen die verschiedenen rechten Strömungen stellen muss. Wir müssen ein großes Netzwerk bauen, das seine Stimme wirkungsvoll erhebt«. Vielleicht konnte diese Runde und die Besucher/-innen des Filmabends ein aktiver Teil davon sein.

 
 

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