Vortrag von Beatrix Egler (stehend) © Klaus Petri
Vortragsabend über Elisabeth Selbert mit Beatrix Egler (stehend) in Café Vinyl © Klaus Petri
vom 07.03.2018

Elisabeth Selbert: Kämpferin für die rechtliche Gleichstellung

Bericht von einem Vortrag der Rechtsanwältin Beatrix Egler am 07.03.2018 im Café Vinyl, Wetzlar

Anlässlich des internationalen Frauentages 2018 fand diese Informationsveranstaltung am 7. März im Café Vinyl (Wetzlar) statt.

Ein Bericht von Klaus Petri

Vor 70 Jahren kämpfte eine couragierte Frau aus Kassel um die verfassungsrechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern. Die Juristin und SPD-Landtagsabgeordnete Elisabeth Selbert (1896-1986) gehörte mit drei anderen Frauen dem oft »Väter des Grundgesetzes« genannten 65-köpfigen »Parlamentarischen Rat« an, der im Zusammenwirken mit den drei westlichen Besatzungsmächten die neue westdeutsche Verfassung ausarbeitete.

Mit der Normierung durch Art. 3 (2) »Frauen und Männer sind gleichberechtigt« war eine solide rechtliche Grundlage für die schrittweise Emanzipation der lange Zeit als »schwaches Geschlecht« gehandelten Frauen in Deutschland gelegt. Petra Schneider und Sabine Pfeiffer – beide sind Frauenbeauftragte beim Lahn-Dill-Kreis – begrüßten im gut gefüllten Café Vinyl die Wetzlarer Anwältin und SPD-Kreistagsabgeordnete Beatrix Egler als Referentin über das Leben und Wirken Elisabeth Selberts. Egler stammt selbst – wie ihre »Akteurin« – aus der Kasseler Gegend und sie hat Kontakt zu einer Enkelin der prominenten Berufskollegin.

Deren Erinnerung an die Kindheit in der Nachkriegszeit: »Unsere Oma hat eigentlich nie gelacht. Sie war selten zuhause, war aber immer korrekt und freundlich zu uns.« Bilder aus dem Familienalbum zeigen die Verfassungsrechtlerin im Gespräch mit Carlo Schmidt oder im Kreis von politischen Mandatsträgerinnen. Elisabeth Selbert stammte aus einem kleinbürgerlichen und streng protestantischen Elternhaus.

Aufgrund einer Begabtenprüfung wird ihr das damals übliche Schulgeld erlassen. Noch vor dem 1926 extern abgelegten Abitur hat sie zwei Söhne geboren. Von ihrem Mann Adam Selbert, ein gelernter Buchdrucker und SPD-Aktivist, erhält sie zur Zeit der Novemberrevolution 1918 August Bebels Schrift »Die Frau im Sozialismus« zu lesen.

Das Jurastudium wird 1929 nach der Mindeststudienzeit von sechs Semestern mit dem Ersten Staatsexamen und einer anschließenden Promotionsarbeit zum Thema »Ehezerrüttung als Scheidungsgrund« abgeschlossen. Unter den 300 Jurastudenten in Göttingen und Marburg gibt es nur fünf Frauen. In der Nazi-Zeit erhält ihr Ehemann Berufsverbot und wird zeitweilig  im »Schutzhaftlager Breitenau« gefangen gehalten. Nur knapp entgeht er der Pistolen-Attacke eines SA-Mannes.

Frauen werden unter der Nazi-Herrschaft systematisch aus akademischen Berufen herausgedrängt. »Manchmal gibt es ›Sternstunden der Geschichte‹: Elisabeth Selbert  erhält 1934 als letzte Frau überhaupt im Deutschen Reich eine Zulassung als Rechtsanwältin«, ließ die Anwältin für Familien- und Arbeitsrecht Beatrix Egler ihre Zuhörerschaft wissen. Selbert übernimmt von nach Palästina ausreisenden Juden eine Rechtsanwaltskanzlei am Königsplatz 42 in der Kasseler Innenstadt.

Im Oktober 1943 wird daraus nach Bombenhagel und Feuersbrunst eine Ruine. Die Wohnung der Familie wird ins 26 Kilometer entfernte Melsungen verlegt. Weil der öffentliche Verkehr brachliegt, muss die Strecke von der beharrlichen und disziplinierten Frau mehrmals in der Woche zu Fuß gemeistert werden. Das Kriegsende erleben die Hitler-Gegner als Befreiung. Adam Selbert wird Abteilungsleiter beim neu gegründeten Landeswohlfahrtsverband.

Seine Englisch sprechende Frau ist Kontaktperson der SPD zur amerikanischen Militärverwaltung, zieht 1946 in den hessischen Landtag ein und empfiehlt sich aufgrund ihrer juristischen Qualifikation zwei Jahre später für die Mitarbeit im »Parlamentarischen Rat«. »Mit dem Artikel 109 der Weimarer Reichsverfassung wurden Männern und Frauen formal ›gleiche Rechte‹ attestiert. Das blieb aber eine Worthülse – ohne praktische Konsequenzen für das Familien- und Arbeitsrecht und den Zugang zu öffentlichen Ämtern. Mit der von Selbert eingebrachten Formulierung ›…sind gleichberechtigt‹ ist dieses Grundrecht juristisch einklagbar und hat beispielsweise vor einigen Jahren mit dem ›Antidiskriminierungsgesetz‹ einen konkreten Ausdruck erfahren«, informierte Beatrix Egler.

Selbert habe später auch Interesse an einem Bundestagsmandat ihrer Partei oder einer Tätigkeit beim BVG gezeigt, »das war aber wohl gegen den Widerstand männlich dominierter Seilschaften damals nicht zu machen«, mutmaßt die SPD-Kommunalpolitikerin Egler. Als sie 1986 fast 90-jährig stirbt, ist Elisabeth Selbert hoch geehrt, in Nordhessen tragen mehrere Schulen und eine Kasseler Promenade ihren Namen, die hessische Landesregierung vergibt seit 1983 den »Elisabeth-Selbert-Preis« und mit Iris Berben wurde ihre Lebensgeschichte unter dem Titel »Der lange Weg der Emanzipation« prominent verfilmt.

»Wir sollten nicht den Blick dafür verlieren, dass es in puncto gesellschaftlicher Fortschritt manchmal doch auf einzelne Personen ankommt«, lautete der appellative und vom Publikum mit Applaus bedachte Schluss-Satz der Referentin.

Bilder von der Veranstaltung © Klaus Petri
Historische Bilder aus dem Familienalbum der Selberts

 
 

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