Szene aus »Anders als Du blaubst«.
Bild: Berliner Companie
vom 16.11.2016

Berliner Companie: ANDERS ALS DU GLAUBST (Kopie 1)

Ein Theaterstück über Juden, Muslime, Christen und den Riss durch die Welt. Auf Einladung der Arbeitsloseninitiative Lahn-Dill (WALI) und dem Laurentius-Convent (Laufdorf) ist die Berliner Companie am Buß- und Bettag 2016 im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes vor vollem Haus aufgetreten.

Von einer Welt voller Widersprüche
RELIGIONEN Theater in Niedergirmes befasst sich mit Anschauungen, Gegensätzen und Gemeinsamkeiten
Wetzlar: Mit einem „Stück über Juden, Christen, Muslime und den Riss durch die Welt“ gastierte das fünfköpfige Ensemble »Berliner Compagnie« im mit 300 Zuschauern voll besetzten Nachbarschaftszentrum in Niedergirmes.

Eingeladen hatten die Arbeitsloseninitiative WALI, der Sozialethische Ausschuss der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels/Wetzlar, die Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Christlich-islamische Arbeitskreis.

Ein »Stein der Weisen« kann von keiner Weltanschauung allein beansprucht werden
Das mit philosophischen Diskursen angefüllte Problemstück (Uraufführung 2013) steht in der Tradition von Goethes Faust-Dichtung und Lessings „Ringparabel«: Ein ›Stein der Weisen‹ kann von keiner Weltanschauung oder Religion exklusiv beansprucht werden – und alle Weltverbesserer haben »ihre Leichen im Keller« und müssen mit ihren Widersprüchen klarkommen.

Anlässe zur Weltverbesserung gibt es reichlich: »Diese Wirtschaft tötet«, wird Papst Franziskus zitiert. Gewalt kommt nicht nur aus Gewehrläufen und Sprengstoff-Gürteln: »Was sind die Selbstmordattentäter gegen die finanziellen Massenvernichtungswaffen der Banken?!«, wird in Brecht’scher Tradition nachgefragt. Die weltweit siegreiche Leit-Religion Neoliberalismus wird mit dem Befund konfrontiert, dass »die Welt zwar genug für jedermanns Bedürfnisse« bereithalte, nicht jedoch »für jedermanns Gier«.

Die Welt ist im 20. Jahrhundert ein Dorf mit globalen Chatrooms geworden. Die Probleme Afrikas sind von denen Europas nicht zu trennen. Wenn Fischtrawler mit »Netzen so groß wie drei Fußballfelder« den Fischern vor der Küste Senegals die Existenzgrundlage rauben, ist die Fluchtbewegung von Süd nach Nord die logische Konsequenz. Was tun? Sind religiöse Glaubensgrundsätze das Rüstzeug für moralisches Handeln? Oder ist Religion – wie von Karl Marx einst postuliert – »das Opium des Volkes«, das die Menschen einlullt? Immerhin weiß sich der Rabbi als Repräsentant der ältesten der drei großen monotheistischen Religionen mit dem Atheisten Marx darin einig, dass es gelte »alle Verhältnisse in Frage zu stellen und umzustürzen, die den Menschen zu einem geknechteten und drangsalierten Wesen machen«.

Das »philosophische Quintett« erörtert die Menschheitsprobleme. Können sich die Muslima, die von Nächstenliebe durchdrungene Christin und der gottesfürchtige Jude mit einem linken Atheisten und einem eingefleischten Skeptiker auf eine gemeinsame Agenda verständigen? »Geschichte ist die Wissenschaft vom Unglück der Menschen«, kommentiert der Skeptiker lakonisch.

Das letzte Wort im Stück hat der Erzengel Gabriel, der sich mit Kinderstimmchen an die »Ebenbilder Gottes« wendet: »Ihr seid nicht fertig geworden! Ihr werdet weiter lernen müssen!«. Dieser verhalten optimistische Schluss erhielt – ebenso wie das gesamte Spiel der Berliner Theatertruppe – viel Applaus.

  • DarstellerInnen: Rondo Beat, Helma Fries, Jean-Theo Jost, Selin Kavak, Angelika Warning
  • Regie: Elke Schuster,
  • Text: Helma Fries,
  • Regieassistenz: Chris S. Möller,
  • Künstlerische Mitarbeit: Rudolf Stodola Foto: Kamila Zimmermann

Kostprobe vom Stück als Videoclip
Download des Flyers der WALI

 
 

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