Pressegespräch am 12.06.2017
Pressegespräch am 12.06.2017
vom 12.06.2017

Alte Ausstellung in neuem Gewand?

1945 – 2020: Heute in drei Jahren werden seit der Befreiung der Zwangsarbeiter in Wetzlar 75 Jahre – also ein gutes Menschenleben – vergangen sein.

Wir meinen: Das Kapitel »Zwangsarbeit in Wetzlar« hat es heute – einem Dreivierteljahrhundert nach der Befreiung der Stadt durch die Alliierten – verdient, zu einem festen Bestandteil in der Beschreibung der Industriegeschichte Wetzlars zu werden.

Die Werbeausstellung zum REMAKE der Ausstellung Zwangsarbeit
Informationen zum Workshop am 12.03.2016

HINTERGRUNDINFORMATIONEN

IG Metall-Ausstellung 1985 – eine Pionierarbeit zum Thema
Ende 1985 beauftragte die ehemalige IG Metall-Verwaltungsstelle Wetzlar die Studierenden Karin Bernhardt, Reinhard Jahn und Witich Rossmann eine Wanderausstellung über das System der NS-Zwangsarbeit zu erarbeiten. In rund einem halben Jahr leisteten die drei eine Pionierarbeit, bei der sie in Archiven recherchierten und Zeitzeugen befragten und dabei auch auf viel Skepsis und Argwohn in Firmen und Behörden stießen.

Dennoch gelang es ihnen, mit einem knappen Budget und mit einfachen Mitteln 29 DIN A 1 große Tafeln für eine Wanderausstellung zusammenzutragen. Anlässlich des Antikriegstages 1986 wurde am 1. September die Ausstellung im Stadthaus am Dom das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert, mit beindruckenden Bildern und das erste mal öffentlich gezeigten Dokumenten, Statistiken  Informationen.

Rüdiger Kreissl berichtete in der WNZ-Ausgabe vom 22.09.1986: »Eine Ausstellung die zu vielen Fragen provoziert: Nichts erinnert mehr an die Arbeitslager und das Leben der Zwangsarbeiter. Warum? Haben die heimischen Betriebe jemals daran gedacht, sich für die profitbringende und menschenverachtende Ausbeutung zu entschuldigen oder ihre Arbeitssklaven zu entschädigen?«

Bis in das Jahr 2000 wurde die Ausstellung zunächst in Wetzlarer Schulen, dem Kulturzentrum Franzis, später im Altkreis Wetzlar und dann auch bundesweit in Bildungsstätten der IG Metall gezeigt.

Einladung von Zeitzeugen
Kurz vor Ende der 6-monatigen Recherche der drei Studierenden wurden die drei Studierenden von der Gedenkstätte Buchenwald darüber informiert, dass ein junger russischer Zwangsarbeiter über sein Leben als 17-jähriger Zwangsarbeiter bei der Fa. Pfeiffer Apparatebau in Wetzlar und als späterer KZ-Häftling in Buchenwald ein Buch geschrieben habe. Es handelte sich um Thomasz Kiryllow, der kurz vor Ende des Kriegs 1945 aus dem KZ an die Westfront verschleppt wurde. Kiryllow war Dank seiner polnischen Mutter, die früher als Au-Pair-Mädchen in Frankreich gearbeitet hatte, der französischen Sprache mächtig und konnte mit Unterstützung der Resistance fliehen und sich bis zur Befreiung Frankreichs durch die Alliierten dem französischen Untergrund anschließen Der später in Polen lebende Kiryllow veröffentlichte sein Buch »Erinnerungen« 1980 als Buch in polnischer Sprache. 1985 erschien es in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Und ihr werdet doch verlieren – Erinnerungen eines polnischen Antifaschisten«.

Auf Einladung der IG Metall war Kiryllow 1987 zum ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg wieder in Wetzlar zu Gast. Später folgten – zunächst auf Einladung der IG Metall und dann auf Einladung von OB Walter Froneberg – die Besuche von Ukrainerinnen, deren Aussagen auf Film- und Tonkassetten festgehalten wurden. Wertvolle Ergänzungen zu den visuelle Bereicherungen für eine Aufbereitung der in die Jahre gekommenen alten und unansehnlich gewordenen Ausstellung, die heute so nicht mehr gezeigt werden kann. 

Alte Ausstellung in neuem Gewand?
Auf Initiative der zwischenzeitlich verstorbenen Historikerin Marianne Peter machte es sich der 2013 gegründete Verein WETZLAR ERINNERT e.V. zur Aufgabe, nach Lösungen zu suchen, wie in Wetzlar eine feste Dokumentations-, Gedenk- und Erinnerungsstätte zum Thema Zwangsarbeit während der NS-Zeit geschaffen und gestaltet werden kann. Hierzu hat die heutige IG Metall-Verwaltungsstelle Mittelhessen dem Verein die alten Ausstellungstafeln zur Sicherung und Auswertung der darin befindlichen Inhalte überlassen.

Dem Verein wurde dabei schnell klar, dass die Realisierung dieses Vorhabens in Eigenregie seine finanziellen, organisatorischen und personellen Möglichkeiten übersteigen würde und war froh, in der Schulleitung, Lehrkräften und Schüler-/innen der Werner-von-Siemens-Schule (den gewerblichen Schulen am Standort Wetzlars) an der Materie interessierte Partner/-innen gewonnen zu haben.

Kreativ-Workshop und Projekt-AG
Mit einem Workshop ergriff WETZLAR ERINNERT e.V. die Initiative, unterschiedliche Menschen für die Aufarbeitung der alten Ausstellung, die digitale Sicherung der Daten, Dokumente und Bilder sowie deren Ergänzung durch die heutigen technischen und multimedialen Möglichkeiten zu gewinnen. Seit März 2016 hat eine neunköpfige Projektgruppe (Hartmut Crass, Cedric Egli, Lisa Herbel, Thomas Kestermann, Andrea Neischwander, Ernst Richter, Frederick Theiß, Andrea Theiß und Sophia Zimmermann) sich dieser Aufgabe gewidmet.

Größtes Hemmnis für eine Weiterarbeit war die offene Frage nach einem geeigneten festen Ort, an dem die Ausstellung künftig gezeigt werden könnte. Denn für die Konkretisierung der vielen guten Ideen hätte die Gruppe klare Angaben über die zur Verfügung stehende Ausstellungsfläche und der Raumbeschaffenheit gebraucht.

Deshalb hat sich die Projekt-AG dazu entschieden, eine Werbeausstellung für die Realisierung der eigentlichen neuen Ausstellung zu produzieren, um Multiplikatoren, Sponsoren und Entscheidungsträger für diese Idee zu gewinnen.

Gleichzeitig wird auf diesen 6 Roll-Ups, ausgesuchten Tafeln der alten Ausstellung sowie auf zwei Monitoren demonstriert, wie in einer neuen Ausstellung nicht nur die alten Datenbestände neu aufbereitet werden, sondern durch die heutigen medialen Möglichkeiten attraktiver dargestellt werden können.

Die Projekt-AG hofft, Sie davon überzeugen zu können und möchte Sie gewinnen, das nachfolgend skizzierte Projekt zu unterstützen. Eine Voraussetzung für die Realisierung ist allerdings die Lösung der Standortfrage durch die Stadt Wetzlar.

Das Credo der Projektgruppe lautet:
»Wir plädieren – im Gegensatz zur alten Wanderausstellung – für einen festen Ausstellungsort, der auch Gruppenführungen zu festen Öffnungszeiten zulässt und hierfür ein geeigneter Ort in der Museumslandschaft unserer Stadt gefunden werden kann. Wir meinen: Das Kapitel »Zwangsarbeit in Wetzlar« hat es heute – einem Dreivierteljahrhundert nach der Befreiung der Stadt durch die Alliierten – verdient, zu einem festen Bestandteil in der Beschreibung der Industriegeschichte Wetzlars zu werden.«

 
 

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