30 Jahre Ausländerbeirat Wetzlar
30 Jahre Ausländerbeirat Wetzlar
vom 13.05.2017

1987 – 2017: 30 Jahre Ausländerbeirat in Wetzlar

Erste Wahl eines Ausländerbeirates am 10. Mai 1987. Bericht vom Festakt am 13.05.2017 im Bürgerhaus Steindorf. Rückschau, Kulturbeiträgen und einer Gesprächsrunde.

Von Klaus Petri
Etwa 6.600 der 53.000 Tausend Einwohner Wetzlars haben einen nichtdeutschen Pass. Um deren Interessen zu artikulieren, gibt es in Hessen in allen Kommunen mit mehr als 1000 gemeldeten Ausländern nach der Hessischen Gemeindeordnung einen Ausländerbeirat. In Wetzlar wurde der das erste Mal am 10. Mai 1987 gewählt. Damals lag die Wahlbeteiligung bei »sensationellen« 53 Prozent, sie kam allerdings bei den 7 folgenden Wahlgängen kaum über 15 Prozent hinaus. Derzeit bildet die Türkische Vereinigung zusammen mit »Muslime für Wetzlar« eine Mehrheit in dem 17-köpfigen Gremium, 3 Sitze entfallen auf die »Internationale Liste für Frieden, Arbeit und soziale Gerechtigkeit« und die »Kulturinitiative« entsendet 2 Vertreter.

Der amtierende Vorsitzende Hüseyin Demirel hieß zur 30-jährigen Geburtstagsfeier 120 Gäste aus Politik und Gesellschaft zu einem bunten Programm-Reigen aus Rückschau, Kulturbeiträgen und einer Gesprächsrunde mit Kommunalpolitikern im Bürgerhaus Steindorf willkommen. Die Violinistin Marta Danilkovich gefiel mit Folklore-Liedern aus ihrer weißrussischen Heimat. Die Sängerin Inta Serebro von der Marburger Musikschule sang jüdisch-hebräische und russische Lieder. Die Flamencogruppe »Viva Espana« gab auf der Bühne der spanischen Tanzkunst einen farbenfrohen Ausdruck.

Grußworte sprachen Oberbürgermeister Manfred Wagner, Landrat Wolfgang Schuster und Dr. Ingrid Knell, die Vorsitzende des Wetzlarer Integrationsrates.

Manfred Wagner verwies darauf, dass fast 30 Prozent der in Wetzlar lebenden Menschen einen Migrationshintergrund haben: »Was wir ›Stadt Wetzlar‹ nennen, ist kein anonymes Gebilde. Das sind wir alle. Menschen mit über hundert verschiedenen Nationalitäten. Wir schätzen unsere Stadt als eine bunte, lebendige und vielfältige Stadt. Dem Ausländerbeirat gratuliere ich zu der engagierten Integrationsarbeit seit nunmehr 3 Jahrzehnten.« 

Schuster sprach die Bedeutung der Nichtdeutschen für eine funktionierende Wirtschaft in der Lahn-Dill-Region an: »Die Sozialhilfe-Bezieher unter den Pegida-Demonstranten, die gegen Ausländer hetzen, leben auch von dem Fleiß und den Steuergroschen unserer ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger«.

Für den hessischen Landesausländerbeirat gratulierte Natalia Bind, die »Partizipation« als geeignetes Mittel hin zu mehr Integration empfahl.

Michael Schott arbeitet in der Stadtverwaltung als Geschäftsführer des Ausländerbeirates. Er ließ die 3 Jahrzehnte Ausländerbeiratstätigkeit in Wetzlar Revue passieren und nannte die Zusammenarbeit mit Vereinen und den städtischen Gremien sowie die Organisierung von Kulturveranstaltungen und – zusammen mit der VHS – Sprachkursen als wichtige Agenda-Punkte. Eine Initiative bezog sich auf die Errichtung eines muslimischen Gräberfeldes auf dem Niedergirmeser Friedhof, eine andere zielte auf einen muslimischen Gebetsraum im Krankenhaus ab. Auch die Sanierung des Ukrainer-Denkmals an der Frankfurter Straße wurde in Angriff genommen. 120 Menschen haben sich seit der Gründung des Gremiums dort ehrenamtlich engagiert.

Im ersten Jahrzehnt wurden von den 26 gestellten Forderungen und Initiativen des Beirates nur ganze 4 vom Stadtparlament bewilligt. Vertreter des Ausländerbeirates haben dort weder Rede- noch Antragsrecht. Heute soll die Kommunikation »über die Magistratsschiene« besser funktionieren und vieles einvernehmlich entschieden werden.

In mehreren Wortbeiträgen wurden Zweifel laut, ob nicht der Ausländerbeirat unzeitgemäß und kaum mehr als ein Feigenblatt für die verweigerte volle Integration sei. Der Vorsitzende Hüseyin Demirel griff das in seiner Rede auf: »Unser Ziel ist das volle kommunale Wahlrecht. Manche von uns leben schon 50 Jahre hier und sind komplett von politischen Mitwirkungsrechten abgeschnitten. Das behindert Integration. Die Beiräte sollten künftig nur ergänzende Funktion haben. Sie sind kein Ersatz für das allgemeine Wahlrecht.« Seine Rede endete optimistisch: »Bauen wir gemeinsam weiter an unserer Stadt. Zum Leitbild einer Modellregion Integration gehören sozialer Zusammenhalt, Bildungs- und Aufstiegschancen für alle und die Stadt muss ein Ort der Lebensfreude sein«.  

In einer von WNZ-Redakteur Steffen Gross moderierten Diskussionsrunde wurden »Polit-Profis« aus Magistrat und Stadtparlament um Stellungnahme zu ihren Erfahrungen und Ideen für eine verbesserte Integrationsarbeit vor Ort gebeten. Die Wetzlarer CDU war durch Manfred Viand vertreten, die SPD durch Sandra Ihne-Köneke, die FDP durch Christoph Wehrenpfennig. Christian Sarges (B 90 Die Grünen) und Dunja Boch (FWG) komplettierten die Diskussionsrunde.

Zitatauswahl:

  • »Das Ehrenamt wird durch wachsenden Egoismus als unnötige Last empfunden«
    (Hüseyin Demirel mit Blick auf die schwindende Wahlbeteiligung bei Wahlen zum Ausländerbeirat)

  • »Integration ist bei uns in Wetzlar auf einem hohen Niveau erreicht. Wir arbeiten daran, dass das noch besser wird.«
    Manfred Viand (CDU)

  • »Der Blick auf Ausländer ist hier doch zuerst von der Frage bestimmt ›Wo gibt’s für wenig Geld die größten Portionen?‹ «
    Panos Anagnostopoulus, Vorsitzender des 1987 gewählten Ausländerbeirats

  • »Selbst das Prinzenpaar hat einmal im Jahr Rederecht im Stadtparlament – und macht davon auch regelmäßig Gebrauch. Warum wollen wir das also den Repräsentanten des Ausländerbeirates weiter vorenthalten?!«
    Klaus Tschakert (SPD, Vorsitzender des Kulturausschusses)

  • »Integration braucht Zeit. Ich bin mit einer griechisch-stämmigen Frau verheiratet. In deren Familie hat das locker 30 Jahre gedauert, bis sie hier integriert war.«
    Christian Sarges  (GRÜNEN-Fraktionschef)

Bildergalerie und Video-Clips von der Veranstaltung

 
 

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