1. Mai in Wetzlar © Klaus Petri
1. Mai in Wetzlar © Klaus Petri
vom 01.05.2018

1. Mai 2018: »Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit«

Unter diesem Motte versammelten sie Gewerkschafter zur Maikundgebung in Wetzlar

Von Klaus Petri

Bericht über die DGB-Maikundgebung 2018 auf dem Wetzlarer Eisenmarkt
Unter das Motto »Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit« hatte der örtliche DGB die diesjährige Maikundgebung auf dem Wetzlarer Eisenmarkt gestellt.

Kreisvorsitzender Arne Beppler brach in seiner Begrüßungsansprache eine Lanze für »ein gerechtes Steuersystem, bezahlbare Mieten und funktionierende öffentliche Dienstleistungen – statt weitere Milliarden für Rüstungsprojekte zu verpulvern«. Unter den rund 120 Kundgebungsteilnehmern waren die Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt (SPD), die Landtagsabgeordneten Frank Steinraths (CDU) und Hermann Schaus (LINKE) sowie der Wetzlarer Stadtrat Norbert Kortlüke (GRÜNE). Mit Blick auf den bevorstehenden 200. Geburtstag von Karl Marx erwähnte Beppler »die anhaltende Aktualität von dessen Kapitalismus-Analyse«.

Wetzlars Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) plädierte für eine Arbeitswelt, die frei sein müsse von Existenzängsten und ständiger Verunsicherung: »In einem intakten Gemeinwesen werden junge Leute auch vermehrt Familien gründen und sich gesellschaftlich engagieren«. Mit Blick auf die Auseinandersetzung um die Nutzung der Stadthalle durch die NPD attestierte er seiner widerständigen Stadt »ein Herz aus Stahl« und einen »Blick durch klare Linsen - ohne braune Eintrübungen«. Dafür gab es viel Applaus.

Hauptrednerin war die aus Frankfurt/M. angereiste ehemalige DGB-Landesvorsitzende Gabriele Kailing. Sie ging zunächst auf das »Epochenjahr 1968« ein. Damals seien die Themen Minderheitenschutz und Gleichheit der Geschlechter nach vorne gebracht worden: »Wenn heute Frauen im Schnitt immer noch 21 Prozent weniger als ihre männlichen  Kollegen verdienen, weisen wir als Gewerkschaften auf diese Gerechtigkeitslücke hin«.

Das Modell der sozialen Marktwirtschaft mit seinen sozialen Sicherungssystemen sei in den letzten Jahrzehnten in eine Schieflage geraten: »Flächentarifverträge sind immer Garanten für eine gerechte Entlohnung gewesen. In den 90er Jahren haben die Arbeitgeberverbände ihren Mitgliedsfirmen eine ›OT-Klausel‹ (= ohne Tarifbindung) zugestanden. Das hat die Gewerkschaften geschwächt und dem Modell ›Raubtierkapitalismus‹ den Boden bereitet. In Hessen zahlt inzwischen nur noch jeder dritte Betrieb nach Tarif«.

Durch gewerkschaftlichen Druck sei im Koalitionsvertrag die Stabilisierung des Rentenniveaus von 48 Prozent bis 2015 erreicht worden. Die Gesellschaft müsse auch künftig  bei Pflege, Krankheit und Alter als Schutzgemeinschaft intakt bleiben: »Wenn sich hingegen  große Teile der Wirtschaft aus ihrer sozialen Verantwortung verabschieden, gefährdet das die Grundlagen der parlamentarischen Demokratie, die auf den Werten Solidarität, Vielfalt und Gerechtigkeit gründet, und ist Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten und demokratiefeindlichen Demagogen«, warnte Kailing.

IG Metall Sekretär Stephen Maier stellte lokale Bezüge her: »270 Jahre lang gibt es in Wetzlar bereits Spezialguss-Technik. Mit dem Verkauf dieser Buderus-Abteilung an eine Heuschrecke ist der Ofen jetzt endgültig aus. Mehrere Dutzend Arbeitsplätze einer Entwicklungsabteilung bei der Firma Carl Zeiss gehen zum Werk Oberkochen, den geplanten Abzug von gewerblichen Arbeitsplätzen nach Ungarn haben wir durch innerbetrieblichen Druck verhindern können«. Der Wetzlarer Magistratsspitze stellte Maier für deren Agieren in Sachen Stadthallenüberlassung für die NPD das Prädikat »Weltklasse« aus.

Luke Strom nahm als stellvertretender Schulsprecher des Wetzlarer Hessenkollegs zum Thema »Zukunft Europa« Stellung: »Es ist gut, dass wir an unseren Schulen mehrere Fremdsprachen lernen und als Studenten Auslandssemester angeboten bekommen. Wenn aber bulgarische Schlachthaus-Arbeiter bei uns für Hungerlöhne arbeiten, rumänische Bauarbeiter wegen Insolvenz von Subunternehmen ganz ohne Löhnung bleiben und Pflegekräfte aus Polen und Spanien zuhause fehlen, wird dieses Europa keine Zukunft haben. Statt großen Firmen wie Amazon und Google mit Steuervermeidungsmodellen entgegenzukommen, muss die Politik das europäische Haus für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wohnlich umgestalten.«

Ernst Richter nahm als Vorstizender des Vereins WETZLAR ERINNERT zum 85. Jahrestag der Zerschlagung der ADGB-Gewerkschaften am 2. Mai 1933 Stellung:
»Das zynische und skrupellose Vorgehen der Nazis war leider erfolgreich. Dass sich das Gespenst des braunen Terrors nicht von selbst verflüchtigen würde, mussten in der Folge viele Menschen leidvoll erfahren. Für uns gilt heute umso mehr: Wehret den Anfängen!«.

Im Anschluss an die Kundgebung fand auf im Klostergarten eine Mai-Feier mit Speisen, Getränken, Kinderaktivitäten und Infoständen statt, die vom Frankfurter Liedermacher Ernst Schwarz musikalisch umrahmt wurde.

Witzige Begebenheit am Rande: Auf dem Höhepunkt der Kundgebung gab es eine Art von »clash of cultures«:  an den Kundgebungsteilnehmern vorbei zog eine Schar mit Bollerwagen, Bierproviant und Mailaub-Schmuck über den Eisenmarkt.

 
 

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