Tomasz Kiryllow erinnert sich

 

Aus Kiryllows Erinnerungen und sein Besuch 1987 in Wetzlar

Lange Listen mit den Namen

von Zwangsarbeitern verstauben in den Archiven von Wetzlarer Unternehmen.

 

Welche Schicksale verbergen sich

hinter den lapidaren Eintragungen eines Namens, eines Geburtsdatums und Geburtsortes? Hinter einer handschriftlichen Bemerkung mit Bleistift?

 

»Ü B E R F Ü H R T   N A C H   F R A        

 

Tomasz Kiryllow wurde am 24.03.1925 in Soriki (Belorussland) geboren, wo er seine Kindheit und Jugend bis zum 17. Lebensjahr verbrachte. »Im März 1942 wurde ich 17 Jahre und das Leben im stillen Dorf erschien mir langweilig […]  Ich träumte davon ein nettes Mädchen kennen zu lernen.«

1942, dramatischer Lebenseinschnitt:    
Verschleppung zur Zwangsarbeit in das faschistische Deutschland. Auch Tomasz Schulfreunde Anton Kierski und Mieczyslaw Simankowicz standen auf der Liste.

»Mit zitternden Händen packte Mama meine Sachen in ein Holzköfferchen und weinte still […] Wir warteten bis zum 5. Juni auf den Transport. Aus den nahegelegenen Dörfern kamen die Eltern, um ihre Kinder zu verabschieden. Eine lange Kolonne zog die Straße entlang, die zum Bahnhof führte. Auf dem Eisenbahngleis warteten Güterwagen auf uns. Wir stiegen, Jungen und Mädchen getrennt, in die Waggons. […] Der Transport ging ununterbrochen westwärts. Die Waggons waren mit Menschen vollgestopft.«

Der Transport endete im Durchgangslager Kelsterbach. Dort erschien nach wenigen Tagen ein »Käufer« aus einer Fabrik, die Teile für Flugzeugmotoren produzierte. Hier sollte den 60 benötigten Arbeitskräften das Drehen beigebracht werden. Zu den ausgewählten Arbeitern zählten auch Tomasz Kiryllow und seine Leidensgenossen, die nach Wetzlar gebracht wurden.

 
 

1942/43:        
Lagerhaft und Zwangsarbeit in Wetzlar

»Auf irgendeiner Station befahl man uns auszusteigen. Die auf dem Bahnsteig hängende Tafel verkündete in schwarzen gotischen Buchstaben ›Wetzlar an der Lahn‹.«

»Das Lager befand sich hinter der Stadt, von einem hohen Drahtzaun umgeben, man nannte es ›Taubenstein‹.«

Die »Ostarbeiter« durften das Lager nur verlassen, um in der Fabrik Pfeiffer Apparatebau 12 Stunden am Tag zu arbeiten.

Frühsommer 1943:

  • Vorwurf der Sabotage in der Rüstungsproduktion und antifaschistischer Propaganda
  • Überführung in das »Arbeitserziehungslager« Heddernheim bei Frankfurt/Main und von dort
  • Deportation in das Konzentrationslager Buchenwald

Januar 1944:           

Überstellung in das Außenlager III.-SS-Brigade Köln-Deutz.

März 1944: Transport nach Frankreich zum Aufbau des Lagers »Hesdin«. Dort konnte der Neunzehnjährige fliehen. Er schloss sich den französischen Partisanen an und kämpfte in der Gruppe in »Blangy-sur-Ternoise« bis zur Befreiung durch die Alliierten.

 
 
 
Buch mit den Memoiren von Thomasz Kiryllow »Und ihr werdet doch verlieren!«
 
 
Tomasz Kiryllow (2. von links) mit seinen Schulfreunden Anton Kierski (3. von links) und Mieczyslaw Simankowicz (1. von rechts)

Tomasz Kiryllow (2. von links) mit seinen Schulfreunden Anton Kierski
(3. von links) und Mieczyslaw Simankowicz (1. von rechts), mit denen er 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde.

 
Der Zeitzeuge Tomasz Kiryllow (in der Mitte) bei einem Stadtrundgang durch Wetzlar im April 1987, hier am Taubenstein.

Der Zeitzeuge Tomasz Kiryllow (in der Mitte) bei einem Stadtrundgang durch Wetzlar im April 1987, hier am Taubenstein.

 

Auf der Begehung im April 1987
Eine Skizze, die Kiryllow zur Erläuterung des Barackenlagers Taubenstein anfertigte.

 
 
 
 

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