Ge(h)denken

 
Zwangsarbeiterinnen bei hensoldt
 

Gräber von zur Zwangsarbeit verschleppten Menschen auf dem Friedhof Niedergirmes

 

Nichtdeutsche Gräber auf dem Friedhof Wetzlar-Niedergirmes

Ein Bericht von Klaus Petri auf der Grundlage der Recherchen von Marianne Peter

Nach Schätzung von Historikern lebten und schufteten während des Zweiten Weltkrieges im Deutschen Reich und den von der Hitler-Wehrmacht eroberten Gebieten rund 26 Millionen Männer, Frauen und Jugendliche als Zwangsarbeiter. Für den heutigen Lahn-Dillkreis betrug deren Zahl etwa 17.000. Es gab magere Löhne und eine elende Verpflegung für diese Menschen. Die ersten wurden sogar regulär-freiwillig als Arbeitskräfte angeworben.

Mit fortschreitendem Krieg deportierten die deutschen Besatzungsbehörden schließlich ganze Schulabschlussjahrgänge aus Polen, Weißrussland oder der Ukraine ins Deutsche Reich. Für die Unterbringung wurden geschlossene Barackenlager errichtet, gegenüber den einheimischen Arbeitskräften gab es ein Kontaktverbot. Ältere Wetzlarer wie die in 2002 verstorbene Edith Z. geb. Marquart erinnern sich noch an »die schöne Musik«, die aus den Zwangsarbeiter-Unterkünften nach außen drang.

 
 
 

Lebenserinnerungen von Elsie Kühn-Leitz

Ihr Schicksal findet Erwähnung in den Lebenserinnerungen der Fabrikanten-Tochter und Wetzlarer Ehrenbürgerin Elsie Kühn-Leitz (»Mut zur Menschlichkeit«, 1994, S. 44f): »In der Frühe des 10.9.1943 um halb 7 Uhr wurde ich von einem Wächter des Ostarbeiterlagers angeklingelt, ich möchte sofort herunterkommen, die Ostarbeiterführerin Maria Gulowata läge im Sterben. » […] Sie lag in ihrer kleinen Stube auf dem Bett und war schon tot als ich herunterkam. […] Als Todesursache wurde Gehirnschlag festgestellt, was bei einer so jungen Frau kaum glaubhaft erscheint. […] Lange Zeit später erfuhr ich von unserem Lagerleiter, dass Maria Gulowata wohl als Spitzelin gegen ihre eigenen Volksgenossen für die deutsche Gestapo gearbeitet haben soll. […] Jedenfalls lag und liegt noch heute ein Rätsel über diesem frühen Tod.«

1995 besuchte eine 15-köpfige Gruppe überlebender ukrainischer Schicksalsgenossen auf Einladung der Wetzlarer Geschichtswerkstatt und einer Evangelischen Kirchengemeinde die Zivilarbeitergräber auf dem Niedergirmeser Friedhof. Darunter auch Filip Gulowatij, ein Cousin von Maria Gulowata. Als seine Cousine 23-jährig starb, hatte die etwa gleich alte Lidia Jatschinowna ein todkrankes 2 Monate altes Söhnchen. »Pack es, und schmeiß es in die Toilette!«, lautete die barsche Order des Wachmannes, als der Säugling an Entkräftung verstorben war.

Nach Angaben der Ukrainerin, die sie während ihres Besuches in Wetzlar vor 20 Jahren machte, hat sich Elsie Kühn-Leitz dann darum gekümmert, dass der kleine Leichnam mit ins Grab von Maria Gulowata kam.

Bild links:
Filip Gulevatij kniet vor dem Grab Maria Gulowatas auf dem Friedhof in Niedergirmes.
Bild: Marianne Peter, aufgenommen am 5. Mai 1995.

 
 
 
Gruppe Ukrainerinnen. In der Mitte eine Balalaika-Spielerin


 
 

Was geschah im Todesfall mit diesen Menschen

Die Wetzlarer Historikerin Marianne Peter hat Forschungen darüber angestellt, was im Todesfall mit diesen Menschen geschah, die fernab der eigenen Heimat in der Rüstungsindustrie, bei Aufräumarbeiten, in der Landwirtschaft oder in Privathaushalten eingesetzt waren.

Ein Verwaltungsbericht aus dem Jahr 1956 nimmt Bezug auf den Friedhof des stark industriell geprägten Wetzlarer Stadtteils Niedergirmes: »Im Juli 1942 wurde auf dem Gelände des Friedhofes Wetzlar-Niedergirmes eine Begräbnisstätte für Ausländer angelegt; hier wurden 276 nach Deutschland dienstverpflichtete, ausländische Arbeiter beigesetzt, von denen in den letzten Jahren 19 Franzosen, Belgier und Holländer ausgegraben und in ihre Heimat überführt wurden. Die Gräber der Ausländer erhielten im Frühjahr 1951 Eichenholzkreuze.«

 

Bild links:
Der Gedenkstein der Kriegsgräberfürsorge, der auf die zivilen ausländischen Opfer hinweist, die auf dem Niedergirmeser Friedhof begraben wurden.Bild: Marianne Peter.

 
 
 

Pflege von Grabstellen nach dem Kriegsgräbergesetz

An anderer Stelle gibt es in dem gleichen Friedhofsbericht einen Hinweis auf die Wiederbelegung eines noch aus dem 1. Weltkrieg stammenden »Franzosen-Friedhofs« im südöstlich der Kernstadt gelegenen Stadtteil Büblingshausen: »Im Jahre 1925 waren zahlreiche Gräber des Kriegsgefangenen-Friedhofes Wetzlar-Büblingshausen durch Überführungen ehemaliger französischer Kriegsgefangener in ihre Heimat freigeworden. Diese Gräber wurden im Laufe des 2. Weltkrieges mit 45 Kriegsgefangenen neu belegt.«

Laut international gültigen Kriegsgräbergesetzen und entsprechenden bilateralen Abkommen verpflichten sich frühere Kriegsgegner zum Erhalt und zur Pflege von Grabstellen. Die heute in Niedergirmes sichtbaren Namenstafeln wurden einheitlich vermutlich erst mit dem 1. Kriegsgräbergesetz aus 1965 hergestellt.

Ein schlichter Grabstein ist einer 23-jährig verstorbenen Ukrainerin namens Maria Gulowata gewidmet, die mit vielen Gleichaltrigen aus dem ukrainischen Dorf Mervin bei Winiza ins Deutsche Reich verschleppt worden war.

 
 
Der Gedenkstein für Maria Gulowata

Der Gedenkstein für Maria Gulowata auf dem Friedhof Niedergirmes. Grab 15, Reihe 1. Bild: Marianne Peter, 2013.

 
 
 

Die Recherchen von Marianne Peter beziehen sich u.a. auf die Erzählungen von Elsie Kühn-Leitz. »Mut zur Menschlichkeit..1994«, Seite 44 und 45, Herausgeber: Klaus Otto Nass:

Über Maria und ihren Tod am 10.9.1943

In der Frühe dieses Tages - um halb Sieben Uhr - wurde ich von einem Wächter des Ostarbeiterlagers angeklingelt, ich möchte sofort herunterkommen, die Ostarbeiterführerin Maria Holliwata läge im Sterben. Maria Holliwata war mit 22 Jahren mit einem Trupp von 2.000 Russinnen aus der Ukraine im Juni 1942 bei uns eingetroffen. Sie war mir gleich aufgefallen als eine besonders intelligente, frische, lebendige Person. Zu Hause in Winiza war sie Lehrerin gewesen, hatte einen Mann gehabt, von dem sie aber schon lange nichts mehr wusste, und ein kleines Mädchen. Sie hatte im Gegensatz zu den anderen Russinnen blondes lockiges Haar, strahlend blaue Augen und fiel jedermann sofort durch ihre straffe, stattliche Gestalt auf. Vom ersten Tage ihres Hierseins an hatte ich mich um die Ostarbeiterinnen gekümmert und Maria, die von Anfang an etwas Deutsch sprach, war immer die Vermittlerin und Dolmetscherin für die Wünsche und Nöte ihrer Kameradinnen gewesen.

So kam es ganz von selbst, dass sich ein persönliches Verhältnis zwischen Maria und mir herausbildete. Über ein Jahr war es mir möglich gewesen, mit Unterstützung der Arbeitsfront im Lager bei den Ostarbeiterinnen tätig zu sein und dafür zu sorgen, dass sie, soweit möglich, ausreichend zu essen bekamen, dass sie Kleider und Schuhwerk erhielten. Ich sorgte dafür, dass das Lager richtig eingerichtet und verschönt wurde, dass die Mädchen Radio bekamen, dass eine Nähstube, ein Kaufladen, eine Schusterwerkstätte und anderes eingerichtet wurde, dass die Mädchen regelmäßig zum Baden kamen, die Stuben anständig gesäubert und aufgeräumt wurden, eine Besitzkartei eingerichtet wurde - kurzum, wenn auch unter den schwierigsten Umständen, so wurde doch alles Mögliche für die Mädchen getan, um ihnen neben der vielen Arbeit in der Fabrik auch noch einige frohe abwechslungsreiche Stunden zu verschaffen. Maria war besonders dankbar dafür. Sie kam öfters nach der Arbeitszeit zu uns herauf, und dann ging ich mit ihr in den Garten, gab ihr Blumen, Kuchen und Obst, ließ sie duschen und schenkte ihr von den Sachen, die ich entbehren konnte und die sie beglückten. So trug sie mit besonderer Freude eine strahlend blaue Faschingsbluse meines Mannes. Denn die Ostarbeiterinnen lieben es ja überhaupt, in möglichst bunten Farben herumzustolzieren und möglichst viele bunte Ketten zu tragen.

Es war mir ein ganz besonderer Schmerz und ein bis auf den heutigen Tag ungeklärtes Rätsel, dass Maria Holliwata so früh verscheiden musste. Sie lag in ihrer kleinen Stube auf dem Bett und war schon tot als ich herunterkam. Die Kameradinnen erzählten mir, sie habe am Abend schreckliche Kopfschmerzen gehabt und furchtbar erbrochen. Und dann sei es mit ihr auch ganz plötzlich zu Ende gewesen. Der herbeigerufene Amtsarzt konnte nur noch den Tod feststellen. Die schöne blaue Bluse, die Maria so gern getragen hatte, wurde nun vom Amtsarzt nach allen Richtungen hin zerschnitten und ihr Körper genau untersucht. Als Todesursache wurde Gehirnschlag festgestellt, was bei einer so jungen Frau kaum glaubhaft erscheint. Es wurde zwar untersucht, ob nicht Vergiftung durch Dritte oder Selbstmord vorläge, aber dies konnte nicht ermittelt werden.

Lange Zeit später erfuhr ich von unserem Lagerleiter, dass Maria Holliwata wohl als Spitzelin gegen ihre eigenen Volksgenossen für die deutsche Gestapo gearbeitet haben sollte, denn sie war die einzige Lagerinsassin, die sich außerhalb der Stadt Wetzlar frei bewegen durfte und sogar mit Genehmigung der Gestapo nach Frankfurt fahren konnte - eine ganz außergewöhnliche Vergünstigung, da sämtliche anderen Ostarbeiterinnen sich mit ihren Abzeichen nur zu ganz bestimmten Tagen und Stunden außerhalb des Lagers frei bewegen durften. Jedenfalls lag und liegt noch heute ein Rätsel über diesem frühen Tod.

Und so rätselhaft wie dieser Tod war das, was sich für mich daran anschloss. Ich ordnete ein ordentliches Leichenbegängnis für Maria an, bestellte einen Sarg, ein Totenhemd, besprach mit dem Amtsarzt die Leichenobduktion. Während ich noch in Verhandlungen darüber war, erschien einer der mir bekannten jüngeren Beamten der Gestapo, ein Herr M., ein Schnösel von 26 bis 28 Jahren, ein Mensch mit keinem festen Profil, der in seinem ganzen Gehabe etwas Zynisch-Überlegenes, Sadistisches, Gallertartiges hatte. Er war schon oft im Lager mit mir zusammengetroffen und hatte mich verwarnt vor allzu humaner und sozialer Einstellung den Ostarbeiterinnen gegenüber, und ich hatte mit ihm schon manchen Disput gehabt, wie über den Kinobesuch der Ostarbeiterinnen, die Ausgangserlaubnis usw.

Er machte sich sofort über die Habseligkeiten von Maria her und beschlagnahmte alles, insbesondere ihre Tagebücher. Ich konnte nur noch Herrn Barth verständigen und ihn bitten, die Bücher an sich zu nehmen und daraufhin durchzusehen, ob Maria mich darin genannt hatte und diese Stellen zu entfernen. Herr Barth hat das auch getan und die mich lobenden Erwähnungen in ihren Büchern geschickt vernichtet.

Bei der Untersuchung sagte Herr M. so ganz beiläufig: »Frau Dr. Kühn-Leitz, Sie müssen heute Nachmittag zu einer Vernehmung bei der Gestapo erscheinen.« Aber da ich schon zwei Tage vor diesem Ereignis mit einem Bekannten in Frankfurt bei der Gestapo war, um mich nach dem Verbleib der Frau zu erkundigen, die von der Gestapo wenige Tage vorher inhaftiert worden war, ahnte ich nichts Gutes. Ich selbst hatte mich, wie ich wohl wusste, gegen das Hitler-Regime und die Anordnungen der Gestapo vergangen, infolge zu humanen Verhaltens gegenüber den Ostarbeiterinnen und durch Unterstützung einer »Jüdin«, [...]

Quelle: Klaus Otto Nass (Hrsg.) Elsie Kühn-Leitz. Mut zur Menschlichkeit..1994, Seite 44 und 45

 
 

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