Ge(h)denken

 

Begleitung von Stolpersteinverlegungen in Wetzlar

Stolpersteinverlegung am 08.09.2015 für Familie Moses

Stolpersteinverlegung am 08.09.2015 für Familie Moses in der Langgasse vor dem Haus 17. Der Sohn der Familie Moses, Manfred, war bei seiner Ermorderung in Sobibor nicht einmal 8 Jahre alt geworden. Foto: Ernst Richter

 

Verlegung von 19 (weiteren) „Stolpersteinen“ in der Wetzlarer Altstadt am 08.09.2015

»Man stolpert mit dem Kopf und dem Herzen über Einzelschicksale und verbeugt sich beim Entziffern der Inschrift vor den Opfern von Verfolgung und Gewaltherrschaft.« So erläuterte der Kölner Bildhauer Gunter Demnig die Idee der »Stolpersteine«, die er vor knapp zwei Jahrzehnten als Form des Vor-Ort-Gedenkens an die Gräuel der Nazizeit initiierte. Rund 55 000 der kaum postkartengroßen und in Metall gearbeiteten Kurzbiografien sind inzwischen europaweit in das Pflaster von 1 600 Städten und Dörfern eingebracht worden. In Wetzlars Altstadt wird so  seit Oktober 2009 an deportierte Menschen aus der Bürgerschaft erinnert.

Von den 54 während des Krieges in die Vernichtungslager verfrachteten Menschen jüdischen Glaubens wurden 38 ermordet, 16 gelten als verschollen. Die zwischen Kornmarkt und Eisenmarkt gelegene Gewandsgasse war der letzte Wohnort von Martha (JG. 1905) und Mathilde Levy (JG 1874)  sowie von Rosa Löb (JG 1883), die in den Lagern Sobibor und Theresienstadt starben. Zugleich war es die erste von sieben Stationen, an denen gemäß eines Beschlusses der Wetzlarer Stadtverordnetenversammlung 19 Stolpersteine eingelassen wurden. Oberbürgermeister Wolfram Dette (FDP) und Bürgermeister Manfred Wagner (SPD) plädierten für eine lebendige und vielfältige Erinnerungskultur und bedankten sich bei den 50 Anwesenden für deren Teilnahme an der Gedenkfeier.

Die Finanzierung der Stolpersteine (120 Euro pro Stück) hatten Einzelpersonen und Gruppen wie das Evangelische Jugendpfarramt aus Wetzlar und Umgebung im Rahmen einer »Patenschaft“ übernommen. Karsten Porezag, Autor des Buches „Als aus Nachbarn Juden wurden“, verlas Textstellen, die von den menschlichen Abgründen des damaligen Geschehens künden. In 2005 erinnerte sich eine frühere Nachbarin der 3 Jüdinnen aus der Gewandsgasse: »In der letzten Zeit vor ihrem Zwangsumzug nach Niedergirmes haben wir oft abends zusammen Karten gespielt, damit sie abgelenkt waren. Eines Tages  - es mag Anfang April 1942 gewesen sein – kam ich von der Nachtschicht heim, als sich die drei Frauen gerade von meinen Eltern verabschiedeten. Alles weinte und wir wussten, dass die Jüdinnen einen schweren Gang vor sich hatten.« 

Rabbiner Andrew Steinman war aus Frankfurt/M. angereist, wo er als Seelsorger in einem christlich-jüdischen Seniorenheim arbeitet. Mitgebracht hatte er den Gebetsschal und die Grüße eines Holocaust-Überlebenden. So wurde symbolisch eine Verbindung zu den vor 73 Jahren ermordeten Glaubensbrüdern und -schwestern  hergestellt. In der Silhöfer Straße 6 wurde des nach einer »Schutzhaft« im KZ Buchenwald 1942 in Treblinka ermordeten Moritz Wertheim gedacht, in der Lahnstraße 28 wird mit einem Stolperstein an Clara Schloss (JG 1882) erinnert, die aus einem Schuhgeschäft in der Obertorstraße stammte. Gleich 7 Familienmitglieder einer Familie Moses werden zu Beginn der Langgasse (Haus Nr. 17) mit Gedenksteinen betrauert. Rabbi Steinman brachte den Schulbeginn an Wetzlars Schulen mit dem barbarischen Ende der Moses-Kinder Ruth (10 Jahre alt) und Manfred (7 Jahre alt) in Verbindung: »Hier gedenken wir der Ohnmacht von zwei jüdischen Kindern angesichts ihrer Vernichtung. Welch ein bizarrer Kontrast zu den Nazi-Hirngespinsten von einer allmächtigen jüdischen Weltverschwörung!« Mit Blick auf die aktuelle Weltlage bemerkte der jüdische Geistliche: »Eine Art Wiedergutmachung wäre es, wenn der Hass aufhörte. Wir nehmen derzeit viele Flüchtlinge aus Ländern auf, in denen erbarmungslos verfolgt und gemordet wird. Auch das ist ein Stück Wiederherstellung unserer Würde als Menschen. Es muss noch mehr aufgeklärt werden, damit weniger gehasst wird«.

Die letzte Station der Gedenksteinverlegung (nach dem Karl-Kellerring 41/damals Jakob-Sprenger-Straße) ist mit der Adresse »Unter dem Nussbaum 55« außerhalb des Altstadtbereichs gelegen. Hier wohnte die 1908 geborene Elisabeth Debus, die 1941 in eine Pflege- und Heilanstalt (Scheuern/Eifel) eingewiesen und dann in Hadamar bei Limburg im Rahmen des »Euthanasie-Programms« ermordet wurde. Bei der Ehrung anwesend waren ein der jüngste Sohn, 4 Enkel und 2 Urenkel von Frau Debus sowie Claudia Schaaf, die als Pädagogische Mitarbeiterin der  Gedenkstätte Hadamar an die »Stigmatisierung ganzer Familien als erbkrank und minderwertig« erinnerte.

Hier eine tabellarische Übersicht, für wen die 19 neuen Steine von Guner Demnig am 08.09.2015 verlegt wurden:

 

Wohnsitz/Wohnhaus Wetzlar

Name

Geburts-jahrgang

deportiert, verschollen, ermordet in

 im Jahr

Gewandsgasse 17,
später Gewandsgasse 12

Martha Levy

1905

Sobibor/Polen

1942

Mathilde Levy

1874

Theresienstadt/Terezin/Tschechien

1942

Rosa Löb

1883

Theresienstadt/Terezin/Tschechien

1942

Silhöfer Straße 6

Moritz Wertheim

1869

deportiert nach Theresienstadt/Terezin/Tschechien,
ermordet in Treplinka/Polen

1942

Lahnstraße 28

Klara Schloss

1882

Sobibor/Polen

1942

Langgasse 17

Eva Moses

1903

Sobibor/Polen

1942

Isidor Moses

1872

deportiert nach Buchenwald/Thüringen,
ermordetin Treplinka/Polen

1942

Manfred Moses

1935

Sobibor/Polen

1942

Max Moses

1908

deportiert nach Buchenwald/Thüringen,
ermordet in Majdanek/Polen

1942

Bertha Moses

1896

Kowno FortIX/Litauen

1942

Hugo Moses

1901

Kowno FortIX/Litauen

1942

Ruth Moses

1932

Kowno FortIX/Litauen

1942

Karl-Kellner-Ring 41,
damals
Jakob-Sprenger-Straße 41

Clothilde Salomon

1874

Theresienstadt/Tschechien

1944

Moritz Salomon

1874

Theresienstadt/Tschechien

1943

Emmy Wetzstein

1889

Sobibor/Polen

1942

Friedrich Wetzstein

1888

Schutzhaft in Buchenwald/Thüringen,
ermordet im besetzten Polen

1942

Liesa Wetzstein

1922

Sobibor/Polen

1942

Karl-Kellner-Ring 45
damals
Jakob-Sprenger-Straße 45

Jenny Hamburger

1861

deportiert nach Theresienstadt/Tschechien,
ermordet in Treblinka/Polen

1942

Unter dem Nussbaum 55

Elisabeth Debus

1908

eingewiesen in Scheuern/Eifel,
ermordet in Hadamar

1941

Von den 54 deportierten Wetzlarer Bürgerinnen und Bürgern jüdischen Glaubens wurden 38 in den Vernichtungslagern des NS-Regimes ermordet. 16 Menschen sind verschollen. Um an verfolgte und ermordete jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erinnern, gibt es in Wetzlar bereits sechs Stolpersteine. Sie liegen vor den letzten freiwilligen Wohnstätten von

  • Lina Wollmann, geborene Lyon (Brodschirn 8/10),
  • Rosa Best, geborene Lyon (Krämerstraße 17),
  • Berta Lyon, geborene Moses und
  • Josef Lyon (Liebfrauenberg 1),
  • Salomon Moses (Pfannenstielsgasse 13) sowie von
  • Paula Weber, geborene Lyon (Zuckergasse 5).

Diese Steine hat Gunter Demnig am 22. Oktober 2009 verlegt. Auf der Website der Stadt Wetzlar, unter www.wetzlar.de  befinden sich Erinnerungsblätter über das Schicksal der Betroffenen zum Download. Originaldokumente können im Historischen Archiv der Stadt (Hauser Gasse 17) eingesehen werden.

Zudem erinnert seit 1989 ein Denkmal auf dem jüdischen Friedhof, auf dem auch der Name von Moritz Moses Wertheim verzeichnet ist, an alle vertriebenen, umgebrachten und verschollenen Menschen jüdischen Glaubens aus Wetzlar.

Einer aktiven Erinnerungs- und Gedenkkultur durch die Auseinandersetzung mit der Situation in der NS-Zeit widmet sich unser Verein »Wetzlar erinnert«. Er bietet neben der antifaschistischen Broschüre »Weg der Erinnerung – Wetzlar 1933-1945« regelmäßig dreistündige thematische Führungen durch die Stadt an.