Ge(h)denken

 
 

Geschichte jüdischen Lebens – Eine Übersicht

In Wetzlar bestand eine jüdische Gemeinde bereits im Mittelalter. Schon vor 1200 sollen Juden hier gewohnt haben. Nachzuweisen ist die Ansiedlung erstmals über eine Kaiserurkunde vom 9. Juli 1277 in der von "unseren Wetzlarer Juden" ("Judeis nostris Wetflariensibus") die Rede ist. 1292 wird als jüdisches Wohngebiet ein »vicus Judeorum« benannt (wohl zwischen Lahnstraße und Weißadlergasse) 1344 eine »Judengaße« 1348 die »Juden- und pansmydengaße« (die spätere Pfannenstielsgasse). Trotz dieser Bezeichnungen jüdischer Wohngebiete gab es keinen fest abgegrenzten jüdischen Wohnbereich. Jüdische Familien lebten auch in anderen Straßen der Stadt wie auch christliche Familien in der »Judengasse« lebten. In der Pestzeit 1348/49 kam es auch in Wetzlar zu einer Verfolgung der Juden. Erst 1360 werden wieder Juden in der Stadt genannt. Im 15. und 16. Jahrhundert lebten die meisten Juden am Kornmarkt. Es handelte sich allerdings nur um relativ wenige Familien (meist zwischen zwei und fünf Familien). Die Juden lebten vom Geldhandel und der Pfandleihe. Von einer Vertreibung der Juden aus der Stadt zu Beginn der Neuzeit ist nichts bekannt.

 
 

Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 17. Jahrhundert zurück. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges nahm die Zahl der jüdischen Einwohner von etwa 30 auf 60 zu. Die jüdischen Haushaltsvorsteher waren als Kaufleute und Händler tätig. Mitte des 18. Jahrhunderts wohnten etwa 100 jüdische Personen in der Stadt.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt:

Jahr

Jüdische Einwohner

Anteil an Bevölkerung

Einwohner insgesamt

1810

91

213%

4.278

1871

147

238%

6.172

1880

210

283%

7.428

1895

173

207%

8.350

1910

181

135%

13.389

1933

132

076%

17.392

Quelle: Alemannia Judaica

 
 

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.) eine Elementar- und Religionsschule ein rituelles Bad (Mikwe) und ein Friedhof. Die älteste Wetzlarer Mikwe lag vermutlich in der unteren Altstadt am Hertebau/Eselsberg ab 1755/56 in der Pfannenstielsgasse im Bereich der Synagoge. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungen der Stelle unten); zeitweise waren diese Aufgaben auch auf zwei Personen verteilt.

Als Lehrer werden insbesondere genannt:

  • 1851 bis 1876: Herz Heymann ca.
  • 1878 bis ca. 1905: D. Regensburger
  • 1905 bis 1933 Josef Katzenstein.

Die Gemeinde gehörte Anfang des 19. Jahrhunderts zum Rabbinat in Frankfurt am Main danach zum Rabbinat Friedberg. 1838 gehörte Wetzlar zum Konsistorium in Bonn. Spätestens um 1915 wurde Wetzlar mit den Gemeinden des Kreises dem Provinzialrabbinat in Marburg unterstellt.

 
Gemälde von der ehemaligen Synagoge in Wetzlar

Zeichnung von der Synagoge in der Pfannenstielsgasse

 
 
Heutige Gedenktafel in der Pfannenstielsgasse

Heutige Gedenktafel in der Pfannenstielsgasse

 
 
 
 

1933 lebten noch 132 jüdische Personen in der Stadt (07 % von 17.392). In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geschändet und ihre Inneneinrichtung zerstört.

Der jüdische Friedhof an der Bergstraße wurde geschändet. 1938 gab es noch 64 jüdische Einwohner in Wetzlar. 1942/1943 wurden die letzten 43 hier noch lebenden Juden deportiert und fast alle ermordet.

 
Synagoge als Getränkelager missbraucht

Synagoge als Getränkelager missbraucht

 
 
Zerstörter Kronleuchter

Zerstörter Kronleuchter

 
 
 
 

Wetzlar geborene und/oder längere Zeit in Wetzlar wohnhafte jüdische Mitbürger/-innen die während des Faschismus umgekommen sind: